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Der Zauberkreis-Verlag hat Papas dritten Roman herausgebracht, „Sieben Frauen für Camp Hills“, mit einem aufreizenden Titelbild: Blick in eine Spelunke, wo im Schein von Petroleumlampen eine halbnackte schwarzhaarige Schönheit gerade aus ihrem Rüschenkleid steigt, umringt von johlenden Männern. Mama findet das Bild einfach nur dämlich, aber es passt genau zu Papas Geschichte, weil Kid Lionel ja den Auftrag hat, in Nebraska City für seine sieben Freunde, die zuhause im Goldgräberlager auf ihn warten, Ehefrauen zu suchen, und die einzigen, die er findet, sind Saloongirls: Laura ist die Jüngste und die einzige, die Kid wie einen guten Freund behandelt. Sie wird von Banditen erschossen. Jane ist nicht ganz richtig im Kopf. Heute würde man diese Krankheit als die Folge schlechter Kindheit bezeichnen. Sie ertrinkt im Schwemmsand des Walrath Creek. Die korpulente Blanca hat das Herz auf dem rechten Fleck. Zu Kid sagt sie: Muskeln hast du ja, und ich werde feststellen, was du sonst noch hast, Kleiner. Sie lernt unterwegs einen Sergeanten der Army kennen und heiratet ihn. Polly raucht und trinkt mit den Banditen um die Wette, aber eine Frau ist sie auch, mit Wünschen, Träumen und Hoffnungen. Sie stirbt an Lungenentzündung. Kate scheint aus guter Familie zu stammen. Sie ist sehr sauber, still und spricht gebildet. Karten-John stellt ihr nach. Aber hochmütig weist sie ihn ab. Als sie russischen Auswanderern begegnen, verliebt sie sich in den Balalaikaspieler Iwan und stiehlt sich mit ihm davon. July und Alice sind Schwestern. Solange das Feuer abends noch hell scheint, liest Alice July etwas aus der Bibel vor. Die beiden bereuen ihr bisherigen Leben. Sie haben ernstlich vor, ihren zukünftigen Männern eine gute Ehefrau zu sein. Alice wird bei einem Erdrutsch verschüttet, July stirbt durch einen verunglückten Schuss. Und die Goldsucher in Camp Hills sind auch alle tot: Die sieben Männer werden bei der Arbeit überrascht, die sie getrennt voneinander verrichten. Und als die Indianer abziehen, bleiben nur Tote und rauchende Trümmer zurück.


Der Verlag hat Papa wieder das Pseudonym Ward Bros verpasst; Mama meint, das ist auch besser so. Richtig vermurkst worden ist diesmal nichts, außer dass die sieben Frauen ständig als Girls bezeichnet werden und Kid kein Junge, sondern ein Boy ist, und auch kein Fremder, sondern ein Stranger, und wenn es hoch hergeht, wird Yea und By gosh gerufen. Papa ärgert sich aber nur ein bisschen; Hauptsache, es ist gedruckt.



Ich bin versetzt in die Obersekunda, mit nur einer Fünf in Mathe, und darf die Jugendfreizeit der Christuskirchengemeinde in Döbriach mitmachen. Von Karin weiß ich, dass sie mit den Jungen Pionieren aus Eberswalde ins Ferienlager Makarenko nach Brodowin fährt. Da ist der Hund verfroren, schreibt sie, und ich stelle mir vor, dass das irgendwo in Russland ist, vielleicht in Sibirien, aber tatsächlich liegt dieses Brodowin nur ein paar Kilometer von Eberswalde entfernt, in einer öden Heidegegend mit ein paar Seen. Außer einer Post- und einer Sparkassenfiliale gibt es da nur ein einziges Geschäft. Und noch eine Kneipe, in der die gesamte Dorfjugend rumhängt. Mit andern Worten: ein Kuhkaff, in dem nichts los ist, und dazu sagt man in der Ostzone anscheinend: Da ist der Hund verfroren. Wieder was gelernt.


Paul fährt mit Udo und Dobi nach Nizza. Seit ein paar Wochen ist er volljährig und macht praktisch, was er will. Kein Wunder, dass er seine Zwischenprüfungen nicht bestanden hat. Zur Strafe wurde seine Ausbildung um ein halbes Jahr verlängert und sein Gehalt gekürzt. Wenn er sich nicht endlich am Riemen reißt, wird er nie Justizbeamter werden und uns ewig auf der Tasche liegen. Trotzdem hat er sich kürzlich bei Zoo Hartmann einen Leguan gekauft. Als Belohnung für was?


Und wie kann man sich für ein Tier begeistern, das sich stundenlang nicht bewegt und bis auf übertriebene Atemgeräusche niemals einen Laut von sich gibt? Außerdem hat er nicht mal ein Terrarium. Angeblich hat ihm der Verkäufer bestätigt, dass er den Leguan, solange er noch nicht ausgewachsen ist, auch in einem Vogelkäfig halten kann. Wer’s glaubt, wird selig. Andererseits hat der Verkäufer die Echse für den Transport in eine Pappschachtel gestopft, in der normalerweise Vögel verkauft werden. Könnte also sein, dass Paul die Wahrheit sagt. Jetzt steckt das Vieh in Püries altem goldenen Gitterkäfig, und weil es ein Kaltblüter ist, hat Paul seine Schreibtischstehlampe so eingestellt, dass sie einen Teil des Käfigs erwärmt bzw. erhitzt. Und natürlich erleuchtet. Nachts immerhin, wenn sich Paul ins Bett legt, geht auch für den Leguan die Sonne unter.



In Döbriach komme ich in die Gruppe Joe zu den Sechzehn- und Siebzehnjährigen. Sie haben überall am Körper Haare, rauchen wie die Schlote und trinken Bier aus Halbliterkrügen. Gegen sie wirke ich wie ein kleiner Junge. Mama sagt, ich bin ein Spätzünder. Als hätte ich es nicht schon schwer genug mit dem toten Schneidezahn, auf den alle starren, weil er inzwischen grau angelaufen ist. Der freche Stefan Emons hat mich sogar gefragt, ob ich ihn mit Bleistift angemalt habe und dazu blöde gegrinst.


Wenn Joe nicht dabei ist, reden wir meistens über Frauen. Sie werden eingeteilt in die mit dicken Möpsen und die, die flach sind wie ein Brett mit Warzen, wofür es die Abkürzung BMW gibt. Rainer Kurth erzählt, dass er seine Stiefmutter schon mal nackt gesehen hat.


Wir waren allein zuhause. Mein Vater war auf Geschäftsreise. Sie kam aus der Dusche und hat vor meinen Augen den Bademantel ausgezogen.


Und dann?


Die wollte ihn verführen, was sonst.


Seine Mutter?


Ist doch nur seine Stiefmutter, du Blödmann.


Halt die Fresse.


Weiter. Was hast du gemacht?


Gepoppt.


Haha.


Sag schon!


Ich bin rausgegangen. Weil ich an meinem Vater denken musste.


Schön blöd.


Hab ich hinterher auch gedacht.


Über Wichsen wird auch gesprochen, aber ohne Einzelheiten. Angeblich hat letztes Jahr einer aus der Gruppe in die Suppe gewichst. Es soll eine Wette gewesen sein. Mike Bauer erzählt, dass er täglich wichst, und zwar mit ausdrücklicher Erlaubnis seines Vaters. Als es ihm mit Vierzehn im Sack öfter weh getan hat, wegen dem Druck, hat er mit seinem Vater gesprochen und der hat gesagt, er soll sich ruhig von Zeit zu Zeit erleichtern. Es wird vermutet, dass sein Pimmel deshalb so lang ist, aber Mike meint, das hätte damit nichts zu tun, er sei mal von einer Ärztin untersucht worden, uns als die seinen Schwanz gesehen hat, wollte sie nicht glauben, dass er Jahrgang 1954 ist. Er würde uns gern noch mal seinen Siebzehn-Zentimeter-Steifen zeigen, aber die meisten kennen ihn schon aus Winterscheid, und dass er ihn im Sitzen mit dem Mund berühren kann, glauben wir ihm auch so.


Andy Waldschmidt wacht jeden Morgen mit dichten Bartstoppeln auf. Bis vor kurzem ist er mit Babsi aus der Gruppe Rosy gegangen. Ich habe ihn gefragt, wie Zungenkuss geht und wie lange er dauert, für den Fall, dass ich mal in die Situation komme. Andy hat gemeint, wahrscheinlich nicht länger als ein oder zwei Minuten. Genau kann er es auch nicht sagen, weil man dabei das Gefühl hat, als würde die Zeit stehen bleiben. Mit Babsi hat Andy auch schon gebumst, weil sie beide den Drang dazu hatten. Wenn es soweit war, hat er Et kütt, et kütt! gerufen und ist schnell aufgesprungen. Ich habe manchmal auch Drang, zum Beispiel wenn ich Pauls schweinischen Roman „Lieber John“ gelesen habe, in dem sich Anita in der Schaukel des Orgasmus wiegt.

Weil Babsi mit ihm Schluss gemacht hat, geht Andy jetzt zum Wichsen aufs Klo. Einmal hat jemand an der Tür gerüttelt, als es ihm gerade gekommen ist, und vor Schreck ist alles gegen die Tür gespritzt. Ich wüsste gern, ob ich das auch schaffe. Wenn ja, bin ich geschlechtsreif und fortpflanzungsfähig, auch ohne Bart. Aber wenn ich Andy frage, wie Wichsen geht, dann wüsste er, dass ich es noch nie gemacht habe, und dann bin ich vielleicht nicht mehr sein Freund. Anscheinend ist es so einfach wie Spucken. Im Lexikon von Ernest Bornemann gibt es einen langen Artikel über Onanieren, aber wie man es macht, stand natürlich nicht dabei.


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