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Das Restaurant war trotz der frühen Nachmittagsstunde gut gefüllt. In den zum Fluss gelegenen Räumen hatten sich mehrere Touristengruppen breitgemacht, aber in einer Nische entdeckte Kim einen freien Zweiertisch. Nachdem sie ihre Bestellungen aufgegeben hatten, zog Kim ihren kleinen Straßburgprospekt aus der Handtasche und faltete ihn so, dass die Seite mit den Museen oben lag. Sie tippte auf die Informationen zum Museum für zeitgenössische Kunst und schob ihn zu Alexander hinüber.


„Da. Da wäre ich lieber hingegangen.“


Alexander warf einen flüchtigen Blick auf die Seite. „Dann hättest Du eben doch Michael Brendon heiraten müssen. Dann hättest Du die Kunstschätze gleich im eigenen Haus gehabt.“


Kim legte den Kopf schräg und fixierte ihn. „Ich hätte Mike niemals geheiratet, Alex.“


Alexander grinste. „Wie ich gehört habe, wart ihr aber nah dran.“


Vom Tisch gegenüber, an dem ein halbes Dutzend junger Frauen saß, kam schallendes Gelächter herüber.


„Ich hätte Mike niemals geheiratet und damit basta“, fauchte Kim und griff nach dem Straßburgprospekt, um ihn wieder einzustecken. Im selben Moment brachte einer der Kellner ein Tablett mit einem großen Kronenbourg für Alexander und einem Perrier für Kim. Kim schenkte sich ein und hob ihr Glas.


„Auf die Paläoanthropologie!“


„Auf die Kunst“, sagte Alexander. Ein Gefühl von Besitzerstolz veranlasste ihn, über den Tisch zu greifen und ihre Hand zu nehmen.


„Stattdessen bist Du in meine Fänge geraten, und nun wirst Du von mir von einem archäologischen Museum zum nächsten geschleppt. Aber weißt Du auch, dass ich Dir, also euch beiden, dadurch einen Gewaltmarsch ans andere Ende der Stadt erspart habe?“


Er schlug die Seite mit dem Plan der Innenstadt auf, auf dem eine Handvoll Sehenswürdigkeiten dick umkringelt waren. „Hier ist der Kardinalspalast…Hier sind wir jetzt… Und hier ist das MAMCS.“


Er zeigte auf einen Punkt am linken Rand des Stadtplans.


„Dafür hätten wir zweimal den Fluss überqueren müssen... Das wären fast zwei Kilometer gewesen.“


Ein Kellner tauchte auf, flink und geräuschlos wie eine Katze auf Velour, und setzte ihre Vorspeisen vor ihnen ab, die er auf Anhieb richtig zuordnete.


„Ich kann nicht ganz verstehen, warum Dich der Knochenzwerg so fasziniert hat“, sagte Kim, während sie ihre Gabel in die geraspelten Möhren stieß. „Oder war es am Ende eine Knochenzwergin?“


„Um das Geschlecht bestimmen zu können, müsste man die Proportionen genauer untersuchen“, antwortete Alexander, der damit begonnen hatte, die Scheiben aus Schweineschnauze in Aspik in mundgerechte Stücke zu teilen. „Ich glaube, in der Ausstellung haben sie das bewusst offen gelassen.“


Der Kellner stellte ein Körbchen mit Baguettescheiben auf ihren Tisch.


„Muss ich mir Sorgen um Dich machen, Alex? Bist Du vielleicht heimlich nekrophil?“


„Weil ich dieses Exemplar atemberaubend schön finde?“


„Du hast doch sicher schon Hunderte solcher Wasserköpfigen gesehen.“


„Turricephali, Turmschädel. Sagen wir Dutzende. Aber dieser war der schönste von allen.“


Kim legte ihre Gabel beiseite und sah Alex herausfordernd an. „Ich weiß gar nicht, wie man ein Gerippe als schön bezeichnen kann. Dazu ist es doch viel zu – eindimensional. Ja, genau. Es ist einfach nur... starr. Aufrecht und starr. Es fehlt die Breite. Der Umfang. Bewegung. Es kann ja nicht mal von alleine stehen!“


„Okay. Du vermisst den Eindruck von Lebendigkeit. Ja, dafür braucht es Fleisch und Muskeln. Aber das Ebenmaß der Körperteile wird durch den Knochenbau festgelegt. Versuch Dir mal vorzustellen, wie dieses bewegungslose Skelett, ohne wahrnehmbares Lebenszeichen, mit Fleisch bekleidet ausgesehen hat.“


Lustlos stocherte Kim in ihrem Salat herum. „Wenn ich versuche, mir das vorzustellen, überkommt mich große Traurigkeit. Memento mori-Traurigkeit. Also lass ich es lieber bleiben.“


„Der Eindruck muss umwerfend gewesen sein. Aber das Bemerkenswerteste daran ist etwas ganz anderes.“


Alexander schaute Kim aufmerksam an, als ob er die Antwort von ihr erwartete. Offenbar schien er sie gerade mit einer Teilnehmerin aus seinem Doktorandenkolloquium zu verwechseln. Kim versuchte, möglichst gelangweilt zu blicken und trank ihr Glas leer. In die lange Pause fiel das Lachen der jungen Frauen vom Nachbartisch.


„Mir stellen sich zwei Fragen“, fuhr Alexander fort. „Erstens: Wenn es ein Turricephalus ist, wieso gibt es keine Anzeichen für Kraniosynostose?“


„Kraniowas?“


„Vorzeitige Verknöcherung einer oder mehrerer Schädelnähte. Denn wenn keine Anzeichen für einen gestörten Wachstumsprozess zu erkennen sind, muss man von künstlichen Eingriffen während des Wachstums ausgehen. In Mittel- und Südamerika scheint diese Sitte ziemlich verbreitet gewesen zu sein. Und in einigen Regionen Afrikas bis vor einigen Jahrzehnten auch. Aber in Europa sind solche künstlich hervorgerufenen Schädeldeformationen seit der Spätantike nicht mehr vorgekommen. Und damit stellt sich die zweite Frage: Stammt das Skelett tatsächlich, wie angegeben, aus Frankreich und ist nur runde 200 Jahre alt? Das wäre eine Sensation.“

Kim fuhr mit dem Fingernagel die Umrisse eines Soßenflecks auf der ansonsten makellos weißen Tischdecke ab. „Wenn es keine Rarität wäre, hätten sie es doch nicht auszustellen brauchen.“


Alexander leerte seinen Humpen und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Das wäre mehr als eine Rarität, eine Raritas raritatum.“


„Dann stammen die Gebeine eben aus der Spätantike.“


„Gebeine... „Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein so makelloses und zugleich perfekt konstruiertes Skelett gesehen! Wie aus einem 3-D-Drucker. Ein homo perfectus. So perfekt, dass man fast zweifeln könnte –“


Alexander führte den Satz nicht zu Ende, sondern bedankte sich mit einem stummen Kopfnicken bei dem Kellner, der ihre leeren Teller abgeräumt und durch neue, größere ersetzt hatte.


„Dass es echt ist“, ergänzte Kim. „Verstehe. Vielleicht ist es ja eine Fälschung, eine Montage aus mehreren Skeletten. Oder es ist künstlich erzeugt, ein Homunkulus, und Du hast ihn entdeckt! Oder –“


Sie sah Alexander tief in die Augen. „Oder die Leute vom Anthropologischen Institut der Universität haben sich mit der Bestimmung vertan. Zwei Knochenmänner miteinander verwechselt. Ganz simpel. Wirst Du ihnen einen Brief schreiben?“


Alexander lehnte sich zurück und sah zum Nachbartisch hinüber. „Nein, ich glaube, ich schaue mir das nochmal an.“


„Nochmal zu den Biestern?“ stöhnte Kim. „Ohne mich, Alex.“


„Na ja, ich dachte, vielleicht morgen.“


„Morgen ist Montag, mein Lieber, da haben die garantiert zu. Und übermorgen um kurz nach Neun geht unser Zug. Keine Chance, um Deinen Wissensdurst zu stillen.“


„Ich könnte zum Institut gehen, aus dessen Beständen die Ausstellung stammt, und mit einem der beteiligten Wissenschaftler reden. Wenn ich mich als Kollege vorstelle, lassen sie mich vielleicht sogar am Schließtag ins Museum.“


Ein Kellner, der sie bisher noch nicht bedient hatte, trug auf seinem Unterarm die Teller mit den Hauptgerichten an ihren Tisch. „Les quenelles?“


Alexander stieß den Zeigefinger in die Luft, und sofort schwenkte der Kellner hinüber zu Kim. „Tarte flambée traditionnelle avec crème, oignons et lardons“, flötete er beflissen, bevor er sich von seiner ersten Last befreite. Dann bekam Alexander seinen Teller vorgesetzt. „Et pour Monsieur“, verkündete der Kellner mit feierlicher Stimme, „Les quenelles de brochet gratinées à l’alsacienne avec spaetzle maison sautés au beurre. Bon appetit.“

 

 
 
 

„Jetzt sieh Dir das mal an, Kim. Ein Turricephalus vom Ende des 18. Jahrhunderts. Aus Waldbach, wo immer das liegen mag. Gott, ist der schön.“


„Ich mag nicht. Vielleicht nächstes Jahr.“


„Nächstes Jahr? Nächstes Jahr sind wir in Oslo. Schau doch mal. Es ist übrigens nicht ansteckend.“


Alexander griff nach Kims Hand und zog sie sanft zu sich. Der richtige Name seiner Frau lautete Sheila, aber er nannte sie Kim, weil ihm Kim besser gefiel, und sie hatte es akzeptiert, weil Kim Fairchild tatsächlich schöner klang als Sheila Fairchild. Von Alexander zu verlangen, dass er ihren Namen annahm und seine wissenschaftliche Karriere als Alexander Hahneman fortsetzte, wäre ihr nie in den Sinn gekommen.


Alexander wiederum hatte vor seinen Freunden verkündet, gemäß den Internationalen Regeln für die zoologische Nomenklatur stehe ihm als Entdecker dieses weiblichen Hominiden das Recht der Namensgebung zu. Aber das war nach der Feier seiner Ernennung zum Assistant Professor für Paläoanthropologie in Bloomington gewesen, von der er sturzbesoffen nach Hause kam, und er hütete sich, diese Begründung gegenüber Kim zu wiederholen.


Kennengelernt hatten sie sich auf seiner Promotionsfeier, zu der Kim als Freundin einer Freundin mitgekommen war. Es war ein heißer Sommertag, und sie hatten sich beide an einen kleinen Tisch im Schatten geflüchtet, wo sie ihr Wodka-Zitronenparfait löffelten. Kim war anfangs ziemlich förmlich gewesen und hatte sich nach seinen Zukunftsplänen erkundigt, Alexander hatte brav über seine bisherige Karriere gesprochen und sich bemüht, sie im Nachhinein konsequenter erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich gewesen war, dachte er etwa an seine Ausflüge in die Jazzmusik und als Zwischenhändler für kalifornische Weißweine. Später erzählte sie ihm, es sei die Mischung aus seinem Unabhängigkeitsstreben und seiner Auffassung vom Sinn des Lebens gewesen, die sie sofort für ihn eingenommen hatte, und er revanchierte sich mit dem Bekenntnis, dass er sich in ihre Zugewandtheit und ihren Humor verliebt habe. Außerdem habe er augenblicklich erkannt, dass sie nicht zu jener Sorte Mensch gehörte, die über anderer Leute Leben zu bestimmen versuchte. Ein unersprießliches Erlebnis genau dieser Art hatte er damals gerade hinter sich gehabt. Ihm wäre es nie in den Sinn gekommen, an seine Partnerin grundlegende Änderungswünsche  heranzutragen, und die gleiche Zurückhaltung erwartete er auch umgekehrt. Dieses Gespräch unter einem mächtigen Zuckerahorn war es, das den Grundstein zu ihrer Beziehung legte. Sie hatten sich akzeptiert, so wie sie waren, und sie fuhren beide gut damit, von kleinen Irritationen abgesehen.


Eine solche passierte gerade. Widerwillig drehte sich Kim zur Vitrine, an der Alexander seine Nase platt drückte. Flüchtig registrierte sie hinter dem Glas ein etwa eineinhalb Meter großes Skelett, dessen zylindrisch nach hinten verlängerter Kopf wie aufgesetzt wirkte. Ihr Gefühl sträubte sich wie das Fell einer Katze, und sofort wandte sie sich wieder ab.


„Es ist ein Kind, oder?“


„Schwer zu sagen. Es hat die Größe eines Kindes. Aber soweit ich sehe, sind der Keilbeinkörper und das Hinterhauptbein vollständig verknöchert. Das passiert erst um das 25. Lebensjahr herum. Also eher ein kleinwüchsiger Erwachsener. Auf jeden Fall absolut ungewöhnlich.“


„Ich sehe nur ein Gerippe neben vielen andern“, sagte Kim und entzog Alexander ihre Hand. Es war eine arge Zumutung, dass Alexander sie in diese Ausstellung mit dem reißerischen Titel „Schöne Biester. Monster und andere Missbildungen aus der Schausammlung des Anthropologischen Instituts der Université Sébastien Brant Strasbourg“ geschleppt hatte und sie als Schwangere sich fehlgebildete menschliche Skelette ansehen musste. Aber er hatte vermutlich vergessen, dass sie schwanger war. Natürlich hatte er es vergessen. Es würde ihm erst wieder einfallen, wenn ihr Bauch anfing, sich zu wölben. „Was soll daran schön sein?“


„Schau Dir doch nur mal die Proportionen an. Das Verhältnis von den Füßen zu Unter- und Oberschenkeln. Der Rumpf. Der Hals.“


„Und der Kopf? Der Kopf ist viel zu lang. Kein Wunder, wir sind ja auch in einer Monster-Ausstellung... Alex? Hörst Du mir zu?“


Alexander hörte nicht wirklich zu. Er drückte seinen Körper dicht an die große Glasscheibe und rutschte abwechselnd nach links und nach rechts, als könne er so das Objekt seiner Begierde umkreisen.


„Natürlich, der Schädel ist abnorm vergrößert. Aber für meinen Geschmack verträgt er sich trotzdem noch mit dem Rest.“


„Jetzt sag nicht, Du fändest es schön, wenn ich mit so einem Schädel herumliefe.“


Kim war 39 Jahre alt, eine schlanke und sportliche Gestalt mit kräftigen Schultern und schmaler Taille. Hin und wieder schien es ihr geraten, ein bisschen abzunehmen, was ihr auch ohne viele Umstände gelang. Ihre Augen waren hellbraun, ähnlich der Farbe ihres Haars, das Gesicht fast viereckig, beides Erbteil ihrer irischen Urgroßmutter. Für ihre kleinen Zähne machte sie ihren Großvater verantwortlich, für ihre spitze Nase ihre Mutter.


„Na ja... Verlängerte Schädel galten ja in der Frühgeschichte bei einigen Kulturen als Schönheitsideal.“


„Ich fürchte nur, ich bin zu alt dafür. Ich kriege das nicht mehr hin. Schade, was?“


Alexander entging der ironische Unterton. Er war völlig auf die Betrachtung der bleichen Gestalt hinter dem Schauglas fixiert. „Wunderschön“ murmelte er.


„Also ich gehe lieber in eine Kunstgalerie.“


„Aber diese Ausstellung ist eine Kunstgalerie! Überall Kunstwerke. Und dieses ist das Beste. Eine architektonische Schönheit.“


Kim hatte genug gesehen. Ihre Fußsohlen brannten vom Herumlaufen in den Ausstellungssälen, und sie bereute es, zum Frühstück nur ein Früchtejoghurt gegessen zu haben.


„Ich sterbe vor Hunger, Alex. Lass uns etwas essen gehen. 5 Minuten von hier soll es ein gutes Restaurant geben, mit Blick auf die Ill. Ein Riesenschuppen mit 20 Kellnern und fünf Oberkellnern, aber die Küche hat vier von fünf Sternen.“


Alexander starrte unverwandt auf das Knochengerüst.


„4 von 5 Sternen? Großartig. Das machen wir. Nur noch zehn Minuten, okay?“


„Nein, keine zehn Minuten, Alex. Wir haben beide Hunger.“


Endlich drehte sich Alexander nach ihr um. „Wir beide? Also ich…“


Zur Begründung tippte Kim mit dem Zeigefinger auf eine Stelle knapp oberhalb ihres Bauchnabels.


Eine Sekunde lang schien Alexander ratlos. Dann stieß er plötzlich beide Arme in die Luft, als ob er einen riesigen Luftballon abwehren müsste. „Ach so! Entschuldige, ich bin ein Volltrottel. Ja dann – lass uns gehen. Auf der Stelle.“

 

 
 
 

Strassburg, 26. November 1788

 

Scharfe Sonnenstrahlen fielen durch das Oberlicht des Anatomischen Theaters, das ein süßlicher Geruch durchwehte. Auf dem schwarzen Marmor des Präpariertischs lag ein Körper, bis auf den Kopf in weißes Leinen gehüllt, das Gesicht wachsbleich, gezeichnet von der Unnahbarkeit des Todes, den blinden Blick in die Leere des Alls gerichtet. Die Blutrinnen des Tisches, die Zinkwannen, die mit wasserhellem Spiritus angefüllten Glasgefäße, die der Aufnahme der einzelnen Organe dienten, und das Silbertablett mit den sorgfältig aufgereihten Messern, Scheren und Zangen ließen keinen Zweifel daran, dass dieser Leichnam der Schamlosigkeit wissenschaftlicher Neugier preisgegeben war und unmittelbar vor der Zergliederung stand.


Nachdem der Gehilfe, ein stämmiges Faktotum mit einem Gesicht, das nur aus vorspringendem Kinn, platter Nase und niedriger Stirn zu bestehen schien und überdies gezeichnet war von einer Krankheit, deren Spuren er durch unbedachtes Kratzen vermehrt hatte, das Leintuch vollständig entfernt hatte, warf Professor Himly einen ausgiebigen Blick auf das Objekt.


„Ein zwergwüchsiger Turricephalus! Dass ich das noch zu sehen bekomme! Der rötliche Teint ist ja allein schon ein Roman für sich. Entweder hat er sich tagaus und tagein von der Sonne bescheinen lassen, was in unseren Breiten kaum möglich sein dürfte, oder er hat sein Leben lang nackt am Schmelzofen gestanden. Menschenskind, Berndt, wo hat Er diesen Casus aufgetrieben?“


Berndt wischte sich mit dem Ärmel die Nase. „Man hat so seine Relationen, Herr Professor.“


„Freilich muss es stets ehrlich dabei zugehen, Er weiß das.“


„Jawohl, Herr Professor.“


„Ich billige es nicht, wenn junge angehende Ärzte, nicht eigentlich aus Raubsucht, sondern aus Begierde, etwas zu lernen, sich zu üben, und um die Zahl ihrer Skelette zu vermehren, einen Leichnam, den sie vielleicht nie würden erhalten oder bezahlen können, durch Unterschleif an sich bringen. Denn es bleibt allemal ein Raub, etwas heimlich zu nehmen, was einem nicht gehört. Warum aber, Berndt?


„Weil eine Leiche keine res nullus ist, Herr Professor!“


„Res nullius“, verbesserte ihn Himly und lächelte nachsichtig. Dann ließ er sich von Berndt den Zollstock reichen.


„46 Zoll. Gewicht?“


„Achtundfünfzigeinviertel Pfund habe ich gewogen, Herr Professor.“


„Anders gesagt“, fuhr Himly sodann fort, während er die leicht zu überschauenden Stellen des Körpers, nämlich Augen, Nasen- und Rachenhöhlen, Gehörgänge und Achselgruben einer näheren Betrachtung unterzog, „weil eine Leiche stets Angehörige hat. Selbst eine totgefundene Leiche, sollte ihre Abkunft auch nicht ausfindig gemacht werden, gehört dem Staate, wenn er sie auch gleich sonst nicht gebrauchen, sondern vielmehr noch Kosten davon haben möchte. Alle übrigen Leichen gehören ihren Familien.“


Inzwischen war Himly bei den äußeren Geschlechtsteilen angelangt und fuhr mit der Hand über den Unterbauch. „Recht wenig Haarwuchs am mons Veneris. Schambein abgeplattet.“ Mit zwei Fingern hob er den Penis der Leiche hoch. „Was ist das?“ Vor Überraschung ließ er fast seine Lupe fallen. „Sapperlot, eine veritable Vulva! Berndt, Er hat mir einen Turricephalus und einen Hermaphroditen gebracht! Schau Er selbst!“


Berndt trat neben den Professor und verfolgte dessen Zeigefinger, der seine Ansprache begleitete.

„Das Rüstzeug beider Geschlechter, und Testikel, wo sie hingehören!“


Berndt presste die Kiefer zusammen und nickte. Wut stieg in ihm auf wie heißes Wasser in einem Destillationskolben, Wut über sich selbst. Ein Zwerg, ein Zwitter und ein Turmkopf... Die 15 Francs, die er für die Beschaffung der Leiche geltend gemacht hatte, waren viel zu niedrig bemessen gewesen. Für diesen Kadaver hätte er das Doppelte, vielleicht gar das Dreifache herausschlagen können.


Himly ließ sich von Berndt das Skalpell reichen und begann mit der Öffnung des Kopfes. Durch einen bis an die Hinterseite des linken Ohres reichenden Schnitt trennte er die Schädelhaube vom Knochen, schlug den durch den Schnitt gebildeten Hautlappen über das Gesicht, den hinteren über den Hinterkopf. „Schwarte nach dem Abziehen an ihrer Innenseite von rötlicher Farbe“, diktierte er seinem Gehilfen. Dann durchtrennte er die Schlafmuskeln, um zu verhindern, dass die Zähne der Säge sich in den zähen Muskelfasern verfingen.


Er unterbrach seine Arbeit und wandte sich seinem Gehilfen zu.


„Mein lieber Berndt, dass er’s nur weiß: Er hat mir aus einer großen Verlegenheit geholfen. Das Lazarett, unsere einzige sichere Quelle, besteht derzeit bloß aus vier Patienten, wovon alle leider einer baldigen Genesung entgegensehen, und uns von da auch in diesem Winter nichts zu hoffen bleibt. Wenn die kriminellen Subjekte erst einmal um die Kostbarkeit eines Leichnams wissen, werden die Leichendiebstähle zunehmen wie die gewöhnlichen Diebstähle. Noch sind sie eine quantité négligeable, ausgenommen in Universitätsstädten und andern Orten, wo Zergliederungsschulen sind.“


Berndt ging um den Präpariertisch herum, wobei er den rechten Fuß in einer Weise nachzog, als schleppe er eine unsichtbare Kugel, und reichte ihm die Bogensäge.


„Gewiss, Herr Professor. Aber seitdem ein königlicher Befehl an alle Gerichte ergangen ist, dass selbst die Selbstmörder aus Melancholie ehrlich sollen begraben werden, und nur jene, die aus Verzweiflung Hand an sich gelegt, auf die Anatomie kommen, ist es für einen angehenden Studiosus der Anatomie freilich kein leichtes, Material zum Präparieren aufzutun. Wenn ich nicht irre, hat dies bereits zu einem Rückgang der Einschreibungen in unserer Fakultät geführt.“


„Das ist bedauerlich. Gerade die anatomischen Wissenschaften sollten den Regierungen doppelt wert sein, weil sie die jungen Leuten nicht nur in ihrer Wissbegierde befriedigt, sondern auch von aller Apprehension gegen widerwärtige Dinge befreit, und das ist für den Staat allemal von Nutzen. Nun, es bleiben immer noch die Almosenleichen und die Totgeburten.“


Während Berndt den Kopf mit beiden Händen fasste, setzte Himly die Säge in der Stirnmitte senkrecht an, hielt sie mit der Spitze des Daumens in der Richtung, führte mit kurzen starken Zügen den ersten Einschnitt durch und setzte diesen vorsichtig in die Tiefe fort, bis der Knochen um den Schädel durchsägt war, ohne das Gehirn oder die Hirnhäute zu verletzen. Danach konnte er mit Hilfe des Sprengers das Schädelgewölbe von vorne nach hinten abheben. Mit einem Skalpell durchschnitt er die harte Hirnhaut, die an einigen Stellen mit dem knöchernen Schädeldach leicht verklebt war. Es war wie das Öffnen einer Tabakdose. Vorsichtig ließ er seine Fingerspitzen über die Gefäße des Markbalkens zwischen den Hemisphären gleiten.


„Hirnwindungen an den Kuppen erheblich abgeplattet... Windungstäler weitgehend verstrichen... Kleinhirnmandeln sehr deutlich hervorspringend...“


Er griff nach einem scherenartigen Instrument und löste das Gehirn aus seinen zahlreichen Befestigungen. Dann reichte er es Berndt, der es auf die Waage legte.


„Vierdreiviertel Pfund, Herr Professor.“


Himly griff erneut nach dem Skalpell. Diesmal setzte es in der Mitte des Halses, knapp unter dem Kinn an. Mit einer fließenden Bewegung zog er es über die Brust, der Bauchlinie entlang, am Nabel vorbei bis zum Schambein. Unterhalb des Nabels führte er einen zweiten Schnitt aus. Mit zwei Wundhaken zog er das aufgetrennte Gewebe beiseite. Dann verloren sich seine Hände in den Tiefen des Körpers, der aufgeschlagen vor ihm lag wie ein Buch.

 
 
 
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