top of page
Suche

61

vor 8 Stunden
4 Min. Lesezeit

Während Kim ins Gästezimmer ging, um das Bild, das sie schon im Koffer verstaut hatte, zu holen, setzte von Haase das Gespräch mit Alexander fort.

 

„Übrigens vielen Dank für den Link zu den Beerdigungsregistern und die Scans aus Donaueschingen, Alexander. Ich kann zwar nicht alles entziffern, oder, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich kann diese alte deutsche Schrift nur schwer lesen, aber immerhin hat sich mir bestätigt, dass wir da der größten Sache aller Zeiten auf der Spur sind.“

 

Kim war zurückgekommen und hielt das Bild vor die Bildschirmkamera. „Kannst Du es erkennen?“

 

„Ja. Ich erinnere mich, dass es in seinem Zimmer hing. Was sind das für Figuren?“

 

„Es sind Schmetterlinge. Immer vier bilden ein Quadrat.“

 

„Dann sind die kleinen Kreise die Augenflecke auf den Flügeln.“

 

„Genau. In Frankreich heißen diese Falter ‚Paon du jour‘.“

 

Sie hielt sich das Bild dicht vor die Augen, um die Details zu studieren. Auf dem Augenfleck des Schmetterlings, der genau im Schnittpunkt der Diagonalen lag, entdeckte sie ein E, und schräg links darunter ein L.

 

„Wisst ihr was“, sagte sie ungläubig. „In einigen Augen sind Buchstaben.“

 

„Lass mal sehen“, sagte Alexander und nahm das Bild an sich. „Tatsächlich.“

 

Wie er feststellte, waren insgesamt 16 Augenflecken mit kleinen Buchstaben versehen, auf eine Weise, dass sich zwei Schmetterlinge mit Buchstaben höchstens an den Flügelspitzen berührten. Sie ergaben jedoch weder horizontal noch vertikal gelesen einen Sinn. Er gab das Bild an Hilde weiter.

 

Obwohl Hilde ihre Brille absetzte und sich dem Bild bis auf wenige Zentimeter näherte, behauptete sie, nichts von irgendwelchen Buchstaben erkennen zu können.

 

„Mutter“, sagte Kim, „ich kann Dir eine Lupe holen.“

 

„Nicht nötig. Ich hole unser ‚Scrabble’, und Du diktierst mir die Buchstaben.“ Sie stand auf, um das Spiel zu holen.

 

„Ich habe doch gesagt, dass das Bild eine Botschaft enthält“, sagte von Haase und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus.

 

„Hast Du das?“ fragte Alexander.

 

Hilde kehrte zurück, setzte sich und wühlte im Säckchen mit den Holzbuchstaben. „Was brauchen wir?“

 

„Ich schreibe mit“, sagte von Haase.

 

R und E“, sagte Alexander langsam. „I und L. T und H. G und E. L und C. O und L. E und S. H und R.“

 

„Drei L“, sagte Hilde, während sie die Buchstaben auf dem Holzbänkchen vor sich betrachtete. „Drei E, zwei R, zwei H. Je ein S, ein C, ein I, ein T, ein G und ein O“.

 

„Soll das ein Anagramm sein?“, fragte von Haase und starrte auf das Papier mit der Buchstabenreihe vor sich.

 

„Da steckt HEILSLEHRE drin“, sagte Hilde, die eifrig die Buchstaben hin und her schob. „Rest 6. Und ORCHESTER. Rest 7.“

 

„ERLOESTER“, ergänzte Kim. „Auch Rest 7.“

 

„Wenn es mehr als ein Wort sein darf“, mumelte Hilde, „steigen die Möglichkeiten natürlich. ESCHER HOLT GRILLE. Rest Null.“

 

„Null und nichtig würde ich sagen“, sagte von Haase. „ESCHER HOLT GRILLE... Wie lautete der eine Spruch, mit dem er mich begrüßte? Käfig sucht Vogel? Der Mann war nicht umsonst in der Klapse.“

 

„Moment mal“, sagte Alexander, der sich am Buchstabenlegen nicht beteiligt hatte. „Warum sind die Buchstaben eigentlich so seltsam über das Bild verteilt? Er hatte 8 mal 8 Felder zur Verfügung. Genutzt hat er aber nur 16, und ganz ohne Symmetrie. Trotzdem möchte ich wetten, dass der Verteilung irgendein System zugrunde liegt.“

 

Bis auf von Haase, der weiter mit seiner Buchstabenreihe beschäftigt war, starrten alle auf das Bild. „Ich habe SCHLEHE und ORGIE“, sagte von Haase. „Rest nur 4.“

 

„Wenn Sammy noch unter uns wäre, hätte er sicher eine Idee“, sagte Hilde. „Das Schachbrett hat auch 8 mal 8 Felder.“

 

„Es ist ein Schachbrett“, sagte Kim langsam. „Und es sind die Züge eines Springers. Er kann immer nur ein Feld vor und eins zur Seite gehen. Oder erst eins zur Seite und dann eins vor. Genau wie hier.“

 

Sie fuhr mit dem Finger vom E zum L und weiter zum R. Dann hielt sie das Bild vor die Kamera und wiederholte die Bewegung.

 

„Natürlich“, sagte Hilde. „Das ist es. Es ist ein Rösselsprungrätsel.“

 

„Und das geht wie?“, fragte von Haase.

 

„Du suchst Dir ein Startfeld und machst einen Rösselsprung nach dem andern. In dem Fall von Buchstabe zu Buchstabe, mit der vorgeschriebenen Bewegung, wie Sheila schon sagte, eins vor und eins zur Seite, oder umgekehrt. Ich hole mal ein Schachbrett. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht rauskriegen.“

 

„Das ist die Ordnung, nach der wir gesucht haben“, sagte Alexander. „Das System.“

 

Hilde kam mit einem Schachbrett zurück, und Kim verteilte die 16 Buchstaben, die nebeneinander auf Hildes Holzbänkchen standen, nach der Vorlage des Bildes auf dem Schachbrett. „Aber wo ist der Anfang?“ fragte sie und sah dabei Alexander an.

 

„Das weiß ich nicht“, antwortete Alexander. „Es spielt auch keine Rolle. Wir müssen nur auf die richtige Piste kommen.“

 

„Ich würde mit einem der E’s beginnen“, schlug von Haase vor. „Das E ist der am häufigsten benutzte Buchstabe.“

 

Alexander nickte. „Stimmt. Und genau deshalb würde ich damit nicht anfangen. Ich würde sagen, wir starten mit C und H. Weil C und H wahrscheinlich hintereinander stehen. Denk an die vielen Worte mit ch. Zum Beispiel Schock. Oder Scharlatan.“ Er bemühte sich, von Haase dabei nicht anzusehen.

 

„Alexander hat Recht“, sagte Hilde. „CH ist eine gute Idee. Schreibst Du mit, Maurice?“

 

„Oui, ma générale“, sagte von Haase. „CH.“

 

Hilde drehte die beiden Buchstaben auf dem Schachbrett um. „Was kommt nach dem H?“

 

„Es gibt zwei Möglichkeiten, zu einem E zu springen“, sagte Kim.

 

„Wir nehmen die erste. Mal sehen, wo das hinführt. CHE. Weiter.“

 

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
60

Für den Video-Chat mit von Haase hatte Alexander im Wohnzimmer seinen Laptop aufgebaut. Als die Verbindung hergestellt war, rief er Hilde und Kim, und sie nahmen auf den drei Küchenstühlen Platz. Von

 
 
 
59

Kim saß in der Küche ihrer Mutter vor ihrem unberührten Frühstück. Ein Teller aus feuerfestem Steingut mit einem Stück Baguette. Eine Teetasse. Das Glas mit dem selbstgemachten Quittenmus. Auf dem Stö

 
 
 
58

Auch an der medizinischen Fakultät selbst, die umgehend ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte, interessierte sich niemand für die schreckliche Vergangenheit und ihre etwaigen Hinterlassenschaften. Das

 
 
 

Kommentare


bottom of page