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Für den Video-Chat mit von Haase hatte Alexander im Wohnzimmer seinen Laptop aufgebaut. Als die Verbindung hergestellt war, rief er Hilde und Kim, und sie nahmen auf den drei Küchenstühlen Platz. Von Haase schien sich ehrlich zu freuen, als er Hilde auf dem Bildschirm seines Computers sah, von Alexander und Kim flankiert.

 

„Hilde, meine Liebe“ sagte er mit einem strahlenden Lächeln. „Du siehst bezaubernd aus. Wie geht es Dir?“

 

„Na, wie wird es mir schon gehen nach so viel Aufregung?“, antwortete Hilde. „Man macht sich Sorgen, die Sorgen lassen einen nicht schlafen, das hat man morgens in den Knochen, und damit fängt der Tag bereits schlecht an.“

 

Kim legte einen Arm um ihre Mutter und schmiegte sich an sie. „Wir stützen uns gegenseitig“, sagte sie.

 

„Und, was treibst Du so?“, wollte von Haase wissen.

 

Hilde hob theatralisch beide Hände. „Was denkst du? Ich mache meine Gymnastik, ich koche, ich gehe einkaufen, ich halte die Wohnung sauber. Fernsehen wenig. Das Fernsehen will einem bloß einreden, alles sei interessant. Blödsinn!“

 

„Fühlst Du Dich nicht manchmal einsam? Ich meine, wenn Du nicht gerade Besuch hast?“

 

„Wieso? Hier bin ich für mich und kann mich gehen lassen. Ich brauche keine große Gesellschaft. Was soll ich damit? Wichtig ist, dass man etwas mit sich anzufangen weiß.“

 

Von Haase erkannte, dass seine alte Freundin nicht in Plauderstimmung war und wendete sich übergangslos Kim zu.

 

„Und Sheila, wie ist es Dir und Deinem Mann ergangen?“

 

„Uns geht es gut“, antwortete Kim. „Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, um Abstand zu dem, was passiert ist, zu kriegen… Aber jetzt funktioniere ich wieder ganz ordentlich. Und wie geht es Dir?“

 

„Es ist wie immer. Ich werde von Araya verwöhnt und gefordert.“

 

Im selben Moment ging im Hintergrund eine Tür auf, und Araya kam auf die Kamera zu. Sie schien von Haase etwas mitteilen zu wollen, zögerte aber.

 

„Was gibt es, Liebes?“ fragte er, ohne den Kopf in ihre Richtung zu bewegen.

 

„Entschuldigung“, sagte Araya, „das Schweizer Fernsehen ist am Telefon. Sie würden morgen gerne ein Interview machen. Mit Dir. Wegen dem Alien.“

 

„Was?“ sagte von Haase und drehte sich zu ihr. Gesichtsausdruck und Stimme verrieten Empörung. „Wegen DOMINIQUE? Kommt gar nicht in Frage. Woher wissen sie das überhaupt? Sag ihnen, kein Gesprächsbedarf. Nein, warte. Sag ihnen, ich bin zurzeit in Chichén Itzá, Yucatán.“

 

Araya drehte sich wortlos um und verließ den Raum, und von Haase wandte sich wieder der Bildschirmkamera zu. „Habt ihr das gehört“, sagte er kopfschüttelnd. „Jetzt sind mir schon die Fernsehfritzen auf den Fersen. Ich glaube, es wird höchste Zeit, dass wir unser gemeinsames Projekt zum Abschluss bringen.“

 

Alexander hielt es für sehr wahrscheinlich, dass die Szene lediglich gestellt war, um sie unter Druck zu setzen. Er hielt von Haase nicht für so dumm, sich vorzeitig an die Medien zu wenden. Trotzdem sagte er: „Maurice, wir haben nichts in der Hand. Wenn wir verfrüht damit herauskommen, haben wir verloren.“

 

„Natürlich“, sagte von Haase und tastete sein Jackett nach dem Zigarettenetui ab. „Ich denke ganz genauso. Aber wir ihr seht, rückt man mir schon auf die Pelle. Ich werde mich nicht mehr lange verleugnen lassen können. Und ehrlich gesagt –“ Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in Richtung Bildschirm. „Ehrlich gesagt, bin ich selbst schon ein bisschen ungeduldig.“

 

„Uns geht es genauso“, mischte sich Kim ein. „Deswegen wollten wir gemeinsam mit Dir überlegen, wie wir jetzt weiter verfahren.“

 

Von Haase ließ sich in seinem Schreibtischstuhl nach hinten fallen und schlug die Beine übereinander. „Alexander hat mir erzählt, dass Holtz Dir ein Bild geschenkt hat, bevor er... Was ist eigentlich mit dem Bild passiert?“

 

„Ich habe es mitgebracht. Vielleicht hätte ich es der Polizei geben sollen, aber ich habe einfach nicht daran gedacht.“

 

„Du hast gesagt, er hat Dir das Bild sogar gewidmet“, erinnerte sie Alexander.

 

„Ja, auf seine Weise. Mit einer Zettelbotschaft.“

 

„Und wie lautete diese – Botschaft?“, fragte von Haase hinter einer Rauchwolke.

 

„Es war keine richtige Widmung. Er hat bloß dem Bild einen Namen gegeben“, antwortete Kim. „Ich glaube, er hat Erinnerungsbild dazu gesagt. Nein, jetzt fällt es mir ein. Er hat es Gedächtnisbild genannt. Gedächtnisbild für Madame Fairchild.

 

„Ist doch klar“, seufzte von Haase. „Zu seinem ewigen Gedächtnis. Mit ewig hat er es ja gehabt. Wie hieß sein Lieblingsspruch noch? Alles endet ewiglich. Schrecklich.“

 

„Aber das Bild ist schön“, sagte Kim. „Eine Tüftelei. Sehr eindrucksvoll.“

 

„Es war sein Abschiedsgeschenk für Dich, Sheila. Vielleicht hat es irgendeine Bedeutung. Habt ihr mal darüber nachgedacht?“

 

„Bisher nicht“, antwortete Alexander.

 

„Es liegt nebenan“, sagte Kim. „Willst Du es mal sehen?“

 

„Ja bitte. Vielleicht gibt es irgendetwas her.“

 

 
 
 

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