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vor 21 Stunden
4 Min. Lesezeit

Es gab noch öfter Alternativen für den Rösselsprung. Einmal kamen sie auf eine Folge von 12, ein andermal von 13 Buchstaben, die sich, ganz regelgerecht, vor dem C noch um zwei bzw. einen Buchstaben verlängern ließen. Aber beide Male blieben Buchstaben übrig. Am Ende standen zwei Wörter auf von Haases Zettel: SCHELETRIGOHERRL und HERSCHELRIGOLLET.

 

„Jetzt seid ihr dran“, sagte von Haase jungenhaft grinsend, nachdem er die Wörter langsam buchstabiert hatte, damit Hilde die Buchstaben auf ihrem Holzbänkchen aufstellen konnte. Offenbar hielt er das Ganze für ausgemachten Blödsinn.

 

„Das erste Wort klingt nach Skelett“, sagte Alexander. „Aber mir fällt keine Sprache ein, in der man Skelett mit Sch schreibt. Und RIGOHERRL?“

 

„Da versagen Googles Algorithmen.“

 

„Also Quatsch“, ließ sich von Haase vernehmen. „Sag ich doch.“

 

„Moment“, sagte Alexander. „Es bleibt noch HERSCHELRIGOLLET. Dazu hatte ich von Anfang an mehr Vertrauen. Da steckt der Name Herschel drin. Das sagt mir was.“

 

„Haltet euch fest“, sagte Kim. „35P/Herschel-Rigollet is a periodic comet with an orbital period of 155 years“, las sie aus den Suchergebnissen vor. „Punkt der weitesten Entfernung von der Erde: 8,5 Milliarden Kilometer.“

 

Von Haase hielt es nicht länger auf seinem Schreibtischstuhl. „Ein Komet? Verstehe ich das richtig? Es ist der Name eines Kometen? Und Holtz hat ihn entdeckt?“

 

„Nein“, sagte Kim. „Caroline Herschel hat ihn 1788 entdeckt. 1788! DOMINIQUE! Und Roger Rigollet hat ihn 1939 ebenfalls beobachtet.“

 

„Moment. Zwischen 1788 und 1939 liegen, wenn ich richtig informiert bin, nur 151 Jahre. Nicht 155“, sagte Alexander.

 

Kim betrachtete ihn kopfschüttelnd und wies dabei auf ihr Telefon. „Ich kann nur wiedergeben, was bei Wikipedia steht.“

 

„Lass Dich von dem Herrn Professor bloß nicht irritieren, Liebes“, knurrte von Haase. „Wer hat denn jetzt den Hauptanteil an der ganzen Geschichte? Doch nicht die Astronomen? Und ohne mich wäre Holtz doch aufgeschmissen gewesen, oder?“

 

„Hier greift eins ins andere. Für Holtz war das regelmäßige Erscheinen des Kometen der Schlüssel zu Deiner Theorie. Weil sich das mit Daten deckte, die Du ermittelt hast.“

 

„Habe ich Daten ermittelt?“

 

„Offenbar. Oder Holtz hat sie abgeleitet. An seiner Entdeckung scheint jedenfalls etwas dran zu sein“, sagte sie in Alexanders Richtung. „DOMINIQUE wurde am 21. November 1788 beerdigt. Caroline hat den Kometen am 21. Dezember in einer Entfernung von 111 Millionen Kilometern beobachtet. Sie kommen auf der Umlaufbahn eines Kometen.“

 

„Sie?“ sagte Alexander und kräuselte die Stirn, während er Kims Telefon entgegennahm. „Geschwader tellerförmiger Raumgleiter, aus denen kleine grüne Männchen steigen? Tja, da muss ich wohl die Waffen strecken und um förmliche Aufnahme in die Ancient Alien Association bitten.“

 

„Du, das ist gut, das ist sehr gut“, rief von Haase, der Alexanders Sarkasmus schlicht ignorierte. „Das machen wir. Wir gründen eine internationale Gesellschaft.“

 

„Bitte nicht“, sagte Alexander.

 

„Du willst kneifen?“

 

„Ich sträube mich nur gegen die umfassende Vermarktung.“

 

„Natürlich, der Herr Professor will sich die Hände nicht schmutzig machen. Aber den Ruhm einfahren, das willst Du schon, ja?“

 

„Jetzt behalte mal die Nerven, Maurice“, sagte Alexander gereizt. „Wie ich eben schon sagte, haben wir nichts in der Hand. Zuallererst gilt es, sich mit Croqué zu verständigen. Und ich glaube nicht, dass wir das so schnell schaffen. Übermorgen müssen wir jedenfalls zurück nach Washington. Niemand von uns weiß, wie Croqué reagiert, wenn wir ihn auf DOMINIQUE ansprechen. Was wird er zur Prä-Astronautik sagen? Wir wissen, er ist skrupellos, er ist ein Spitzbube, aber er ist sicher nicht leichtgläubig. Wir werden ihm alles verraten müssen, den Eintrag im Beerdigungsregister, den Brief von Himly an Zünsler, den Kometenumlauf. Und wenn er nur halb so geschäftstüchtig ist wie du, Maurice, wird er versuchen, uns auszubooten.“

 

„Dann verraten wir ihm eben nichts. Dann heucheln wir eben irgendeinen anderen Grund für unser Interesse.“

 

„Und wenn er dann auf eigene Faust Nachforschungen anstellt? Es gehört nicht viel Grips dazu, alle Schritte, die wir gegangen sind, selbst zu gehen. Wahrscheinlich schafft er es sogar in kürzerer Zeit, weil er nicht rätseln muss, wo Waldbach liegt und welcher Anatom für die Präparierung von DOMINIQUE in Frage kommt. Im Handumdrehen hätte er die Dokumente aus Waldersbach und aus Donaueschingen selbst in der Hand.“

 

„Dann treten wir eben als Geschäftsleute auf. Also ich. Ich kaufe ihm das Skelett einfach ab. Wenn er wirklich so korrupt ist, wie es heißt, wird er ein anständiges finanzielles Angebot von meiner Seite sicher nicht zurückweisen. Ich sage einfach, ich hätte in der NZZ von seiner Sammlung gelesen. Vielleicht gibt es auch noch einen besseren Anknüpfungspunkt. Irgendwelche Geschäftsverbindungen, von denen ich erfahren haben könnte.“

 

„Als ich bei ihm war, hatte er anschließend ein Gespräch mit Wissenschaftlern aus Taipeh.“

 

„Taipeh? Das sind die Nationalchinesen. Das ist gut. Da wird immer viel geredet. Das ist meine Quelle.“

 

„Langsam, Maurice. Selbst wenn es Dir gelingt, Croqué DOMINIQUE abzuschwatzen – der Verkauf wäre illegal. Es handelt sich um Eigentum der Universität.“

 

„Ich kaufe selbstverständlich im Glauben, es handle sich um sein privates Eigentum. Du schüttelst den Kopf? –Verdammt, Alex, das ist doch erstmal egal. Hauptsache, wir haben das Ding erstmal hier. Dann können wir es in aller Ruhe untersuchen, vermessen, fotografieren, röntgen, kopieren – und zum Schluss geben wir es mit großer Geste wieder zurück.“

 
 
 

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