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„Das Ganze ist doch nur eine Intrige“, schnaubte Croqué wütend. „Ausgebrütet von irgendwelchen Hinterzimmerstrategen, die auf Macht aus sind. Macht in den Gremien. Um sich gegenseitig die Posten zuschieben zu können. Dünnbrettbohrer, die ihren Ehrgeiz hinter hehren Idealen verbergen, zerfressen vor Neid.“ Croqué sprach laut und hastig, sprang unvermittelt auf, ging hin und her, schüttelte dabei ein paar Mal drohend die Faust, setzte sich wieder. „Bloß weil ich schon als junger Student den Pazifik habe rauschen hören, den sie nur aus dem Fernsehen kennen.


„Keineswegs, Monsieur Croqué. Ich darf Ihnen versichern, dass die Kollegen allein um den Ruf der Universität besorgt sind.“


„Und ich darf Ihnen versichern, dass mein Ruf tadellos ist“, sagte Croqué verdrossen und lehnte sich zurück. Der Zeitpunkt war gekommen, um diesem kleinen Maghreb-Scheißer gegenüber einmal seine bisherigen Leistungen brillant darzulegen. Wie anmaßend er sich gebärdete! „Ich bin nicht irgendwer. Von meinem Engagement für die Universität will ich gar nicht reden. Dass ich morgens um 4:30 Uhr aufgestanden bin, dass ich ab 6 Uhr in der Universität gesessen und bis spätabends gearbeitet habe.“


„Jetzt reden Sie aber doch davon.“


„Das war nur die Einleitung. Ich verfüge über herausragende Referenzen, beginnend mit meiner Ausbildung. Ich habe an der University of California im Kreis der Allerbesten studiert.“


„An welcher Universität?“


„Das sagte ich doch gerade. An der University of California.“ Aus Croqués Miene sprach die wütende Erkenntnis eines unerwarteten, in seinen Augen geradezu lächerlichen Widerstands.


„Monsieur Croqué, die University of California hat elf Standorte. Nach den Angaben in Ihrer Personalakte haben Sie in Monterey studiert. Würden Sie sagen, dass Monterey mit seinen dreieinhalbtausend Studenten zu den führenden Universitäten der USA gehört?“


„Sie haben sich informiert, ja? Solche Zahlen haben mich nie interessiert. Was Anthropologie angeht, ist Monterey eine Schmiede der Könner. Das wird Ihnen jeder Amerikakenner bestätigen. Und genau deswegen leite ich heute eines der führenden C14-Datierungslabore, publiziere in den wichtigsten Fachzeitschriften und habe unsere Institutssammlung zu einer der besten ihrer Art gemacht.“ Croqués Augen sprühten tödliche Blitze. „Ich habe zwei Doktortitel, bin Mitglied von mehr als einem Dutzend Clubs und Gesellschaften und weltweit anerkannt. Ich habe nicht nur zahlreiche berühmte Fossilien untersucht, mir wurden auch heikle Analysen anvertraut. Die Russen haben mir Gewebeproben von Rasputins Genitalien anvertraut und Papst Benedikt ein paar Fäden vom Turiner Leichentuch. Ich habe mich nicht darum gerissen. Meinen Sie, das kommt von ungefähr? Wenn ich meine sämtlichen Publikationen ausdrucke, kann ich mit den Einzelseiten ein Fußballfeld bedecken. Wie sieht eigentlich Ihr output aus? Sagen Sie’s doch mal.“


„Selbstbeherrschung ist nicht gerade Ihre Stärke, Monsieur Croqué.“


Croqué zog eine Hälfte seiner Oberlippe ein Stückchen nach oben. „Außer Senatsprotokollen“, sagte er verächtlich, „haben sie doch in den letzten fünf Jahren gar nichts produziert. Sie haben sich in dieses Amt geflüchtet, weil sie weder für die Forschung noch für die Lehre besondere Voraussetzungen mitbringen.“


Für einen Moment war Laroussi sprachlos. Nicht nur, dass Croqué keinerlei Spuren von Scham oder Reue zeigte oder wenigstens von Zerknirschung – nein, er schien sich seiner Sache so sicher zu sein, dass er ihn auch noch beleidigen konnte. Da saß er und grinste und demonstrierte Unangreifbarkeit. Er glaubte, Croqués glatte Selbstsicherheit keine Minute länger ertragen zu können, ebenso wenig die Prahlerei, als Aushängeschild der Universität zu gelten.


„Monsieur Croqué“, sagte er, „Sie leiden an Selbstüberhebung. Beziehungsweise wir leiden unter Ihrer Selbstüberhebung. Ihnen geht es ja offensichtlich gut damit.“


„Mein Problem ist höchstens, dass ich zu rücksichtsvoll und bescheiden bin. Ein anständiger Kerl, der sich nichts vorzuwerfen hat, macht nicht Halt vor irgendwelchen Schwierigkeiten. Ich habe noch nie kapituliert. Das habe ich von den Amis gelernt. Sonst wären sie auch nie auf dem Mond gelandet, hätten die Japaner nicht besiegt und wären nicht in den Irak einmarschiert.“


„Wo wollen Sie denn demnächst einmarschieren?“


Lesen Sie mal Watson, The Modern Mind. Ein gutes Buch. Darin geht es um das Abenteuer Denken im 20. Jahrhundert, bis hin zu den gedanklichen Grundlagen, die zum Grauen der Nazis oder der Emanzipation der Frau geführt haben. Danach werden Sie mich besser verstehen.“


„Da bin ich mir nicht ganz sicher.“


Hören Sie, Laroussi. Ich habe Sie vor acht Jahren als Doyen unserer Fakultät installiert, ich habe Ihnen die Mehrheit gesichert, als Sie Universitätspräsident werden wollten. Sie sind praktisch der erste Tunesier, der an dieser Hochschule etwas anderes bekleidet hat als den Posten des Hauselektrikers. Warum sind Sie jetzt so undankbar?“


Laroussi musste hart gegen den Drang ankämpfen, Croqué rauszuschmeißen, doch er zwang sich zur Ruhe. Statt zum Telefon zu greifen und seine Sekretärin die Aufsichtsgremien der Universität zu einer Eilsitzung einberufen zu lassen, sagte er mit breitem Lächeln: „Offensichtlich, Monsieur Croqué, hat Sie bisher nichts und niemand dazu veranlassen können, Ihre Überheblichkeit abzulegen. Nun denn, soweit ich weiß, wurde ich beide Male in einem demokratischen Verfahren gewählt. Und die Tatsache, dass ich seit meinem Amtsantritt kaum noch wissenschaftlich publiziere, ist meinem Einsatz als Universitätspräsident geschuldet, den ich nicht einfach so nebenher betreiben kann, der vielmehr meine ganze Kraft und Aufmerksamkeit fordert.“


„Dann bleiben Sie mal schön aufmerksam“, höhnte Croqué, der Laroussis freches Grinsen am liebsten mit einem Ziegelstein zerquetscht hätte. „Sonst könnte es nämlich gefährlich werden für Sie. Erfolgreich zu sein ist ein hartes Geschäft. Härter als Sie vielleicht denken. Dazu braucht man die nötige Souveränität und Gelassenheit. Nach meiner Einschätzung mangelt es Ihnen genau daran. Das Allerwichtigste fehlt Ihnen also. Sonst finden Sie sich mir nichts dir nichts plötzlich im Minenfeld zwischen allen Parteien wieder und von allen Seiten wird scharf auf Sie geschossen. Mein Tipp: Kümmern sie sich um ihr Tagesgeschäft. Höhere Besoldung, mehr Planstellen, mehr Parkplätze, Designermöbel für die Büros der Professoren. Spendensammeln nicht vergessen. Machen Sie einfach Ihren Job!“

 

 
 
 

Croqué spürte, dass dies nicht der Moment war, um zu Entschuldigungen Zuflucht zu nehmen. „Hören Sie“, sagte er stattdessen, „ich bin Fachmann für Primatenentstehung, naturwissenschaftliche Anthropologie, osteologische Analysen und für zehn bis zwanzig weitere Spezialthemen. Aber ich bin kein Fachmann für Staub. Wo er herkommt und wie er dahinkommt, wo er ist – tut mir leid, das weiß ich nicht. Wir haben unsere Arbeit jedenfalls nach bestem Wissen und Gewissen getan. Mein Institut waltet segensreich, seit vielen Jahren.“


„Das ist ja das Seltsame. Ihr Labor produziert bis heute ununterbrochen Analysen. Mit einem millionenteuren Apparat, der gar nicht gebrauchsfähig ist. Da, ein Überweisungsbeleg aus St. Gerold in Österreich. Gerade mal drei Wochen ist das her.“


„Ja, weil die Österreicher so spät bezahlt haben. Die Analyse haben wir schon vor Monaten gemacht.“


„Monsieur Croqué, letzte Woche hat der Fakultätsrat getagt.


„Ohne mich?


„Ich hielt es für dringend geboten, Sie als Beschuldigten nicht dazu zu laden. Dafür waren eine Vertreterin der Division Financière und der Dekan der Humanwissenschaftlichen Fakultät anwesend.“


„Na großartig.“


„Dabei kamen weitere Vorwürfe gegen Sie auf den Tisch.“


„Von der alten Garde, diesem Totholz? Das wundert mich nicht“, entgegnete Croqué mit höhnischem Grinsen.


„Ihre Spesenabrechnungen sind die höchsten der gesamten Fakultät.“


„Wundert Sie das? Ich bin ja auch ständig vor Ort. Meinen letzten Privaturlaub habe ich vor 15 Jahren gemacht. Zwei Wochen Île d’Oléron.“


„Für die Ausgrabungen in Serbien haben Sie Ihren privaten Range Rover nach Belgrad überführen lassen.“


Croqué lachte rauflustig. „Sie sollten mir dankbar sein. Hätte ich mir vor Ort etwa einen Lada mieten sollen? Was meinen Sie, wo wir da unser Lager errichtet haben? Mitten im Fels, auf 350 Metern Seehöhe. Asphaltpisten? Fehlanzeige. Alles nur Kalkstein, Kies, Lehm und Sand. Da wäre jedes andere Auto ruiniert worden.“


„Im Anschluss an diesen Forschungsaufenthalt haben Sie an eine Privatadresse in Niš, Republik Serbien, mehrmals Hygieneartikel in 20-Kilo-Paketen schicken lassen, auf Universitätskosten.“


„Hygieneartikel? Das waren Chemikalien, zu Präparationszwecken.“


„Laut Zollerklärung handelte es sich unter anderem um Waschpulver, Zahnpasta, Haarfärbemittel und Wimperntusche.“


„Ach, das haben wir bloß so deklariert, damit es auch in Serbien ankommt. Sprechen wir also nicht von Waschpulver, Haarfärbemittel und Zahnpasta, sondern von Tensiden, Wasserstoffperoxid und Silikatverbindungen. Wenn gebleicht und gereinigt werden muss, gibt es keine besseren Mittel. Und Wimperntusche eignet sich sehr gut zur Beschriftung von Fundstücken.“


„Und wer ist Vesna Smiljković?“


„Kenne ich nicht.“


„An ihre Adresse gingen diese – Chemikalien.“


„Das war eine Ortskraft. Wir haben mit einem internationalen Team von Studierenden und einheimischen Kräften gearbeitet.“


„Gut. Ich sehe, Sie weisen alle diese Ungereimtheiten zurück.“


„Was denn sonst?“


„Der Fakultätsrat hat einstimmig beschlossen, eine externe Prüfungskommission einzusetzen, die sich detailliert mit all diesen Vorwürfen auseinandersetzen wird. Man wird Sie demnächst zur Anhörung bitten.“


„Eine externe Prüfungskommission? Da weiß man ja jetzt schon, was dabei herauskommt. Da wird wieder in einem Akt der Selbstaufblähung ein trojanisches Pferd errichtet, in dem sich Leute mit ganz eingeschränktem Fokus verbergen, Ahnungslose, die ihre Existenz dadurch rechtfertigen, dass sie ein festgelegtes Budget verpulvern. Irgendwann stürzt alles wie ein Kartenhaus zusammen, aber bis dahin lassen sie es sich gut gehen. Leider fällt die Öffentlichkeit nur allzu gern auf dieses Spiel herein.“


Eine kleine Pause entstand, ehe Croqué fortfuhr. „Von mir aus sollen sich die Leute an die Arbeit machen“, sagte er schnippisch. „Ich habe nichts zu verbergen.“


„Umso besser, wenn Sie kooperieren wollen.“


„Sind wir dann fertig?“


„Noch nicht ganz. Seit gestern liegt mir ein Schreiben vor, das Sie der Unterschlagung und des Verkaufs von Institutsmaterial beschuldigt.“


Croqué beugte sich über Laroussis Schreibtisch und hämmerte wütend mit der Faust darauf. Sein Gesicht war schief und verzerrt. „Von wem stammt dieser Dreck?“


„Das werden Sie beizeiten erfahren.“


„ICH WILL ES JETZT WISSEN, SOFORT“, schrie Croqué, der entschlossen war, die Sache hier und jetzt auszufechten. „ICH SPRENGE SIE IN DIE LUFT, DIESE BANDE!“


Laroussi ignorierte ihn, nahm einen Schnellhefter in die Hand und schlug ihn auf. „Bei der letzten Revision des Knochenkellers im Untergeschoss, vor 25 Jahren, wurde festgestellt, dass die Institutssammlung etwa 300 vollständige menschliche Skelette umfasst. Vollständige, wohlgemerkt. Die Nachzählung durch Hausmeister Froeschel ergab nur noch knapp 280, und bei rund 60 fehlt der Kopf. Wie erklären Sie das?“


„Davon weiß ich nichts. Der Knochenkeller gehörte früher zur Medizinischen Fakultät. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr betreten.“


„Der Anzeigende verfügt über Beweise dafür, dass Sie vor einem halben Jahr 50 Schädel in die USA verkauft haben.“


„LÜGE! ALLES LÜGE! Ja, ich habe 50 Schädel in die USA verkauft. Aber die waren mein persönliches Eigentum, 1996 aus rumänischem Privatbesitz erworben. Ich habe noch nie fremde Sammlungsbestände zum Kauf angeboten. Das habe ich gar nicht nötig.“


„Sie scheinen ja über eine unerschöpfliche Sammlung zu verfügen. Mein Zahnarzt hat mir neulich verraten, dass Sie einen Kollegen von ihm auch mit einem Schädel beglückt haben.“


„Dr. Delpeche, auf den Sie zweifellos anspielen, hat den Schädel zu Studienzwecken erhalten. Gratis übrigens. Ich denke auch fernerhin meine Großzügigkeit walten zu lassen, falls Sie nichts dagegen haben.“


„Der Vorwurf der Unterschlagung steht dennoch im Raum und muss von Ihnen widerlegt werden“, erwiderte Laroussi ruhig.


„Zu den 50 Schädeln gibt es den Kaufvertrag von 1996, den können Sie meinetwegen auf seine Echtheit untersuchen lassen.“


„Ich nehme Ihr Angebot gern an.“

 

 
 
 

Und so begriff auch Laroussi allmählich, dass er keine Rücksicht mehr auf den Mann zu nehmen brauchte, der sich fast schon als sein Ziehvater aufspielte, weil er ihm 1999 bereitwillig eine der Karrieretüren geöffnet hatte, nun aber anscheinend nicht davor zurückschreckte, ihm eine andere, größere gewissermaßen vor der Nase zuzuschlagen. Denn wenn es etwas werden sollte mit dem Ministeramt, das vielleicht nur die Vorstufe war zu den allerhöchsten Weihen, seinem Einzug in den Élysée-Palast, musste er als amtierender Universitätspräsident berufen werden, nicht als Ex. Allzu lange, schien es ihm jetzt, hatte er sich von diesem Mann einschüchtern lassen, der sich nun als trickreicher Blender und Gaukler herausstellte, als Bastard aus Indiana Jones und Baron Münchhausen, der mit seiner Kohlenstoff-Akrobatik sogar ausgewiesene Fachleute genarrt und in die Irre geführt hatte.


„Van Drongelen hat den Vorwurf, seinerseits unkorrekt gearbeitet zu haben, nicht auf sich sitzen lassen“, sagte Laroussi ernst. „Zusammen mit einem Paläontologen aus Erlangen hat er europaweit eine ganze Reihe von Fossilien nachuntersucht, die laut ihrer Expertise aus dem Jungpaläolithikum stammen. Soll ich Ihnen sagen, was dabei herausgekommen ist?“


„Sie sind jünger, stimmt’s? Natürlich. Weil er die gleichen Fehler wieder gemacht hat. Mit dem gleichen Gerät. Analysen aus dem Isotopenlabor in Groningen können Sie in der Pfeife rauchen.“


„Um jeden Irrtum auszuschließen, hat van Drongelen das Material gedrittelt und parallel von den C14-Laboren in Oxford und Köln untersuchen lassen. Und was soll ich Ihnen sagen? 80 Prozent davon sind zwischen zwanzig- und dreißigtausend Jahre jünger als von Ihnen gemessen. Zwanzig- bis dreißigtausend Jahre! Bei solch gravierenden Abweichungen kann man nicht mehr von Messfehlern sprechen.“


„Magnifizenz, das ist unmöglich“, sagte Croqué mit fester Stimme. „Die Kollegen haben die Knochenproben wahrscheinlich nicht sauber aufbereitet. Das passiert immer wieder. Wenn Sie das Polyvinylacetat von der Bergung nicht restlos entfernen, werden die Resultate natürlich verjüngt.“


„Es gibt bereits eine erste Reaktion der betroffenen Institutionen. Ich denke, sie wird nicht die einzige bleiben. Ich habe hier ein Schreiben aus Le Havre. Für das dortige Archäologische Museum haben Sie 2007 das Alter von zwei Skelettfragmenten bestimmt. Ihre Analysen ergaben 39 240 bzw. 36 500 Jahre. Alle drei Nachmessungen in Groningen, Oxford und Köln ergaben für beide Proben ein Alter von zirka 7.000 bis 7.300 Jahren.“


„Die Fremddaten sind alle falsch. Messen ist eine große Kunst. Ich kann ihnen versichern, dass bei uns stets alles mit rechten Dingen zugegangen ist.“


Laroussi überlegte, woher Croqué seine Selbstsicherheit und Überheblichkeit bezog. Offenbar war er schlicht größenwahnsinnig, krankhaft selbstberauscht. In Verbindung mit seiner Verschlagenheit machte ihn das stark und sicher. Er schien es als sein Recht anzusehen, einem anderen Schaden zufügen zu dürfen, wenn er selbst daraus Nutzen ziehen konnte; ein Grundrecht gewissermaßen, von dem nur ein Dummkopf keinen Gebrauch machte. Er unterdrückte ein Stöhnen und sagte: „Monsieur Croqué, drei renommierte Labore sind unabhängig voneinander zu gänzlich anderen Ergebnissen als Sie gekommen.“


„Ach, wir wissen doch beide, die Wissenschaft ist eine Hure, sie geht mit jedem.“


„Monsieur Croqué, das Museum in Le Havre hat Anzeige wegen Betruges erstattet.“


„Und das nehmen Sie ernst? Das sind doch nur – Verpuffungen, die aus Überdruckventilen strömen. Es gibt eine Menge Kollegen, die mich hassen. Aber das geht mir sozusagen am Arsch vorbei. Denn ich werde sie überleben, diese Neidwürmer. Eines nicht mehr allzu fernen Tages verabschieden sie sich in den Ruhestand, einer nach dem andern – aber ich mache weiter! Sie kriegen Alzheimer – aber ich mache weiter! Sie krepieren – und ich werde immer noch da sein, leben und arbeiten für das Wohl unserer Wissenschaft.“


„Ich habe Anlass zu der Annahme, dass in ihrem Labor unkorrekt gearbeitet wird, und zwar systematisch. Ich möchte die Unterlagen zu Ihren Messungen sehen. Es gibt doch Unterlagen dazu?“


„Selbstverständlich gibt es zu jeder unserer Analysen ein Protokoll“, sagte Croqué so schneidig wie möglich.


„Sie werden sie mir unverzüglich aushändigen.“


Croqué rang sich ein Lächeln ab. „Das geht nicht.“


„So. Und warum?“


Croqué hob wehmütig die Hände. „Sie wurden gestohlen“, sagte er betrübt.


„Gestohlen?


„Jawohl. Ich habe den Einbruch der Polizei gemeldet, aber das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt, weil kein Täter ermittelt werden konnte.“ Croqué zog ein Etui aus der Innentasche seines Sakkos, klappte es auf, nahm eine Zigarre heraus und roch daran. „Hmm“, sagte er genießerisch, „Cohiba. Es gibt nichts Besseres. Verzeihung“, sagte er dann, an Laroussi gewandt, „möchten Sie auch?“ Er hielt ihm das Etui hin.


Laroussi winkte ab. „Auf dem gesamten Universitätsgelände besteht Rauchverbot“, sagte er. „Sie sollten es wissen.“


Croqué warf noch einen Blick auf die Zigarre, dann legte er sie in das Etui zurück und steckte es wieder ein. „Schade“, sagte er.


„Monsieur Croqué, auf meine Bitte hat Anfang des Monats ein Archäometriker vom Physikalischen Institut der Sorbonne ihre C14-Anlage im Keller des Instituts in Augenschein genommen. Nach seiner Aussage ist sie nicht gebrauchsfähig und offenbar seit langer Zeit nicht in Betrieb gewesen.“


Auf diese Attacke war Croqué nicht vorbereitet. Vielleicht konnte er den Präsidenten dadurch verunsichern, dass er sich auf keine Debatte einließ und stattdessen vollkommene Gleichgültigkeit an den Tag legte. „Richtig“, sagte er so gelassen wie möglich. „Die Anlage ist zurzeit defekt. Deswegen haben wir seit einigen Wochen keine Messungen mehr durchgeführt. Dafür hätten Sie keinen Spitzel aus Paris einschleusen müssen, sondern mich nur einfach zu fragen brauchen.“


„Seit einigen Wochen, sagen Sie? Es dürfte sich um Monate handeln, wenn nicht Jahre. Ich war selbst mit vor Ort. Die gesamte Apparatur ist von einer dicken Staubschicht bedeckt, einschließlich Display und Tastaturen.“

 

 
 
 
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