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Besuch in Bargfeld. Ein Rechenschaftsbericht

Aktualisiert: 29. Mai


Überlieferung

Handschrift im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg, Krypto-Nachlass Georg Elftinger


Bleistift-Ms., einseitig beschr., 64 Seiten kar. Masch.-papier, Kleinoktav, am li. Rand unregelm. abgetrennt.


A. d. Rücks. d. letzt. Bl. einige kreuzweise gestr. Vermerke: „9:30 Pflegedienst anrufen“, „Celle ab 12:48, Bod.werder an 15:19“, „16 Uhr Prof. May wg. schwed. Akad.“




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Obwohl ich Einleitungen, Vorworte oder Prologe, ganz egal unter welcher Flagge das Zeug angesegelt kommt, hasse, weil es einem den Zugang zur eigentlichen Geschichte versperrt wie ein dicker Hund, der es sich auf der Türschwelle gemütlich gemacht hat und über den man nicht einfach drüber steigen kann, weil man nicht weiß, ob das eine gute Idee ist (außer der Köter ist ausgestopft) – obwohl ich es eigentlich hasse, muss ich meiner Geschichte doch ein paar Wörtchen vorausschicken.


Nämlich was mich dazu bewogen hat, den Kram aufzuschreiben. Etwa Eitelkeit? Schreib- und Gefallsucht? Darauf geschissen, Freunde! Meine eigene Person hat mich nie sonderlich interessiert. Es ist nichts als der Wunsch nach Gerechtigkeit. Schluss mit den Lügen und Halbwahrheiten und dem ganzen verzagten Getue. Nach 50 Jahren und nachdem die beiden Hauptbeteiligten längst das Zeitliche gesegnet haben, darf man ja wohl mal die Wahrheit erzählen. Das alles ist passiert (mehr oder weniger), und ganz allein euch ist es überlassen, ein Urteil zu fällen.


Um es vorwegzunehmen: Es ist nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber selbst die klügsten und erfahrensten Menschen tun manchmal Dinge, über die andere nur den Kopf schütteln können.

 

Das Drama begann damit, dass Arno mich aufforderte, eine Kostprobe aus meinem Roman zum Besten zu geben. Wir saßen zu dritt in Bargfeld in der Zwergenküche, das A&A Schmidt-Tandem und ich, ein junger Kerl Ende Zwanzig. Die beiden putzten Pilze und waren deshalb mit Messerchen bewaffnet; ich dagegen hatte nichts in der Hand als meine leinenkaschierte Kladde im Quartformat („grau-schwarzer oder grün-schwarzer Wollkn=Marmohr : ich liebe solche Heffde“, steht irgendwo bei Schmidt). In meinem damaligen Größenwahn wurde ich nicht müde zu erläutern, es sei „eins von denen, wie sie auch Kafka benutzte“. Widerstrebend hatte ich es aus der Gesäßtasche gezogen, nun blätterte ich darin fahrig hin und her, bis ich mich entschied, den Anfang vorzulesen. Ich hatte ihn so oft umgeschrieben, dass ich den Text inzwischen fast auswendig konnte:

 

„Laber=Lull=Lall ! : Laber=Lull=Lall ! : schlappwalzte der Reifen übern Asfalt, Pappeln vehikelten heran, ich pedalte die Bremse / brachte den Krafft=Vagin zum Quietschen ( = LM-AS 11 nunmehr An-Rainer im Gewebe aus Staubschleier, zerbröckeltem Straßenschwarz, Gras & Quecken) : sofort hörte der Motor erstaunt auf zu brabbeln, verebbte der blau=graue Giftfurz.

›Jezz : geds aber=nich waider‹, spitzmaulte sie. ((Sweet sex=teen, kennerblickte ich, & allso Mann=bar.))“

 

Einen Moment lang starrte mich Arno verdutzt an. „??? – – – !!! Verlogner Hunnt !“, platzte er dann heraus.


(Freunde, ich schwörs: Er sprach exakt so wie in seinen Büchern, diese Mischung aus Worten, Klängen und Lauten, getaktet durch eine befremdliche Interpunktion und ein undurchsichtiges System aus Keilen, Strichen, Bogen und Punkten: „?“ und „:“ und „‹“ und › und „»“ und „«“ und „–“ und „!“ Und nicht zuletzt „[– : ›!!!‹]“.)



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