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- Jan-Christoph Hauschild

- vor 2 Tagen
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Es regnete in Strömen, als Kim und Alexander zwei Tage später zusammen mit von Haase in ein Taxi stiegen, das sie vom Flughafen zur Klinik nach Pirna brachte. Sie hatten ihm am Telefon von ihrem Zusammentreffen mit Holtz berichtet, und er hatte sein Versprechen eingelöst, dazu zu stoßen, falls seine Anwesenheit erforderlich würde. Den Flug hatte Alexander für ihn gebucht, was von Haase für selbstverständlich hielt. Immerhin hatte er nicht auf einem Businessticket bestanden.
Von Haases blassblaue Augen glitzerten verdächtig und sein Atem verriet, dass er auf dem Flug vom kostenpflichtigen Getränkeangebot Gebrauch gemacht hatte. Er saß kaum, als er seine jüngsten Erlebnisse zum Besten gab. Wie in Vevey schien er auch jetzt davon auszugehen, dass jedes seiner Worte von allergrößter Bedeutung war.
„Ab Düsseldorf hatte ich den Fensterplatz in einer Dreierreihe. Ich dachte schon, ich bliebe alleine, aber dann kam ein Ehepaar. Amerikaner, wie sich herausstellte. Das geht nicht gegen Dich, Alexander. Zuerst schmiss der Kerl seine Sachen auf den Sitz neben mir, was mich schon rein optisch störte. Dann kam die Frau, schob den ganzen Kram beiseite und setzte sich neben mich, was wiederum ihm gar nicht passte, denn nun musste er seine werte Gattin zur Hälfte mit mir teilen. Sie war ganz schön aufgetakelt, mit für ihre Verhältnisse viel zu engen Hosen und solchen Absätzen.“
Er deutete eine Länge von etwa zwölf Zentimetern an.
„Sie stellte sich als Sister Williams von den Heiligen der letzten Tage vor und quasselte in einer Tour auf mich ein. Nun muss mir niemand mehr erzählen, wer die Mormonen sind und wer Joseph Smith ist und wie das Book of Mormon auf die Erde kam, aber die Lady fand noch genug, was sie mir erzählen konnte. Ich hätte gern erzählt, dass ich mit ähnlichem Zeug früher eine ganze Menge Geld verdient habe, und noch lieber hätte ich erfahren, wie viel sie heute damit verdienen – aber ich habe es dann doch gelassen.“
„Sehr rücksichtsvoll“, sagte Alexander, der neben dem Fahrer saß, über die Schulter.
„Und zur Belohnung durfte ich mir dann eine Art Predigt über Ehe und Familie und Kindererziehung anhören, und das ist bekanntlich mein Lieblingsthema. Einmal wagte ich einen Einwurf. Prompt zückte sie eines von diesen Blättchen, die sie überall in den Fußgängerzonen verteilen, ein Traktat, das mich eines Besseren belehren sollte, und weil ich es mit Gleichmut entgegennahm, gab sie mir noch zwei weitere, eins gegen das Rauchen, eins gegen das Trinken. Dabei sahen sie alle beide so aus, als würden sie ein Gläschen in Ehren nicht verschmähen. Sie ging wohl davon aus, dass ich mir das Zeug umgehend zu Gemüte führen würde und ließ mich in Ruhe. Erst beim Landeanflug erinnerte sie sich wieder an mich, und ich musste ihr verraten, was ich in Dresden wolle. Und was soll ich euch sagen, als ich antwortete, ich würde einen mir unbekannten kranken alten Mann in einer Heilanstalt besuchen, um ihm Kraft und Trost zu spenden, stieg ich ganz gewaltig in ihrer Achtung und wurde mit einer schönen Abbildung ihres Doms in Salt Lake City belohnt. Hier, ich schenke sie euch.“
Er reichte Alexander ein Kärtchen, auf dem ein nächtlich beleuchtetes Gebäude mit sechs schlanken Türmen an den Schmalseiten zu sehen war. Ohne Vorinformation hätte Alexander nicht zu entscheiden vermocht, um welchen Architekturstil es sich handelte, um Stalingotik oder Neugotik. Der Text auf der Rückseite gab Aufschluss, er war der Frage aller Fragen gewidmet, dem Zweck des Lebens:
Können Familien für immer vereint bleiben? Wohin gehen wir nach diesem Leben? Antworten auf diese bedeutsamen Fragen finden sie auf unserer Website. Besuchen Sie uns: www.mormon.org.
Alexander bedankte sich und gab das Kärtchen an Kim weiter, die es in ihrer Handtasche verstaute.
„Darüber hinaus war die Lady so höflich, mir zu meinem fabelhaften Englisch zu gratulieren. Ich sagte ihr, ich hätte es ausschließlich durch amerikanische Filme gelernt. – ‚Im Kino oder im Fernsehen?‘ Die Frage brachte mich auf eine Idee. ‚Im Fernsehen‘, antwortete ich, ‚und es war ein Fernseher ohne Ton‘. An der Antwort hatte sie zu knabbern, und deshalb blieb ich bis zur Landung verschont.“
Als sie sich Pirna näherten, hielt Kim es für geboten, von Haase auf die Begegnung mit Holtz vorzubereiten. Am Telefon hatte sie auf äußerst diplomatische Weise erwähnt, dass Holtz sich an ein Antwortschreiben von ihm erinnere, dem ein juristisch bedenklicher Vertrag beigelegen habe; die Erinnerung daran habe ihn noch jetzt, nach so vielen Jahren, regelrecht „erschüttert“. Haase hatte sofort eingeräumt, dass dies sehr wohl möglich sei, schob die Schuld aber sogleich auf seinen Hamburger Verlag bzw. seine damalige Sekretärin, die nur hinter seinem Geld her gewesen sei und oftmals hinter seinem Rücken und ohne seine Zustimmung gehandelt hätte.
Dass Holtz eine regelrechte Entschuldigung von ihm verlangte, hatte Kim von Haase bisher nicht verraten. „Hör mal, Maurice…“, begann sie jetzt zögernd, „ich wollte Dich bitten, bei unserem Treffen mit Holtz zu bedenken, dass er krank ist. Vermutlich war er immer schon ein sehr eigensinniger und schwieriger Mensch. Er lebt schon einige Jahre in der Klinik. Das hat ihn natürlich zusätzlich geprägt.“
„Ich hatte mein Lebtag mit schwierigen Patienten zu tun“, entgegnete von Haase gelassen.
„Sicher. Aber dieser ist besonders schwierig. Er braucht bestimmt eine Eingewöhnungszeit, ehe er zu Dir Vertrauen fassen kann. Und der Sprachverlust, unter dem er leidet, macht es natürlich extrem schwierig, sich mit ihm zu verständigen. Deswegen wäre es vielleicht klug, wenn Du Deinen Besuch mit einer großzügigen Geste beginnen würdest, einer Art Anerkennung… Verstehst du?“
„Was soll ich tun? Mich ihm zu Füßen werfen und seinem Genie huldigen? Eine Dornenkrone aufsetzen, mich vor ihm geißeln?“
„Das geht in die richtige Richtung“, sagte Alexander über die Schulter. „Ein symbolischer Akt der Unterwerfung sollte es schon sein. Du kannst Dir das leisten, Du stehst doch weit über solchen Machtspielchen. Ganz egal, ob er tatsächlich Anspruch darauf hat, könntest Du ihn schlicht um Verzeihung bitten. Damit nimmst Du ihm allen Wind aus den Segeln. Alle seine Vorbehalte werden sich in Luft auflösen.“
Von Haase verzog das Gesicht und wandte sich zu Kim. „Hattest Du am Telefon nicht gesagt, er freut sich auf mich?“
„Doch, natürlich. Nur scheint er gewissen Stimmungsschwankungen unterworfen zu sein. Das sollte Dich aber nicht verunsichern.“
„Verunsichern?“ lachte von Haase. „Mich? Meine Liebe, würdest Du von der chinesischen Astrologie auch nur einen Bruchteil so viel verstehen wie Araya und ich, würdest Du Dir über mich keine Sorgen machen. Übrigens soll ich euch von ihr schöne Grüße bestellen. Sie bedauert es sehr, nicht mitgekommen zu sein. Aber diese ganzen Visumgeschichten sind einfach zu kompliziert. Ich garantiere euch, selbst wenn Holtz kein einziges vernünftiges Wort über seine Lippen bringt, werde ich ihm die nötigen Auskünfte entreißen. Wie ein genialer Zahnklempner, der dich von deinem Leid befreit, ohne dass du es merkst. Lasst mich einfach nur machen. Die im Jahr des Hasen Geborenen streben nach Frieden und Harmonie. Sie sind die geborenen Problemlöser. In den alten chinesischen Schriften wird ihr diplomatisches Geschick gerühmt. Sie sind dafür prädestiniert, weil sie sich gut in andere hineinversetzen können. Und weil sie äußerst gutmütig sind. Sie wollen niemandem etwas Böses. Wenn ihr euch einmal umschaut: Olof Palme, Frère Roger, Josef Ratzinger… Alles Hasen. Einstein auch übrigens. – Schön ist das hier ja nicht gerade“, sagte er mit einem Blick auf das Gewerbegebiet, das sie gerade durchfuhren.
An einer roten Ampel fiel sein Blick auf ein riesiges Werbeplakat, das eine langhaarige Schönheit in einer ausgefallenen Sitzposition zeigte: Ihre steil nach oben gespreizten Beine und die zur Seite gestreckten Arme bildeten ein Dreieck.
„Kannst Du das auch?“ fragte er Kim und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: „Araya kann das.“
„Wenn Sex nur in dieser Stellung möglich wäre“, flüsterte Alex Kim ins Ohr, „würde sogar ich das können.“
„Hier, seht euch das an“, rief von Haase plötzlich. Er fuhr die Seitenscheibe herunter und deutete angewidert auf ein Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Schreibt man in Deutschland ‚nachher‘ neuerdings mit ai?“
Kim reckte den Hals und entdeckte einen Friseursalon, auf dessen Schaufenster in grotesk verspielten Lettern der Firmenname Vorher – Nachhair prangte. Sie verdrehte die Augen. „Nee“, seufzte sie, „das ist einer von diesen sogenannt witzigen Friseuren, die sich mit immer neuen Verballhornungen des Wortes ‚Haar‘ überbieten. Gibt es das bei euch noch nicht?“
„Nicht dass ich wüsste“, antwortete von Haase. „Allerdings gehe ich auch nicht zum Friseur. Dafür hab ich ja mein Kampfweib. Araya mit den Scherenhänden.“
„In Dresden habe ich einen Laden gesehen, der nannte sich Spectacoolhair“, sagte Alexander und kniff zum Zeichen seiner Verachtung die Lippen zusammen.
„Ich glaube, Kreative finden in Ostdeutschland ausreichend Betätigungsfelder“, bestätigte Kim.
„Kreative?“ wiederholte von Haase in doppelter Lautstärke, während er die Seitenscheibe wieder hochfuhr. „Mit großem K, wie komplett übergeschnappt? Und der Metzger heißt wie? WurstCase? Nichts ist schlimmer, als wenn Selbstüberschätzung und Geltungssucht zusammenkommen. Gott, wo führt das hin, wo hört das auf? Lieber möchte ich blind sein, als eines Tages bei meinem Zahnarzt ein Türschild vorzufinden, auf dem steht: MacBiss. Andererseits –“ Er wandte sich an Alexander. „Andererseits würde ich doch gerne wissen, ob diese Sprachkünstler jetzt mehr Kunden haben als vorher, als sie noch brav ‚Friseursalon Müller‘ hießen. Wär doch interessant zu wissen, ob die Strategie am Markt Erfolg hat.“
„Ja, da kann man sich vielleicht was abschauen“, pflichtete ihm Alexander sarkastisch bei.
Doch sein spöttisches Grinsen ließ von Haase ungerührt. „Wie würde ich denn meinen Friseursalon nennen?“, murmelte er vor sich hin. „Hm hm hm...“
„Ja, wie würde Dein Friseurgeschäft heißen?“, sagte Kim und sah von Haase dabei so treuherzig wie möglich an.
„Mein Geschäft? Wenn es meins wäre? Keine Ahnung... Vier Haareszeiten... Kamm here... Alles suboptimal.“
„Haarakiri“, schlug Alex mit abgewendetem Gesicht vor.
„Moment, ich bin noch nicht fertig. Hunting the hair“, verkündete er grinsend. „Das wäre mein Laden.“

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