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Danach stand Croqué auf und ging. Er hatte sich bemüht, gegenüber Laroussi Gelassenheit an den Tag zu legen, doch in Wirklichkeit kochte er vor Wut. Andere an seiner Stelle würden kapituliert haben, würden vielleicht zum Melancholiker geworden sein – er dachte nicht einmal im Traum daran, jetzt den Schwanz einzuziehen. Stattdessen rüstete er sich bereits für den Gegenschlag. Bislang hatte sich noch jeder, der glaubte, ihm seinen Willen aufzwingen zu können, getäuscht. Dass dieser Ziegenficker ihm den Krieg erklärt hatte, würde er noch bereuen. Anscheinend verkannte er die Gefahr, die es bedeutete, sich ihn zum Feind zu machen. Denn er war unbesiegbar. Er fühlte sich in der Lage, unbeschadet Glassplitter zu frühstücken, er verspürte große Lust, sich als menschliche Kanonenkugel in die Luft schießen zu lassen, es juckte ihn, sich ein Gebiss aus Stahlzähnen einsetzen zu lassen und, wie die großen Magier, Kugeln mit den Zähnen aufzufangen.

Dieser Bursche wollte ihn an den Pranger stellen? Da hatte er sich aber gründlich verkalkuliert. Am Nasenring würde er ihn auf dem Marktplatz der Öffentlichkeit spazieren führen. Dazu brauchte er sich nur den Anblick der zwei Dutzend Filmrollen und jenes Skeletts ins Gedächtnis zu rufen, die er vor einigen Jahren bei seinen Streifzügen durch das ausgedehnte Kellersystem, wie immer angetrieben von unstillbarer Gier, in einem abgelegenen Raum, der von Amts wegen für die Lagerung von Sprengstoffen zugelassen war, entdeckt hatte. Was bedeutete Laroussis Holzknüppel gegen dieses Samuraischwert!


Es handelte sich um die vermutlich allerletzten Reste der ehemaligen Rassekundlichen Sammlung Berger, die ihm als Teile des historischen Archivs des Instituts für Gerichtsmedizin praktisch in den Schoß gefallen waren, als dessen Arbeit im Rahmen von Umstrukturierungsmaßnahmen vom elsässischen Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin übernommen und sein bisher auf zwei Standorte verteilter Bestand seinem Institut zugeschlagen wurde. Wahrscheinlich waren die auf Nitratbasis hergestellten Filme, bei denen es sich um Lehrmaterial zur Durchführung von Sterilisationen, der Entnahme von Hoden oder dem Verkleben von Eileitern handelte, irgendwann aus Furcht, sie könnten sich selbst entzünden, in diesen speziell ausgestatteten Raum verbracht worden und dort in Vergessenheit geraten.


Auf welche Weise das Skelett ebenfalls in den Raum gelangt war, ließ sich nicht mehr klären. Der bleiche und stumme Zeuge der Naziverbrechen in der kurzen deutschen Zeit der Université Sébastien Brant hatte sich als unförmiges Gebilde unter einem zerschlissenen Orientteppich verborgen. Als Croqué ihn mit einem kräftigen Ruck zur Seite schlug, lag vor ihm das verstaubte und verdreckte, im Übrigen aber vollständig erhaltene, auf einen Holzsockel montierte Skelett einer vierundsechzigjährigen Jüdin aus Thessaloniki, wie der Beschriftung auf einer Metallplakette zu entnehmen war.


Das also hatten die Deutschen unter wissenschaftlicher Forschung verstanden: Die Ermordung und Zurschaustellung Unschuldiger. Eigentlich war es unbegreiflich. Ein intelligenter, gebildeter Mensch, der so etwas tat, musste krank gewesen sein, zumindest aber besessen, verhext von der Rassenideologie der Naziführer. Was waren seine Taschenspielertricks gegen dieses Weltverbrechen? Wieso war eigentlich niemand auf die Idee gekommen, deren Skelette zur Schau zu stellen? Oder wenigstens ihre Leichen in Käfigen an die Kirchtürme zu hängen, wie man es im Mittelalter mit Ketzern und andern Delinquenten gemacht hatte, wo sie dann vor sich hin moderten? Vermutlich, weil es einem zivilisierten Staat nicht anstand. Aber war das klug, auf lange Sicht? Auf lange Sicht bedurfte es abschreckender Maßnahmen. Erziehung durch Schrecken. Unerwünschtes Verhalten durch Abschreckung verhindern. Vorausgesetzt, der zu Erziehende ließ sich abschrecken und war nicht schon allen rationalen Kalküls enthoben.


Jenseits aller ethischen Betrachtungen waren ihm die Reste der Sammlung Berger schon damals als Schatz erschienen, als eine Art Unterpfand für schlechte Zeiten, die jetzt, wo Diplomatie und andere Formen der Prävention offensichtlich versagten, gekommen waren. Richtig eingesetzt, konnten sie für ihn eine Art Versicherungspolice darstellen und für ein Gleichgewicht des Schreckens sorgen. Das sollte der Tunesier wissen: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter.


Er zog eine Zigarre aus seinem Etui, biss die Spitze ab und spuckte sie in hohem Bogen in den Flur, genau vor die Füße der Putzfrau, einer jungen Afrikanerin in einem hellblauen, ärmellosen Nylonkittel, die soeben ihren Dienst begonnen hatte. Während sie kopfschüttelnd das Teilchen mit dem Handfeger auf die Kehrschaufel schob, stand Croqué breitbeinig vor ihr, zündete die Zigarre an und produzierte ein paar schnell aufeinanderfolgende Rauchwolken. Destruction mutuelle assurée. Das Gleichgewicht des Schreckens. Er hielt Laroussi für nicht so irrational, dass er bereit war, für seine Vernichtung die eigene in Kauf zu nehmen. Entschlossen schritt er zum Aufzug.


Die Afrikanerin folgte ihm mit ihrem Putzwagen, und als sie ihn eingeholt hatte, zeigte sie mit einem missbilligenden Blick auf das Rauchverbotsschild an der Wand hinter ihr.


„Hier nix rauchen“, sagte sie.


Croqué grinste sie an. In diesem Augenblick fühlte er sich von einer strahlenden Aura umgeben.


„Die Regeln hier mache ich“, sagte er und tippte mit dem Daumen auf seine Brust.


Dann stieg in den Fahrstuhl und paffte munter weiter. Bevor er hinter der Verriegelung verschwand, sah die Putzfrau noch, wie er seinen Zigarrenschneider aus der Westentasche zog und begann, das Rauchverbotsschild in der Kabine abzukratzen.

 

 
 
 

„Das Ganze ist doch nur eine Intrige“, schnaubte Croqué wütend. „Ausgebrütet von irgendwelchen Hinterzimmerstrategen, die auf Macht aus sind. Macht in den Gremien. Um sich gegenseitig die Posten zuschieben zu können. Dünnbrettbohrer, die ihren Ehrgeiz hinter hehren Idealen verbergen, zerfressen vor Neid.“ Croqué sprach laut und hastig, sprang unvermittelt auf, ging hin und her, schüttelte dabei ein paar Mal drohend die Faust, setzte sich wieder. „Bloß weil ich schon als junger Student den Pazifik habe rauschen hören, den sie nur aus dem Fernsehen kennen.


„Keineswegs, Monsieur Croqué. Ich darf Ihnen versichern, dass die Kollegen allein um den Ruf der Universität besorgt sind.“


„Und ich darf Ihnen versichern, dass mein Ruf tadellos ist“, sagte Croqué verdrossen und lehnte sich zurück. Der Zeitpunkt war gekommen, um diesem kleinen Maghreb-Scheißer gegenüber einmal seine bisherigen Leistungen brillant darzulegen. Wie anmaßend er sich gebärdete! „Ich bin nicht irgendwer. Von meinem Engagement für die Universität will ich gar nicht reden. Dass ich morgens um 4:30 Uhr aufgestanden bin, dass ich ab 6 Uhr in der Universität gesessen und bis spätabends gearbeitet habe.“


„Jetzt reden Sie aber doch davon.“


„Das war nur die Einleitung. Ich verfüge über herausragende Referenzen, beginnend mit meiner Ausbildung. Ich habe an der University of California im Kreis der Allerbesten studiert.“


„An welcher Universität?“


„Das sagte ich doch gerade. An der University of California.“ Aus Croqués Miene sprach die wütende Erkenntnis eines unerwarteten, in seinen Augen geradezu lächerlichen Widerstands.


„Monsieur Croqué, die University of California hat elf Standorte. Nach den Angaben in Ihrer Personalakte haben Sie in Monterey studiert. Würden Sie sagen, dass Monterey mit seinen dreieinhalbtausend Studenten zu den führenden Universitäten der USA gehört?“


„Sie haben sich informiert, ja? Solche Zahlen haben mich nie interessiert. Was Anthropologie angeht, ist Monterey eine Schmiede der Könner. Das wird Ihnen jeder Amerikakenner bestätigen. Und genau deswegen leite ich heute eines der führenden C14-Datierungslabore, publiziere in den wichtigsten Fachzeitschriften und habe unsere Institutssammlung zu einer der besten ihrer Art gemacht.“ Croqués Augen sprühten tödliche Blitze. „Ich habe zwei Doktortitel, bin Mitglied von mehr als einem Dutzend Clubs und Gesellschaften und weltweit anerkannt. Ich habe nicht nur zahlreiche berühmte Fossilien untersucht, mir wurden auch heikle Analysen anvertraut. Die Russen haben mir Gewebeproben von Rasputins Genitalien anvertraut und Papst Benedikt ein paar Fäden vom Turiner Leichentuch. Ich habe mich nicht darum gerissen. Meinen Sie, das kommt von ungefähr? Wenn ich meine sämtlichen Publikationen ausdrucke, kann ich mit den Einzelseiten ein Fußballfeld bedecken. Wie sieht eigentlich Ihr output aus? Sagen Sie’s doch mal.“


„Selbstbeherrschung ist nicht gerade Ihre Stärke, Monsieur Croqué.“


Croqué zog eine Hälfte seiner Oberlippe ein Stückchen nach oben. „Außer Senatsprotokollen“, sagte er verächtlich, „haben sie doch in den letzten fünf Jahren gar nichts produziert. Sie haben sich in dieses Amt geflüchtet, weil sie weder für die Forschung noch für die Lehre besondere Voraussetzungen mitbringen.“


Für einen Moment war Laroussi sprachlos. Nicht nur, dass Croqué keinerlei Spuren von Scham oder Reue zeigte oder wenigstens von Zerknirschung – nein, er schien sich seiner Sache so sicher zu sein, dass er ihn auch noch beleidigen konnte. Da saß er und grinste und demonstrierte Unangreifbarkeit. Er glaubte, Croqués glatte Selbstsicherheit keine Minute länger ertragen zu können, ebenso wenig die Prahlerei, als Aushängeschild der Universität zu gelten.


„Monsieur Croqué“, sagte er, „Sie leiden an Selbstüberhebung. Beziehungsweise wir leiden unter Ihrer Selbstüberhebung. Ihnen geht es ja offensichtlich gut damit.“


„Mein Problem ist höchstens, dass ich zu rücksichtsvoll und bescheiden bin. Ein anständiger Kerl, der sich nichts vorzuwerfen hat, macht nicht Halt vor irgendwelchen Schwierigkeiten. Ich habe noch nie kapituliert. Das habe ich von den Amis gelernt. Sonst wären sie auch nie auf dem Mond gelandet, hätten die Japaner nicht besiegt und wären nicht in den Irak einmarschiert.“


„Wo wollen Sie denn demnächst einmarschieren?“


Lesen Sie mal Watson, The Modern Mind. Ein gutes Buch. Darin geht es um das Abenteuer Denken im 20. Jahrhundert, bis hin zu den gedanklichen Grundlagen, die zum Grauen der Nazis oder der Emanzipation der Frau geführt haben. Danach werden Sie mich besser verstehen.“


„Da bin ich mir nicht ganz sicher.“


Hören Sie, Laroussi. Ich habe Sie vor acht Jahren als Doyen unserer Fakultät installiert, ich habe Ihnen die Mehrheit gesichert, als Sie Universitätspräsident werden wollten. Sie sind praktisch der erste Tunesier, der an dieser Hochschule etwas anderes bekleidet hat als den Posten des Hauselektrikers. Warum sind Sie jetzt so undankbar?“


Laroussi musste hart gegen den Drang ankämpfen, Croqué rauszuschmeißen, doch er zwang sich zur Ruhe. Statt zum Telefon zu greifen und seine Sekretärin die Aufsichtsgremien der Universität zu einer Eilsitzung einberufen zu lassen, sagte er mit breitem Lächeln: „Offensichtlich, Monsieur Croqué, hat Sie bisher nichts und niemand dazu veranlassen können, Ihre Überheblichkeit abzulegen. Nun denn, soweit ich weiß, wurde ich beide Male in einem demokratischen Verfahren gewählt. Und die Tatsache, dass ich seit meinem Amtsantritt kaum noch wissenschaftlich publiziere, ist meinem Einsatz als Universitätspräsident geschuldet, den ich nicht einfach so nebenher betreiben kann, der vielmehr meine ganze Kraft und Aufmerksamkeit fordert.“


„Dann bleiben Sie mal schön aufmerksam“, höhnte Croqué, der Laroussis freches Grinsen am liebsten mit einem Ziegelstein zerquetscht hätte. „Sonst könnte es nämlich gefährlich werden für Sie. Erfolgreich zu sein ist ein hartes Geschäft. Härter als Sie vielleicht denken. Dazu braucht man die nötige Souveränität und Gelassenheit. Nach meiner Einschätzung mangelt es Ihnen genau daran. Das Allerwichtigste fehlt Ihnen also. Sonst finden Sie sich mir nichts dir nichts plötzlich im Minenfeld zwischen allen Parteien wieder und von allen Seiten wird scharf auf Sie geschossen. Mein Tipp: Kümmern sie sich um ihr Tagesgeschäft. Höhere Besoldung, mehr Planstellen, mehr Parkplätze, Designermöbel für die Büros der Professoren. Spendensammeln nicht vergessen. Machen Sie einfach Ihren Job!“

 

 
 
 

Croqué spürte, dass dies nicht der Moment war, um zu Entschuldigungen Zuflucht zu nehmen. „Hören Sie“, sagte er stattdessen, „ich bin Fachmann für Primatenentstehung, naturwissenschaftliche Anthropologie, osteologische Analysen und für zehn bis zwanzig weitere Spezialthemen. Aber ich bin kein Fachmann für Staub. Wo er herkommt und wie er dahinkommt, wo er ist – tut mir leid, das weiß ich nicht. Wir haben unsere Arbeit jedenfalls nach bestem Wissen und Gewissen getan. Mein Institut waltet segensreich, seit vielen Jahren.“


„Das ist ja das Seltsame. Ihr Labor produziert bis heute ununterbrochen Analysen. Mit einem millionenteuren Apparat, der gar nicht gebrauchsfähig ist. Da, ein Überweisungsbeleg aus St. Gerold in Österreich. Gerade mal drei Wochen ist das her.“


„Ja, weil die Österreicher so spät bezahlt haben. Die Analyse haben wir schon vor Monaten gemacht.“


„Monsieur Croqué, letzte Woche hat der Fakultätsrat getagt.


„Ohne mich?


„Ich hielt es für dringend geboten, Sie als Beschuldigten nicht dazu zu laden. Dafür waren eine Vertreterin der Division Financière und der Dekan der Humanwissenschaftlichen Fakultät anwesend.“


„Na großartig.“


„Dabei kamen weitere Vorwürfe gegen Sie auf den Tisch.“


„Von der alten Garde, diesem Totholz? Das wundert mich nicht“, entgegnete Croqué mit höhnischem Grinsen.


„Ihre Spesenabrechnungen sind die höchsten der gesamten Fakultät.“


„Wundert Sie das? Ich bin ja auch ständig vor Ort. Meinen letzten Privaturlaub habe ich vor 15 Jahren gemacht. Zwei Wochen Île d’Oléron.“


„Für die Ausgrabungen in Serbien haben Sie Ihren privaten Range Rover nach Belgrad überführen lassen.“


Croqué lachte rauflustig. „Sie sollten mir dankbar sein. Hätte ich mir vor Ort etwa einen Lada mieten sollen? Was meinen Sie, wo wir da unser Lager errichtet haben? Mitten im Fels, auf 350 Metern Seehöhe. Asphaltpisten? Fehlanzeige. Alles nur Kalkstein, Kies, Lehm und Sand. Da wäre jedes andere Auto ruiniert worden.“


„Im Anschluss an diesen Forschungsaufenthalt haben Sie an eine Privatadresse in Niš, Republik Serbien, mehrmals Hygieneartikel in 20-Kilo-Paketen schicken lassen, auf Universitätskosten.“


„Hygieneartikel? Das waren Chemikalien, zu Präparationszwecken.“


„Laut Zollerklärung handelte es sich unter anderem um Waschpulver, Zahnpasta, Haarfärbemittel und Wimperntusche.“


„Ach, das haben wir bloß so deklariert, damit es auch in Serbien ankommt. Sprechen wir also nicht von Waschpulver, Haarfärbemittel und Zahnpasta, sondern von Tensiden, Wasserstoffperoxid und Silikatverbindungen. Wenn gebleicht und gereinigt werden muss, gibt es keine besseren Mittel. Und Wimperntusche eignet sich sehr gut zur Beschriftung von Fundstücken.“


„Und wer ist Vesna Smiljković?“


„Kenne ich nicht.“


„An ihre Adresse gingen diese – Chemikalien.“


„Das war eine Ortskraft. Wir haben mit einem internationalen Team von Studierenden und einheimischen Kräften gearbeitet.“


„Gut. Ich sehe, Sie weisen alle diese Ungereimtheiten zurück.“


„Was denn sonst?“


„Der Fakultätsrat hat einstimmig beschlossen, eine externe Prüfungskommission einzusetzen, die sich detailliert mit all diesen Vorwürfen auseinandersetzen wird. Man wird Sie demnächst zur Anhörung bitten.“


„Eine externe Prüfungskommission? Da weiß man ja jetzt schon, was dabei herauskommt. Da wird wieder in einem Akt der Selbstaufblähung ein trojanisches Pferd errichtet, in dem sich Leute mit ganz eingeschränktem Fokus verbergen, Ahnungslose, die ihre Existenz dadurch rechtfertigen, dass sie ein festgelegtes Budget verpulvern. Irgendwann stürzt alles wie ein Kartenhaus zusammen, aber bis dahin lassen sie es sich gut gehen. Leider fällt die Öffentlichkeit nur allzu gern auf dieses Spiel herein.“


Eine kleine Pause entstand, ehe Croqué fortfuhr. „Von mir aus sollen sich die Leute an die Arbeit machen“, sagte er schnippisch. „Ich habe nichts zu verbergen.“


„Umso besser, wenn Sie kooperieren wollen.“


„Sind wir dann fertig?“


„Noch nicht ganz. Seit gestern liegt mir ein Schreiben vor, das Sie der Unterschlagung und des Verkaufs von Institutsmaterial beschuldigt.“


Croqué beugte sich über Laroussis Schreibtisch und hämmerte wütend mit der Faust darauf. Sein Gesicht war schief und verzerrt. „Von wem stammt dieser Dreck?“


„Das werden Sie beizeiten erfahren.“


„ICH WILL ES JETZT WISSEN, SOFORT“, schrie Croqué, der entschlossen war, die Sache hier und jetzt auszufechten. „ICH SPRENGE SIE IN DIE LUFT, DIESE BANDE!“


Laroussi ignorierte ihn, nahm einen Schnellhefter in die Hand und schlug ihn auf. „Bei der letzten Revision des Knochenkellers im Untergeschoss, vor 25 Jahren, wurde festgestellt, dass die Institutssammlung etwa 300 vollständige menschliche Skelette umfasst. Vollständige, wohlgemerkt. Die Nachzählung durch Hausmeister Froeschel ergab nur noch knapp 280, und bei rund 60 fehlt der Kopf. Wie erklären Sie das?“


„Davon weiß ich nichts. Der Knochenkeller gehörte früher zur Medizinischen Fakultät. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr betreten.“


„Der Anzeigende verfügt über Beweise dafür, dass Sie vor einem halben Jahr 50 Schädel in die USA verkauft haben.“


„LÜGE! ALLES LÜGE! Ja, ich habe 50 Schädel in die USA verkauft. Aber die waren mein persönliches Eigentum, 1996 aus rumänischem Privatbesitz erworben. Ich habe noch nie fremde Sammlungsbestände zum Kauf angeboten. Das habe ich gar nicht nötig.“


„Sie scheinen ja über eine unerschöpfliche Sammlung zu verfügen. Mein Zahnarzt hat mir neulich verraten, dass Sie einen Kollegen von ihm auch mit einem Schädel beglückt haben.“


„Dr. Delpeche, auf den Sie zweifellos anspielen, hat den Schädel zu Studienzwecken erhalten. Gratis übrigens. Ich denke auch fernerhin meine Großzügigkeit walten zu lassen, falls Sie nichts dagegen haben.“


„Der Vorwurf der Unterschlagung steht dennoch im Raum und muss von Ihnen widerlegt werden“, erwiderte Laroussi ruhig.


„Zu den 50 Schädeln gibt es den Kaufvertrag von 1996, den können Sie meinetwegen auf seine Echtheit untersuchen lassen.“


„Ich nehme Ihr Angebot gern an.“

 

 
 
 
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