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- Jan-Christoph Hauschild

- 8. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Vor dem Eingang der Psychiatrischen Heilanstalt Mondstein standen ein paar Männer und eine Frau um einen mit Sand gefüllten Diabolo-Blumenständer herum und rauchten. Zwei Pflegerinnen saßen in Plastikstühlen dabei und rauchten ebenfalls.
Signora Espagnola an der Pförtnerloge erinnerte sich sofort, als Kim nach der Möglichkeit fragte, Herrn Holtz auf seinem Zimmer besuchen zu dürfen. Sie nannte ihnen eine Zimmernummer im 6. Stock und ließ sie ohne weitere Formalitäten passieren.
Im Fahrstuhl musterte von Haase Kim. Dann sagte er zu Alexander: „Deine Frau wirkt nervös, findest Du nicht auch?“
„Ich glaube, das ist nur die Anspannung“, erwiderte Alexander. „Ganz normal.“
„Sie hat Schweißperlen auf der Oberlippe“, sagte von Haase.
„Ja, mir ist warm“, entgegnete Kim und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Sie spürte, wie ihr die Bluse an Schultern und Rücken klebte.
„Du machst Dir zu viele Gedanken über dieses Treffen“, sagte von Haase. „Es kann gar nicht schiefgehen. Wenn ich Dir jetzt noch sage, dass im chinesischen Horoskop je nach Geburtsjahr fünf Typen des Hasen unterschieden werden –“
Den Satz zu vollenden gelang ihm nicht, da in diesem Moment die Türblätter der Fahrstuhlkabine ruckartig eingezogen wurden und er, weil er ihr am nächsten stand, die Schachttür öffnen musste, damit sie aussteigen konnten.
„Und dass dies der Erdhase, der Feuerhase, der Wasserhase und der Erzhase sind“, fuhr von Haase fort, als sie alle drei vor dem Aufzug standen.
„Erde, Wasser, Feuer und Erz sind erst vier Elemente“, bemerkte Alexander und wandte sich zum Gehen, weil er als erster an der Wand ein Schild entdeckt hatte, das mit einem Pfeil zu den Zimmern 601-610 nach links wies. „Du sprachst von fünf Typen.“
„Richtig, mein Lieber“, bestätigte von Haase und hielt ihn am Ärmel seines Sakkos fest. „Dreimal dürft ihr raten, wie das fünfte Element heißt.“
Der Chinaporzellan-Hase, hätte Alexander am liebsten geantwortet, mit einem gewaltigen Sprung in der Schüssel. Stattdessen starrte er an ihm vorbei in den Korridor, schüttelte den Kopf und sagte: „Keine Ahnung“.
Kim zuckte mit den Schultern. Dann sah sie von Haase an und sagte lächelnd: „Vermutlich der Wind-Hase“.
„Falsch!“ Von Haase warf ihr einen tadelnden Blick zu. „Nicht der Wind-Hase. Wieso überhaupt Wind? Wenn schon, dann Luft. Na egal. Sondern“ – er griff Richtung Decke und bediente einen imaginären Klingelzug – „tätää! Der Holz-Hase! Versteht ihr? Holz wie Holtz! Unglaublich, aber wahr. Der Holz-Haase entwickelt Projekte und treibt sie voran, bildet sich selbst stets weiter und verleiht guten Ideen eine dauerhafte und gewinnbringende Substanz. Und wenn ihr jetzt denkt, ich hätte mir das nur ausgedacht, habt ihr euch geirrt. Das ist Jahrtausende alte chinesische Wissenschaft!“
„Und Du bist natürlich ein Holz-Hase“, sagte Alexander.
„Sagen wir mal, ich fühle mich als Erd-Hase. Jeder Mensch hat doch irgendein Tier, dem er sich auf unerklärliche Weise verbunden fühlt, mit dem er in geheimnisvoller Weise vielleicht sogar zusammenhängt. Wissenschaftlich verifizieren lässt sich das vermutlich nicht, aber es entspricht meiner festen Überzeugung.“
„Und ist damit gewissermaßen evident“, pflichte ihm Alexander scheinheilig bei.
Von Haase ignorierte die Ironie. „Die Erd-Hasen haben auch ihre Stärken. Sie sind Praktiker und vernunftorientiert und gleichfalls verantwortungsbewusst. Sie hängen an Traditionen. Sie lassen sich nicht zu Risiken und Abenteuern hinreißen, sondern verlassen sich lieber auf ihren gesunden Menschenverstand.“
Vor Nummer 606 blieben sie stehen. Kim legte ein Ohr an die Tür und lauschte. Dann klopfte sie. Weil keine Reaktion erfolgte, klopfte sie ein weiteres Mal, diesmal etwas stärker. Wieder geschah nichts. Sie öffnete die Tür und ging hinein, Alexander und von Haase folgten ihr.
Holtz‘ Zimmer war leer, aber seine Leselampe brannte; er konnte nicht weit sein. Die Einrichtung bestand aus einem Bett an der rechten Seite, über dem ein Schmetterlingsbild hing, einem Einbauschrank gegenüber neben der Badezimmertür, einem runden Couchtisch mit einem Sessel und einem recht großen Schreibtisch aus dunklem Holz mit einem kunstledergepolsterten Bürostuhl vor dem Fenster. Was die spartanische Möblierung sofort vergessen ließ, war Holtz‘ Sammeleifer, der den Raum in die Werkstatt eines Naturkundemuseums verwandelt hatte. Auf dem Boden standen Dosen und Schachteln voller toter Insekten und Tüten, bis zum Rand vollgestopft mit Vogelfedern. Auf dem mit Farbspuren und Klebstoffresten gesprenkelten Schreibtisch vor dem großen Fenster lagen ein aufgeschlagener Skizzenblock, eine Klebstofftube, Blei-und Farbstifte in unterschiedlichen Längen, ein Lineal, ein Stapel Notizblocks von der Sorte, wie Holtz sie mit sich führte, und ein Haufen Zettel, alle mit einem Knick in der Mitte, gleich groß und gleichfarbig, mit grünem Rand, die mit seinen gleichmäßigen und geordneten Schriftzügen bedeckt waren. Die Leselampe warf einen milchigen Schein auf ein aufgeschlagenes Briefmarkenalbum; hinter den Streifen aus durchsichtigem Pergament steckten Schmetterlingsflügel, daneben lag eine Pinzette.
Im Bad war das Geräusch der Toilettenspülung zu hören.
„Sollen wir wieder rausgehen?“ fragte Kim Alexander.
„Zu spät“, erwiderte er.
„Herr Holtz“, rief Kim laut, um sie nicht wie Eindringlinge erscheinen zu lassen.
Gleich darauf öffnete sich die Badezimmertür und Holtz trat heraus, mit einem Handtuch bewaffnet. Während er sich sorgfältig die Hände abtrocknete, musterte er seinen Besuch.
Von Haases Hoffnung, dass Holtz das Handtuch rasch beiseitelegen würde, erfüllte sich nicht, weshalb er sich entschloss, nicht weiter mit der Begrüßung zu warten.
„Lieber Herr Holtz“, rief er mit gekonnter Freundlichkeit und presste sich an ihn. „Endlich habe ich Sie gefunden! Und das habe ich nur unseren beiden jungen Freunden hier zu verdanken!“
Holtz ließ die Umarmung stocksteif über sich ergehen. Dann ging er zu seinem Schreibtisch, wo er den obersten Zettel vom Stapel nahm und ihn von Haase mit einem spöttischen Lächeln überreichte, der ihn kopfschüttelnd an Alexander weitergab. EIN KÄFIG GING EINEN VOGEL SUCHEN stand darauf.
„Herr Holtz ist ein bisschen überrascht, dass so viel Zeit vergangen ist… Fast 30 Jahre“, sagte Alexander vermittelnd.
„Zeit… Was ist Zeit?“, rechtfertigte sich von Haase. „Man hat oft Zeit, aber dann mangelt es an der richtigen Gelegenheit. Ich habe meinen lieben Freund Holtz zumindest nie vergessen.“
Holtz drückte ihm einen weiteren Zettel in die Hand und biss sich streitlustig in den Zeigefinger. DU BIST DIE AUFGABE. KEIN SCHÜLER WEIT UND BREIT war darauf zu lesen.
Von Haase bezog die Sentenz unmittelbar auf sich und verstand sie als Angebot, sich zu duzen. „Aber natürlich, mein Lieber, ich bin Maurice. Und Du heißt –?“
„Karl-Heinz“, sekundierte Alexander.
„Selbstverständlich, Karl-Heinz. So bespricht es sich viel angenehmer“, sagte von Haase mit bemühter Herzlichkeit, bevor er von Holtz einen dritten Zettel zugesteckt bekam.
NOCH IMMER DER ANGEFRESSENE APFEL?
Von Haase las die Botschaft, konnte ihr aber beim besten Willen keinen Sinn und auch keinen Bezug entnehmen. In der Erwartung, dass sybillinische Bemerkungen dieser Art danach ausbleiben würden, machte er sich daran, die von Kim und Alexander angeregte Entschuldigung auszusprechen.
„Weißt du, Karl-Heinz“, begann er, „damals war eine schwierige Zeit. Ich hatte sehr schnell Erfolg…“
Er schaute zu Holtz, senkte den Blick aber sofort wieder, als er sah, wie dieser ihn anstarrte.
„Bloß die Folgen, die habe ich unterschätzt. Man wird, eigentlich ohne es zu wollen, nervös und ungeduldig, man versäumt Dinge, für die man sich früher stets Zeit genommen hat… Und man tut Dinge, die man, hätte man sie recht bedacht, nie getan haben würde. Die menschlichen Umgangsformen bleiben auf der Strecke. Ich sage das ganz frei heraus: Man benimmt sich schuftig. Ja, man wird zum Schuft. Aber ich habe dafür bezahlt. Vier Scheidungen, ein Verlagsbankrott… der Selbstmord meines Cheflektors… Doch ich will mich nicht herausreden. Es wäre meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, Deinen lieben Brief nicht irgendwelchen Dritten zur Beantwortung zu überlassen. Ich hätte erkennen müssen – und ehrlich gesagt: ich habe es ja erkannt, auf Anhieb erkannt – dass mir da ein besonderer Mensch schreibt, ein Genie vom Schlage eines Kurt Gödel. Aber ich fühlte mich auf hohem Ross, ich verweigerte Dir die Anerkennung, ich handelte unrecht.“
Er legte den Kopf schief und lächelte säuerlich. „Und deshalb beuge ich mich heute und bitte Dich demütig um Verzeihung.“
Er reichte ihm erneut die Hand, aber Holtz zeigte keinerlei Reaktion. Sein Gesicht war starr wie eine Gipsmaske.
Von Haase war nur kurz irritiert. Dann sagte er: „Und jetzt gib mir Deinen Block, damit ich Dir eine schriftliche Urkunde ausstellen kann.“
Holtz reichte ihm seinen Notizblock und seinen Bleistift, und von Haase schrieb ein paar Worte darauf.
„Und nun ergreife Du selbst den Stift“, tönte er pathetisch, „und schreibe unter Deinen Namen: Ich verzeihe ihm.“
Er gab ihm den Block, und während Holtz zu Alexanders Erstaunen tat, was von ihm gewünscht wurde, sagte von Haase, nun wieder mit normaler Stimme: „Das wird Dir guttun. Dann ist es nicht so einseitig.“
Kim zupfte Alexander am Ärmel.
„Lass uns gehen, Alex“, flüsterte sie. „Es ist jetzt eine Sache zwischen den beiden.“ Und an von Haase gerichtet sagte sie laut: „Wir warten unten. Egal, wie lange es dauert.“

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