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Steffi hat mich eingeladen, sie heute Nachmittag zu besuchen, weil ihre Mutter dann ausnahmsweise mal außer Haus ist. Sie wohnt wie wir in einem neugebauten Mehrfamilienhaus, aber ihres hat einen Aufzug.


Schon an der Wohnungstür knutschen wir herum. Weil sie gerade erst fünfzehn geworden ist, hat sie Rauchverbot, und weil ihre Mutter nicht mitkriegen soll, dass sie Besuch gehabt hat, hängt sie meinen Parka, der nach Zigarettenrauch riecht, auf den Balkon. Dann führt sie mich in ihr Zimmer, das so winzig ist, dass man die Tür nicht ganz aufmachen kann. Dafür passen die Möbel alle zusammen. Die Wände sind blau gestrichen, und statt vielen Postern wie bei mir hängt eine große gerahmte Fotografie an der Wand, drei Mädchen in schleierartigen Gewändern am Strand, und bei einer kann man den nackten Po sehen.


Wir setzen uns auf die Bettcouch und unterhalten uns über dies und das, aber dann ist ihr plötzlich zu warm und sie fragt, ob ich ihr helfen kann, den Pullover auszuziehen. Klar, sage ich. Sie hebt die Arme, und ich ziehe ihr vorsichtig den Pullover über den Kopf. Mit angehaltenem Atem sehe ich zu, wie ein schwarzer Büstenhalter auf nackter Haut zum Vorschein kommt.


Ist dir nicht auch warm?


Nö.


Na gut. Wenn du willst, kannst Du mir jetzt den BH aufmachen.


Klar will ich. Hoffentlich stelle ich mich nicht zu dusslig an. Wenn ich gewusst hätte, was heute auf mich zukommt, hätte ich das zuhause geprobt.


Steffi dreht mir den Rücken zu, und ich fummle am Verschluss herum. Weiß der Teufel, wie sowas funktioniert. Schon wird mir ungemütlich heiß, aber ich schaffe es einfach nicht.


Zusammenschieben und aushaken!


Zusammenschieben?


Ach, ich mach das schon.


Mit heißem Kopf sehe ich zu, wie sie mit beiden Händen nach dem Bändchen am Rücken greift, es nach unten zieht und beide Enden zusammenschiebt. Sofort sind sie getrennt und baumeln lose an der Seite herunter. Okay. Aber wie weiter? Über den Kopf? Zum Glück erspart sie mir weiteres Rätselraten, indem sie sich leicht nach vorn beugt, so dass ich ihr den BH nur über die Arme zu streifen brauche. So bleibt sie sitzen, den geheimnisvollen Busen von mir abgewendet. Ich rücke ganz nahe an sie heran, presse mein Gesicht an ihren Rücken und lasse meine Finger langsam herumwandern.


Gefällt dir mein Busen? fragt Steffi nach einer Weile.


Mmmh, antworte ich und spiele mit der kleinen Murmel an der Spitze. In meiner Hose herrscht mittlerweile drangvolle Enge und etwas zerrt mit Macht an meiner Vorhaut, sodass es wehtut. Gerne würde ich mir unauffällig in die Hose greifen, um wieder alles in Ordnung zu bringen. Noch ein Handikap. Lieber Gott, wie viele körperliche Leiden willst du mir noch auferlegen? In „Lieber John“ hat John so lange an Anitas Brustwarzen herumgefummelt, bis sie hart geworden sind, und Anita hat dazu gestöhnt. Steffi lässt meine Streichelei stumm mit sich geschehen, und ihre Brustwarzen sind längst wieder weich. Ich schiebe meinen Kopf an ihr vorbei und versuche mit der Zunge ihren Bauchnabel zu erreichen, um mich von dort höher zu arbeiten.


Warte!


Sie rückt ein bisschen Richtung Bettmitte und legt sich auf den Rücken, die Hände flach auf den Oberschenkeln, die Augen geschlossen. Ein Anblick, der meinen Mund trocken werden lässt. Obwohl sich dieser Körper von meinem gerade nicht sonderlich unterscheidet, denn es sieht so aus, als wäre alle Flüssigkeit aus ihrem Busen in ihren Körper zurückgesickert.


Dein Busen ist weg, sage ich.


Wie weg?


Er ist ganz flach, wie zwei kleine Teller.


Ruckartig richtet sie sich auf, sodass unsere Köpfe dicht beieinander sind.


Was?


Wenn du liegst, dann sieht es aus, als ob –


Sie schüttelt ein paar Mal ihren Oberkörper, und ihr Busen, zwei halbleere Beutel, wackelt hin und her.


Findest du, er ist zu klein?


Nein, überhaupt nicht. Es ist nur –


Was? Hastig schiebt sie eine Haarsträhne beiseite, die ihr ins Gesicht gerutscht ist.


Im Liegen steht er gar nicht mehr vor, sondern –


Aber nur im Liegen, sagt sie kühl. Das ist normal, oder? Das verteilt sich eben.


Sie nimmt meine Hände und wölbt sie unter ihren mandarinenförmigen Ausbuchtungen. Erstarrtes Wachs, das mit einer verschrumpelten Rosine gekrönt ist.


Halt sie mal. Merkst du, wie schwer sie sind?


Ich wiege ihren Busen in meinen Händen und drücke meine Anerkennung ihrer Herrlichkeiten mit Nicken und einem heiseren Ja aus.


Steffi schlingt ihre Arme um mich. Dein Pullover kratzt, flüstert sie neben meinem Ohr, aber bevor ich etwas zu meiner Rechtfertigung antworten kann, wirft sie sich wieder auf den Rücken, zieht mich mit sich und verschließt meinen Mund mit ihren Lippen. Und noch während unsere Zungen aneinander reiben, wälzt sie uns beide mit einem kräftigen Ruck herum, so dass sie auf mir zu liegen kommt.


Verlegen schließe ich die Augen, und als ich sie wieder öffne, thront sie, auf ihre Fäuste gestützt, herausfordernd über mir, und ihr Busen mit den rosig gerunzelten Spitzen pendelt über meinem Gesicht.



Papa ist jetzt auch Beamter, genau wie Mama. Aber am Schalter sitzen will er doch nicht. Er hat die Ausbildung zwar angefangen, aber als er probeweise ein paar Stunden Schalterdienst absolvieren musste, hat er einen Rückzieher gemacht. Es liegt mir eben nicht, sagt er, man trägt zu viel Verantwortung, man darf sich keinen Fehler erlauben. Vielleicht hat er auch Schiss, dass die Post mal überfallen wird, denn in seiner Filiale hängt jetzt ein Fahndungsplakat der Baader-Meinhof-Bande. Gesucht werden elf Männer und acht Frauen. Nr. 1 ist Ulrike Meinhof, sie ist auch die älteste. Ilse Stachowiak ist nur ein Jahr älter als ich. Über Ralf Reinders hätten sie auch schreiben können: WANTED!, denn er sieht aus wie der texanische Revolvermann John Wesley Hardin.


Mama hätte sich zwar gefreut, wenn Papa an den Schalter wechselt, weil sich die Leute dann nicht mehr zu wundern brauchen, dass der Mann der Lehrerin Briefträger ist. Ich hätte mich auch gefreut, weil am Schalter zu sitzen vornehmer ist als Briefe auszutragen. Andere Väter arbeiten ja auch nicht auf offener Straße, wo sie jeder sieht. Sie schreiben allerdings auch keine Wildwestromane. Als ich das Thomas erzählt habe, wollte er es erst nicht glauben, bis ich ihm die vier Romane gezeigt habe. Am meisten hat er sich über Papas Pseudonyme beömmelt, und seitdem heißt er bei ihm nur noch Adam Cooper alias Yellow Flash.


Wir treffen uns jetzt oft bei ihm im Fetenkeller. Möbel sind außer einem alten Kleiderschrank und einem ausrangierten Couchtisch keine drin. Die Wände sind mit Postern tapeziert, hinter dem Kleiderschrank klebt noch der Rest des linken Mokassins vom Pierre-Brice-Starschnitt und neben dem Fenster an der Stirnwand hängt eine uralte „Bravo“-Musicbox mit den seinerzeit aktuellen Spitzenreitern. Wir hocken auf Matratzen, die auf dem nackten Fußboden liegen, vom Tonband erklingt Leonhard Cohen, zwischen unseren Fingern glühen die Selbstgedrehten im Dunkeln. Jedes Mal, wenn einer von uns einen Zug nimmt, taucht sein Gesicht für einen kurzen Moment aus der Dunkelheit auf. Auf dem Tisch stehen zwei Chiantiflaschen, dick mit Wachsfäden in verschiedenen Farben überzogen, und ein Blumentopfuntersetzer, voll mit unseren Kippen. Stünde nicht das Fenster vom Lichtschacht dauerhaft offen, wären wir längst in unserem Zigarettenqualm erstickt. Wenn wir Hunger haben, holen wir uns was aus der Frittenbude von Nikolaos auf der Friedensstraße, da, wo früher das kleine Lutter-Lebensmittelgeschäft gewesen ist. Unterwegs überlegen wir, ob wir lieber eine Currywurst mit Fritten nehmen oder ein halbes Hähnchen. So was gibt’s zuhause nicht, und außerdem haben wir zurzeit keine Lust, mit unseren Eltern am Abendbrottisch zu sitzen.


Zusammen mit Manni und Rainer hat Thomas eine Band gegründet, Phatamana. Zu dritt! Jeder weiß, dass alle guten Bands aus mindestens vier Musikern bestehen: The Beatles, The Kinks, The Who. Andere leisten sich sogar einen Extrasänger: The Rolling Stones, The Animals. Trotzdem hat er mich nicht eingeladen, vermutlich wegen meiner mangelnden Ausstattung. Weil Manni tapfer den Schlagzeug-Unterricht auf der Snare Drum durchgehalten hat, haben ihm seine Eltern zur Konfirmation ein komplettes Drum Set geschenkt, und Rainer hat von seinem Opa das Geld für einen Höfner-Bass samt Verstärker bekommen. Mit sowas kann ich nicht aufwarten.

Ich könnte ja trotzdem mitmachen, als Sänger und Liedertexter, wie Mick Jagger oder Eric Burdon. Aber aus irgendeinem Grund wollen sie mich nicht dabeihaben, und ich muss wie Paul McCartney meine eigenen musikalischen Wege gehen. Stattdessen haben sie Harry eingespannt, obwohl er nicht einmal ein Instrument spielt. Harry ist für die Werbung zuständig. Noch ist kein Auftritt in Sicht, da hat er schon Plakate für die Band entworfen und Phatamana-Aufkleber gebastelt, von denen er immer welche dabeihat, um sie heimlich auf Zigarettenautomaten oder Fahrradständer zu pappen, damit der Name sich einprägt. Bei mir muss er sich nicht mehr einprägen, und trotzdem hat mir Harry einen fetten Doppelstempel Phatamana Phatamana ins Adressbuch reingehauen, mitten auf die Seite mit den Buchstaben P und Q.


Silvester werden wir diesmal zusammen feiern, und zwar bei Harry, wo um Mitternacht wenigstens geballert wird. Sehr gerne würden wir noch ein paar Mädchen dazu einladen, aber außer Steffi ist keine interessiert. Noch hat sie von ihren Eltern allerdings keine Erlaubnis, und damit sie die bekommt, muss ich am Sonntagabend vor der Tagesschau ihren Vater anrufen.


Herr Groß siezt mich, was er vielleicht nicht tun würde, wenn er wüsste, dass ich ein schmächtiges Kerlchen bin, und kommt gleich zur Sache.


Erstmal: Wo findet diese Silvesterfeier statt. Ich will Name und Adresse.


Ich sage es ihm, samt Postleitzahl, obwohl er wohl kaum in Verlegenheit kommen wird, Harrys Eltern einen Brief zu schreiben, nicht mal einen Dankesbrief, aber er nimmt es hin, genau wie die Telefonnummer.


Als nächstes will er wissen, wer alles zu der Party kommt und wie alt wir sind, und wieder gebe ich eine wahrheitsgemäße Auskunft.


Also ist Stephanie das einzige Mädchen?


Nein, weil...


Weil?


Harry hat eine große Schwester.


Aha. Und die Eltern?


Die sind auch da.


Das ist schon mal eine Beruhigung. Und wie lang soll die Feier gehen? Doch nicht bis in die Puppen?


Statt meine Antwort abzuwarten, stellt er unmissverständlich klar, dass Steffi das Neue Jahr nicht zusammen mit uns begrüßen wird.


Bis Mitternacht erlaube ich auf keinen Fall. Ich will, dass Stephanie noch vor der Knallerei zuhause ist. Das bedeutet, spätestens um elf steigt sie in den Bus nach Kaarst. Allerspätestens.


Das ist aber schade, schließlich –


Und Sie, junger Mann, bringen Stephanie zur Haltestelle und sorgen dafür, dass sie in den richtigen Bus steigt. Können Sie mir das garantieren?


Ja, das kann ich.


Gut. Ich verlass mich drauf.


Äh – sofern es nicht irgendeine Katastrophe gibt.


Wie? Was für eine Katastrophe?


Ich meine... irgendwelche unvorhergesehenen außergewöhnlichen Umstände...


Was?


Erdbeben oder so... Und dass dann kein Bus fährt.


Hören Sie, wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Es gibt an Silvester in Norf kein Erdbeben, oder?


Nein, höchstwahrscheinlich nicht. Ich meinte ja auch nur, für den Fall –


Für den Fall? Welchen Fall? Wissen Sie was, junger Mann? Stephanie wird auf gar keinen Fall in Norf Silvester feiern! Das kann ich Ihnen jetzt schon versprechen, Sie Erdbebenexperte!


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