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Von Papa ist wieder ein Roman erschienen, schon sein vierter. Diesmal nicht wie die anderen als Heft, sondern als Buch im Paul-Feldmann-Verlag in Marl-Hüls. Am Kiosk kann man den Roman nicht kaufen, weil er in erster Linie für Leihbüchereien bestimmt ist, und das bedeutet, dass jedes Buch nicht nur einen Leser hat, wie die Romanhefte, sondern vielleicht zehn oder zwanzig, und das kann nur von Vorteil sein, weil Papa dadurch schneller berühmt wird. Wenn der Paul-Feldmann-Verlag nun auch seine anderen Romane herausbringt, die druckfertig bereit liegen, wird er demnächst in einem Atemzug mit G. F. Unger und Robert Ullman genannt werden.


Aber Papa meint, dass es dazu nicht kommen wird, weil ihm Paul Feldmann die anderen Romane mit gleicher Post zurückgeschickt hat, angeblich weil er zurzeit mit Manuskripten eingedeckt ist, und jetzt hat er erst mal die Nase voll.


Ich finde, dass Papa auf keinen Fall den Mut verlieren darf. Wenn sich der Verlag nichts von ihm als Autor versprechen würde, hätte man bestimmt nicht so ein edles Buch mit 255 Seiten hergestellt. Einige Romane von Robert Ullman werden jetzt vom Zauberkreis-Verlag als Taschenbuch herausgebracht, aber wenn man sie ein paar Mal aufbiegt, fallen schon die Seiten heraus, weil sie nur geklebt sind. Das kann bei Papas Buch nicht passieren, denn es ist schön auf dickes Papier gedruckt und stabil gebunden, und der Einband ist durch einen Überzug aus durchsichtiger Folie vor Verschmutzung geschützt.


Wieder hat man Papa ein Pseudonym verpasst, diesmal heißt er Jack Morris. Den Titel hat man auch geändert, und das war zu erwarten, denn Papa hatte seinen Roman „Der Einzelgänger“ genannt. Jetzt heißt er „Sein Vater war ein verdammter Rebell“. Auf dem Umschlag ist ein sonnengebräunter Cowboy mit breitkrempigem Hut und einem Revolver im umgeschnallten patronengespickten Gurt abgebildet, der neben einem aus rohen Balken gezimmerten Gerüst steht. In der einen Hand hält er ein Gewehr; der andere Arm scheint schwer an einem Sattel zu tragen. Wahrscheinlich wird er im nächsten Moment sein Pferd satteln, das am Holm festgebunden ist, und sich auf den Weg nach Hause machen. Sein Gesichtsausdruck ist ernst, wie wenn er schon eine Vorahnung hätte, was ihn dort erwartet: Die Rückkehr aus dem Sezessionskrieg ist für Roy Smot nach vierjähriger Abwesenheit niederschmetternd. Das Land verwahrlost, die Hütte, früher sein ganzer Stolz, nur noch ein Torso. Was aber noch viel, viel schlimmer ist, ist die Tatsache, dass seine Frau mit einem Yankee durchbrannte.


Der Oberschurke, der Roy Smot seine Frau weggenommen hat, trägt den Namen Ken Brown. Ich glaube, dass Papa diesen Namen nicht ohne Grund gewählt hat, denn als er den Roman schrieb, wohnten wir in der Moselstraße, und unsere Nachbarn, die Paul angezeigt haben, hießen Braun. Das ist Papas Rache. Und bei den beiden Söhnen von Roy Smot hat er wahrscheinlich an uns gedacht: renitente Burschen, denen man anmerkt, dass die leitende Hand des Vaters ihnen lange Zeit gefehlt hat. Auf Seite 12 sieht er sich daher gezwungen, ihnen erst einmal Respekt beizubringen.


Trotz seines steifen Beines springt Roy vor und schlägt so blitzschnell seine Rechte Mike zweimal ins Gesicht, dass dieser von der Wucht der Schläge in die Knie geht.


Als sich Giles erschrocken in die Hütte retten will, peitscht die Stimme seines Vaters auf: „Pfui, Teufel, du Feigling. Bist du auch ein Smot?“


Da dreht sich Giles ganz langsam um. Er schluckt, um die Angst zu überwinden, und kommt mit schweren Schritten zurück.


Groß sind seine Augen auf den Vater gerichtet und leise gibt er Antwort: „Schlag nur zu, Vater. Ich bin ein Smot!“


„Dann schluck es“, brüllt Roy voller Wut und trifft ihn hart. „Ihr verdammten Burschen habt wohl ganz vergessen, dass ein Vater nicht nur Pflichten hat, sondern auch Rechte. Noch bin ich das Oberhaupt der Familie, und als solches will ich respektiert werden.“


Weil ich solche Sätze aus Papas Mund kenne, lese ich Paul die Stelle vor.


Meinst du nicht auch, dass Papa bei den Brüdern Giles und Mike an uns beide gedacht hat? Ihre Wege sind getrennt und ihre Ansichten verschieden. Wie bei uns. Und Giles ist im Roman auch zwanzig Jahre alt. Genau wie du.


Sofort reißt mir Paul das Buch aus der Hand, fläzt sich in seinen Drehstuhl und legt die Füße quer über seinen Schreibtisch.


Lass sehen, sagt er und blättert hastig im Buch herum. Was steht da sonst noch über uns? Seine Stimme ist vor Aufregung ganz hell.


Bloß dass wir renitent sind. Und faul. „Jungs, musstet ihr alles so verkommen lassen? Habt ihr nie daran gedacht, zu arbeiten?“ Aber eigentlich machen wir gar nichts. Schwingen höchstens ein paar freche Reden. „Vater und Mutter… Wenn ich das schon höre, wird mir schlecht. Zum Teufel, bisher sind wir ganz gut allein fertig geworden, Alter. Was willst du hier, du hast uns gar nichts zu sagen…“ Sowas halt.


Paul grinst.


Und übrigens, sage ich, bevor er sich zu früh freut, du wirst von einer Indianerlanze durchbohrt, die eigentlich mich treffen sollte.


Und bin tot, oder wie?


Aber erst auf Seite 94.


Toll, sagt Paul. Aber du bleibst übrig, ja?


Ich werde Offizier, heirate und erbe eine große Ranch in Texas.


Das könnte dir so passen.


Und nebenbei stelle ich Papas Ehre wieder her, der zu Unrecht hingerichtet wurde. Auf Seite 39 wird er nämlich als Südstaatenrebell gehängt, obwohl er alles nur aus Liebe zu seiner Heimat getan hat. Und trotz seines steifen Beins.


Papa hat ein steifes Bein? Paul ist so verblüfft, dass er nicht mehr zustande bringt als ein dämliches Echo.


Kriegsverletzung, erläutere ich oberschlau und genieße meinen Wissensvorsprung. Eigentlich soll ich bei der Hinrichtung zusehen. So steht es im Urteil. Aber dann schlägt mich der Gefängniswärter bewusstlos, um mir den Anblick zu ersparen.


Paul verzieht höhnisch den Mund. Beim Zusehen wärst du von ganz alleine bewusstlos geworden.


Egal. Und Mama wird auf Seite 42 von ihrem Geliebten aus Versehen erschossen.


Mama hat einen Geliebten? Bekloppter geht’s kaum. Das macht doch alles keinen Sinn.


Enttäuscht schmeißt Paul das Buch in meine Richtung. Das kannst du dir in die Haare schmieren. Mit dem Zeug konnte ich noch nie was anfangen.


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