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„Übrigens“, sagte Kim, die inzwischen mehrere Webseiten mit Informationen zu 35P HERSCHEL-RIGOLLET besucht hatte, „ein japanischer Astronom hat elf Kometendurchgänge in den letzten 2.000 Jahren errechnet: 1939, 1788, 1466, 1302, 1125, 932, 736, 539, 348, 165 nach Christus, 15 vor Christus. Der nächste ist 2092.“
„Das wird leider keiner von uns mehr erleben“, sagte Alexander. „Schade. Sonst könnten wir uns würdig darauf vorbereiten.“
„Und aus genau diesem Grund interessiert mich 2092 nicht“, sagte von Haase. „Weil ich dann nicht mehr da bin. Aber die andern Jahre, die Alexander genannt hat, sollten wir uns einmal genauer ansehen und überlegen, was da passiert ist.“
„Was soll denn da passiert sein?“, fragte Alexander.
„Ich darf daran erinnern“, antwortete von Haase, „dass Himmelserscheinungen früher oft mit großen Ereignissen in Verbindung gebracht wurden. Ich sage nur: Stern von Bethlehem. In dieser Annahme steckt vermutlich ein wahrer Kern.“
„Und Du meinst, in den betreffenden Jahren müsste unter dem Einfluss von DOMINIQUE & Co. etwas von historischer Bedeutung passiert sein, quasi ein Eingriff in den Geschichtsverlauf?“
„Möglich wäre es doch. Ein bisschen spekulieren wird man ja wohl noch dürfen.“
„Dann bin ich gespannt, was Dir aus dem Stand zu dem Besuch im Jahre 700 – wann war es genau? –“
„736“, kam ihm Kim zu Hilfe.
„736 einfällt. Oder zu einem Datum in vorchristlicher Zeit.“
„Ein Fachmann wird es wissen“, sagte von Haase trotzig. „Du bist eben kein Historiker.“
„Es wäre trotzdem hochgradig spekulativ, einen Kausalzusammenhang zu behaupten. Das würde ja voraussetzen, dass die Besucher zufällig immer gerade dort waren, wo Geschichte geschrieben wurde. Vielleicht waren sie gar nicht in der Nähe von Menschen, sondern auf einer unbewohnten Insel. Oder im Meer. Genau genommen“, holte er umsichtig aus, „wissen wir nicht einmal, ob die Mission des Jahres 1788 die erste und einzige oder eine von vielen war.“
„Immerhin“, sagte Kim, „ein Datum ist von kaum zu überbietender Brisanz. 1939.“
Alexander tippte Kim an die Schulter. „An welchem Tag genau wurde der Komet beobachtet?“
„Das war am 9. August.“
„Also gut. Drei Wochen später haben die Nazis Polen überfallen. Bloß – was fängst Du damit an? Sind die da draußen jetzt schuld am 2. Weltkrieg?“
„So einen Quatsch würdest Du von mir nie hören. Man kann sich höchstens fragen, warum sie ihn nicht verhindert haben.“
„Jetzt wirst Du aber theologisch, Maurice“, sagte Kim.
„Ich und theologisch? Das ist ja etwas ganz neues. Wieso?“
„Für eine außerweltliche eingreifende Intelligenz hatten wir schon immer einen Namen, und dieser Name war GOTT. Du hast ihn bloß durch ein anderes Wesen oder eine andere Macht ersetzt.“
„Weil Dein Mann mich gefragt hat. Er hat diese Antwort provoziert.“
Bis dahin hatte Hilde das Reden den andern überlassen. Doch jetzt meldete sie sich entschlossen zu Wort.
„Ich möchte mal eine Idee äußern, wenn ich darf. Ich muss an eine sehr interessante Sendung denken, die ich neulich zufällig auf ARTE gesehen habe. Ja ich weiß, vorhin habe ich noch behauptet, ich schaue kaum Fernsehen, weil so viel Mist kommt. Das war eben eine rühmliche Ausnahme. Ich hatte schon den Finger auf dem Ausschaltknopf, aber dann war ich so fasziniert, dass ich es mir bis zum Schluss angesehen habe. Es war eine Naturdokumentation über die Arbeit von isländischen Biologen im Nordatlantik. Ihr kennt die Geschichte wahrscheinlich. Vor -zig Jahren sind nach einem gewaltigen Vulkanausbruch vor Island ein paar kleine Inseln entstanden. Eine davon steht unter Naturschutz und darf nicht betreten werden. Ab und zu kriegt sie Besuch von Biologen und Zoologen, die die Entwicklung von Flora und Fauna untersuchen. Den Fortschritt der natürlichen Besiedlung sozusagen. Mit Gräsern und Farnen und Fliegen und Spinnen fing es an, dann kamen die Moose und die Flechten, und inzwischen wachsen da schon Weidenbüsche und es gibt ganze Kolonien von Vögeln, die hier brüten. Die Forscher greifen nicht ein. Sie kommen bloß, um zu lernen, wie das Leben sich ansiedelt und verschwindet und wie es weitergeht. Jede Veränderung wird protokolliert. Und so stelle ich mir das mit den Besuchern auch vor. Sie schicken eine Expedition, aber sie mischen sich nicht ein. Die Theologen sagen ja auch: Gott mischt sich nicht ein, weil die Verantwortung für unser Handeln allein bei uns Menschen liegt.“
„Hilde, das ist eine wunderbare Vorstellung“, sagte von Haase.
„Meinst Du das ernst oder willst Du mich auf den Arm nehmen?“
„Natürlich meine ich das ernst. Erst die Gräser und die Farne, dann die Fliegen und die Spinnen, und jetzt brüten schon die Seeschwalben in den Weidenbüschen... Das ist reine Poesie! Oder, Sheila? Alexander? Das ist druckreif!“
„Ich finde die Vorstellung, dass wir beobachtet und kontrolliert werden, nicht sehr angenehm“, sagte Kim. „Es hat auch etwas Bedrückendes, zu wissen, dass wir nicht allein sind. Und es könnte noch schlimmer kommen –“
„Wir sind nicht allein – haha, das ist mein Buch!“, rief von Haase dazwischen.
„Sie könnten auf die Idee kommen, uns Ratschläge zu geben“, fuhr Kim fort, „oder sich sonst wie einmischen. Als ob die Menschheit es nicht allein geschafft hätte, intelligent zu werden.“
„Intelligent, das sind wir. Aber nicht klug und nicht vernünftig“, grantelte Hilde. „Schaut euch doch mal um, wer uns regiert.“
„Vielleicht ist es genau umgekehrt“, sagte von Haase. „Sie bringen nichts auf die Erde, sondern sie nehmen etwas mit.“
„Für ihr intergalaktisches Museum?“ fragte Alexander spitz. „Das ist mir zu okkult.“
„Mach Dich ruhig lustig. Deine Schwiegermutter sprach von Expeditionsreisen. Wozu unternimmt man Expeditionen, wenn man nichts mit nach Hause bringt?“
„Räuber aus dem Weltall. Am Ende sind sie für einen Teil der Kunst- und Kulturverluste der letzten 5.000 Jahre verantwortlich. Kann man sie verklagen?“
„Ich sage Dir, sie sammeln. Aber der Ausdruck okkult gefällt mir. Genau wie die Ancient Alien Association. Gute Idee.“


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