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- Jan-Christoph Hauschild

- vor 10 Minuten
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Kim saß in der Küche ihrer Mutter vor ihrem unberührten Frühstück. Ein Teller aus feuerfestem Steingut mit einem Stück Baguette. Eine Teetasse. Das Glas mit dem selbstgemachten Quittenmus. Auf dem Stövchen die Teekanne, Porzellan mit blauen Blümchen. Sie nahm die Tasse in die Hand und stützte ihren Ellenbogen auf den Tisch. Die Tasse in ihrer Hand zitterte.
Hilde hatte darauf bestanden, dass Kim so bald wie möglich nach Hause kam, und unter Zuhause verstand sie Clamart. Alexander verzichtete auf Einwände irgendwelcher Art, denn Hilde hatte Kims „Zustand“ betont, und er wollte sich keinesfalls dem Vorwurf aussetzen, rücksichtslos und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht zu sein. Jetzt waren beide zum Einkaufen in die Stadt gegangen.
Sie bemühte sich, in jene Welt zurückzukehren, in der es weitgehend vorhersehbar und vernünftig zuging, aber diese Welt war aus den Fugen geraten. Wieder und wieder sah sie Holtz auf dem Hinterhof liegen, den zerschmetterten Körper, umflattert von kleinen Schmetterlingsflügeln, die sich bei seinem Fall gelöst oder von der Wucht des Aufpralls hochgewirbelt worden waren. Die Polizisten hatten gestaunt, wieso innerhalb der Absperrung so viele tote Schmetterlinge herumlagen; dass es sich nur um körperlose Flügel handelte, war ihnen nicht aufgefallen.
Die Erinnerung füllte ihr Bewusstsein aus wie ein Traum. Überall waren Bilder und Worte, die sich in ihrem Kopf auf ungeregelte Weise vermischten. Sie nahm die Hände vom Tisch und legte sie auf ihre Oberschenkel. Es war, als hätte man sie an den Stuhl gefesselt und gezwungen, einen Film anzusehen, einen entsetzlichen Film, in dem sie die Rolle der Mörderin spielte. Kälte kroch ihren Rücken hinauf. Ihre Augen wanderten durch den Raum auf der Suche nach etwas Vertrautem, das sie retten konnte. Nicht der Herd mit der Kasserolle, nicht die Schublade mit den Messern und den Fleischspießen, nicht die Spüle mit dem schmutzigen Frühstücksgeschirr. All das strahlte Schuld aus, da konnte der Psychologe noch so viel dementieren. Sie musste ihren Blick auf etwas Schönes richten. Auf der Anrichte in der Küche stand seit Ewigkeiten eine Waschschüssel aus Steingut, das einzige Erbstück, das sich noch auf ihre irische Urgroßmutter zurückführen ließ. Die Schüssel war immer leer, sie wurde nie benutzt, und genau das gefiel ihr jetzt.
Sie klappte den Laptop auf, den Alexander auf dem Küchentisch zurückgelassen hatte. Statt des üblichen Bildschirmhintergrunds blickte sie auf ein Selfie, das sie vor etwa drei Wochen auf dem Gipfelplateau des Grand Ballon, vor dem Denkmal für die Diables bleus, aufgenommen hatten, mit der blendend weißen Radarstation im Hintergrund. Alexander hatte es gut gemeint, aber ihr Verstand sträubte sich gegen die aufgezwungene Erinnerung.
Sie schloss die Bilddatei, klickte auf die Suchmaschine und tippte das Wort „Verstand“ ein. 36 Millionen Ergebnisse. Sie fügte „Sprache“ hinzu, aber zu ihrer Überraschung stieg die Trefferzahl auf 37 Millionen. Erst die Ergänzung „Tod“ ließ sie auf unter 6 Millionen sinken. Die mit freiem Assoziieren verknüpfte Suche begann ihr Spaß zu machen. Nachdem sie ein Dutzend weiterer Wörter, die ihr zufällig in den Sinn gekommen waren, in die Suchmaske eingegeben hatte, wurde sie auf eine Website geleitet, die mit einem längeren Zitat von Swedenborg um Aufmerksamkeit warb; jenem Swedenborg, dessen Name, nachdem sie ihn entziffert hatten, zum Schlüssel für alles Weitere geworden war.
Für die ihrer irrdischen Hülle entledigten Engel giebt es weder Tage noch Jahrszeiten noch Jahre, vielmehr messen sie ihr ganzes Daseyn nach den Gedanken oder nach dem innern Zustand ihrer Liebe und Weisheit ab. Dies scheint dem menschlichen Verstand zu hoch, weil keine Empfänglichkeit dafür vorhanden. Die Zeit so von den Schritten des Todes bezeichnet wird, und auf der Erde nur ein Aufhören des Seyns ist, kann uns über das Geistige keinen Aufschluß geben. Jedoch lassen sich diese Dinge bei dem himmlischen Licht betrachten, und derjenige der mit reinem Verlangen, seinen Verstand standhaft und anhaltend bis zu diesen erhabenen Gegenständen erhebt, wird Begriffe erhalten, die ihm die ausdruksvollste Sprache nicht gewähren kann. Eine solche Erhebung des Verstandes kann aber nur insofern statt finden, als man von irrdischen Begriffen von Raum und Zeit abstrahirt. Es giebt keine Zeit in dem Himmel, aus derselben Ursache warum es keinen Raum giebt, und die einzige Fortschreitung in dem geringern oder höhern Grad der Liebe und Weisheit der Engel besteht.
Kim stand auf, ging zum Küchenfenster und lehnte ihre Stirn an das kalte Glas. Sie fühlte sich so erschöpft, als sei sie eben den Montmartre-Hügel hinaufgejoggt. Vor dem Haus gegenüber stand ein Umzugswagen, zwei Möbelpacker trugen Kartons zur Ladefläche, wo sie von einem dritten entgegengenommen, zusammengeschoben und gestapelt wurden. Eine junge Frau ins Jeans und T-Shirt trat aus dem Haus. Vor ihrer Brust trug sie einen großen Blumentopf mit einem Birkenfeigenbäumchen, an dessen Geäst nur noch ein paar blasse Blätter hingen. Es sah aus, als würde sie ihn umarmen.
Bei der kriminaltechnischen Untersuchung hatte sich herausgestellt, dass Holtz das Fensterschloss manipuliert hatte, sodass es sich nicht nur, wie vorgesehen, bloß kippen, sondern ganz öffnen ließ. Auch das war als Beweis dafür gewertet worden, dass sich Holtz schon länger mit Selbstmordgedanken getragen hatte. Hier an diesem Fenster, stellte Kim fest, war keine Sicherung angebracht, es ließ sich kippen und vollständig öffnen. Sie probierte es ein paar Mal, dann stellte sie sich vor das offene Fenster. Sie blickte auf eine mächtige Kastanie. Es musste schön sein, diesen Baum anzufassen. Vielleicht ließ er sich sogar erklettern, von seiner ersten Verzweigung bis in die Spitze.
Als Hilde und Alexander nach Hause kamen, fanden sie Kim vor dem laufenden Fernseher schlafend im Wohnzimmersessel vor. Im Traum hielt sie eine Blume in der Hand, deren Stängel sich zu drei Blütenköpfen verzweigte, die die Gesichter von Alexander, von Haase und Holtz trugen, aber sämtlich in Regenbogenform. Gebannt sah sie zu, wie sich aus jedem Regenbogen ein Wort formte: Verkehr, verkehrt, verquer, aber kaum war der letzte Buchstabe gebildet, schrumpften die Regenbogen zusammen; übrig blieb nur ein kopfloser Stängel. Dann wurde ihr dieser aus der Hand gerissen, und gleichzeitig wurde sie geschubst.
Sie schlug sie die Augen auf. Das Tageslicht überflutete sie so plötzlich, dass es schmerzte und sie Mühe hatte, etwas zu erkennen. Undeutlich, wie nebelverhangen, kamen ihr die beiden Gesichter vor, die auf sie herabschauten.
Noch halb verstrickt in die Spinnweben des Traums, erinnerte sie sich, dass sie zuletzt vor dem Fernseher gesessen hatte, in der Hoffnung, die Nachrichtensendung würde sie in die Gegenwart zurückholen, aber das Gefühl, ein Teil dieser Welt zu sein, war ihr auf gründliche Weise abhanden gekommen; die zwischendurch eingeschobenen Filme mit Berichten von Attentaten und militärischen Scharmützeln erschienen ihr fern und unverständlich.
Alexander rückte einen Stuhl heran und setzte sich vor sie hin. In Kims hellbraunen Augen glänzten Tränen. Er ergriff ihre Hände.
„Wie geht es Dir?“
„Mir geht es gut. Ich bin eingeschlafen.“
„Möchtest Du etwas essen?“
„Nein.“
„Oder Spazierengehen?“
Es fiel ihr schwer zu begreifen, was er von ihr wollte. Oder hatte sie etwas überhört, Worte, die seiner Rede Sinn gaben? Es war unangenehm, ihn über so banale Dinge wie Essen oder Spazierengehen reden zu hören.
„Nein“, sagte sie entschlossen. „Ich möchte arbeiten. Ich möchte die Sache mit DOMINIQUE zu Ende bringen.“
„Du bist tapfer.“
„Ich möchte ihn sehen, ich möchte ihn anfassen.“
„Ich könnte natürlich versuchen, von Croqué die Erlaubnis zu kriegen, ihn eingehend zu untersuchen. Aber früher oder später kommen wir an den Punkt, wo wir ihn einweihen müssen. Und Croqué, das wissen wir jetzt, ist ein Halunke und anscheinend skrupellos hinter Geld her. Der Bursche ist noch gerissener als von Haase. Das ist eine heikle Angelegenheit.“
„Du hast Recht. Leuten dieses Formats sind wir nicht gewachsen. Wenn einer ihm Paroli bieten kann, dann ist es Maurice.“
„Ist das Dein Ernst?“
„Maurice. Nur Maurice.“

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