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Mein Film ist fertig. Premiere ist heute Abend beim Sir, diesmal zur regulären Öffnungszeit und vor vollbesetztem Haus. Fast alle, die mitgemacht haben, sind gekommen, dazu jede Menge Stammgäste, die sich Hans-Heinrich in seiner Rolle als Barkeeper des Golden Nugget nicht entgehen lassen wollen. Der Projektor ist eine Leihgabe vom Schwann, und weil mein Film keine Tonspur hat, kommt die Filmmusik, die ich mit Hilfe unserer Plattensammlung zusammengestellt habe, vom Tonband: Rachmaninow, 2. Sinfonie, eine von mehreren Schallplatten, die ich in Moskau zum Schwarzmarktwechselkurs billig erstanden habe.


Leider passiert gleich an der ersten Klebestelle eine Panne. Über den Filmtitel „Gauner, Gold und Leidenschaften“ mit dem Foto vom Monumental Valley im Hintergrund zucken blitzschnell kleine goldene Flammen, das Bild platzt auf, brodelt wie flüssige Lava und erstarrt. Schnell drehe ich die Filmspule mit der Hand weiter, aber an der nächsten Klebestelle bleibt der Film wieder hängen, und die Hitze der Projektionslampe lässt die schöne Totale von der Kiesgrube in Sekundenbruchteilen aufglühen, sich kräuseln und in eine goldbraune, blubbernde Blase verwandeln. Die nächsten fünfundzwanzig Minuten verbringe ich damit, den Lauf der Filmspule mit dem Zeigefinger zu unterstützen, damit der Film nicht noch einmal im Projektor festklemmt.

Als Hans-Heinrich nach acht Minuten seinen Blitzauftritt hat, geht das Gegröle los. Auch er selbst kriegt sich vor Begeisterung kaum noch ein und entblößt ein paar Mal sein problematisches Gebiss. Ich glaube, heute muss ich meinen Deckel nicht zahlen.

 

 

Ein frühlingshafter Mittwochnachmittag. Gerade haben Arthur und Keeseberg die letzten vier Befestigungsschrauben meines Ersatzmotors angezogen, und jetzt rauchen sie erst einmal eine Zigarette. Der silbrig glänzende Motor hat lumpige hundertachtzig Mark gekostet und angeblich erst 40.000 Kilometer auf dem Buckel, und weil Pfarrer Erasmus mir durch Nicole die kompletten dreihundert Mark zurückgegeben hat, was sehr anständig von ihm war, habe ich an der ganzen Aktion sozusagen hundertzwanzig Mark verdient, die ich aber mit Arthur und Keeseberg teile, weil sie mir das Ding quasi frei Haus geliefert und auch eingebaut haben, mit meiner unbedeutenden Unterstützung.


Ob die Maschine hält, was der Schrotthändler versprochen hat, wird ein Motortest erweisen, für den ich auf Arthurs Anweisung bei getretener Kupplung Vollgas geben soll. Infolgedessen produziert er große Schwaden von Benzol und diversen Oxiden, die vom Wind durch die Betonsäulenreihe an die Hauswand getrieben werden. Von dort ziehen sie durch die wegen des schönen Wetters weit offenstehenden Türen ins Innere der Deutschen Bank, wo sie die verbrauchte Filialluft ersetzen. Der unerwartete Luftaustausch bringt sogleich Herrn Daub auf die Palme. Vor fünf Jahren habe ich auf sein Anraten eine wenig profitable Inrenta-Aktie erworben; jetzt kommt er angeschossen, tut so, als kennten wir uns nicht und fordert uns auf, die rücksichtslose Produktion von Lärm und Gestank augenblicklich zu unterlassen. Jaja, ist ja gut.

 

 

Heute Morgen musste ich nach Mönchengladbach zur Musterung. Die ärztliche Untersuchung durch Dr. Thissen hat Tauglichkeitsgrad 2 ergeben, und damit bin ich leider wehrdienstfähig. Ich hätte vielleicht doch auf Zamek hören und mich kurz vor der Untersuchung mit viel Kaffee und Zigaretten vergiften oder, meine Idee, wie Papillon Zahnpasta essen sollen. Der kam daraufhin mit hohem Fieber in die Sanitätsbaracke und konnte schließlich von der Teufelsinsel fliehen. Ein Vorbild für unsereins.


Von solchen Tipps kursieren eine ganze Menge. Und auch Geschichten wie die von dem Schlaumeier, der sich schwerhörig stellte, auf keine Aufforderung reagierte und schon glaubte, er hätte es überstanden, als plötzlich ganz leise über Lautsprecher die Ansage kam, er könne jetzt gehen. Er stand auf, erzählt Stöpsel, und wusste in derselben Sekunde, dass er verloren hatte.

Meine Hoffnungen beruhten hauptsächlich darauf, dass ich mit dem bloßen rechten Auge nichts entziffern kann, was weiter als zwanzig Zentimeter entfernt ist. Aber als ich beim Augentest, mit zugehaltenem linken Auge, langsam auf eine Tafel zugehen und stehen bleiben sollte, sobald ich einen Buchstaben lesen könnte, nahmen mir die Sadisten vom Musterungsausschuss nicht ab, dass ich dafür bis ganz nach vorne marschieren musste, wo ich beinahe mit der Nase an die Tafel stieß. Das reicht, riefen sie mir schon zu, als ich noch drei Schritte entfernt war.


Der ganze Test war im Grunde nur Show. Sie wollten mich, und sie kriegten mich. Und dabei hat keine Rolle gespielt, dass ich die Sonderanforderung Auge nicht erfülle und somit auch nicht die meisten Voraussetzungen für die Verwendung bei der Luftwaffe. Auch für den Hochgebirgseinsatz, den Elektronikinstandsetzungsdienst, den militärischen Kraftfahrdienst und den ABC-Abwehrdienst komme ich nicht in Frage. Für alles andere sehr wohl. Ich habe sogar schon eine PK-Nummer bekommen, die ich geheim halten muss, warum auch immer: 251055T32211. Geheim ist sogar der beschissene Musterungsbescheid. Auf Reisen, egal ob im In- oder im Ausland, darf ich ihn nicht bei mir führen. Auf die Idee käme ich sowieso nicht.


Weil ich noch zur Schule gehe, bin ich bis Ende Juni nächsten Jahres zurückgestellt. In der Zwischenzeit könnte ich natürlich verweigern. Aber ich habe Angst, das könnte meiner Karriere schaden. Dass meine Eltern auch dieser Meinung sind, hat mit meiner Entscheidung übrigens nichts zu tun. Gar nichts. Im Gegenteil wäre das eher ein Grund, doch noch zu verweigern.

Viele meiner Freunde denken so, auch Robert und Hermann. Bei Hermann verstehe ich das nicht, denn seine Mutter ist unbedingt dafür, dass er verweigert.


Künzel ist ausgemustert. Als Belohnung für das Abitur hat er von seinem Vater ein Flugticket für die Strecke Düsseldorf-Okinawa geschenkt bekommen, das drei Monate gültig ist. Wenn er von seiner Weltumrundung zurück ist, studiert er Russisch und Geschichte auf Lehramt.


Richie hatte ebenfalls das Glück, ausgemustert zu werden und will Jura studieren, aber vorher noch ein paar Wochen mit Arthur nach Thailand. Arthur hat verweigert, wurde aber nicht anerkannt. Um dem Bund doch noch zu entgehen, hat er sich bei der Schutzpolizei beworben. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Vorsichtshalber hat er sich schon mal von einem Großteil seiner Indianermähne getrennt. Als ich ihn gefragt habe, wieso er auf die andere Seite wechselt, hat er mich irritiert angeguckt: Andere Seite?


Na ja – du hast doch zusammen mit Keeseberg mal nachts Baustellenschilder geklaut –

Keine Schilder, sondern Warnleuchten. Und ein paar von diesen Dings, diesen Baken. Weil die da tagelang rumstanden.


Okay, aber du bist auch schon ab und zu besoffen Auto gefahren –


Ich bin nie besoffen Auto gefahren, Kleiner! Ich hatte vielleicht hin und wieder zu viel Blut im Alkohol quatsch Alkohol im Blut. Vielleicht! Aber betrunken war ich nie. Ich hab oft genug die Karre stehen lassen und bei Charlotte gepennt.


Oder Marianne. Oder Petra, ergänze ich geflissentlich.


Arthur grinst. Das war auch die Begründung: Ich kann nicht mehr fahren, kann ich bei euch übernachten?


Okay. Aber ein paar Dinger hast du schon gedreht, oder?


Kann schon sein. Aber das kommt mir doch als Bulle zugute. Da muss man denken können, wie der Gangster denkt. Umgekehrt tun die das ja auch. Der Unterschied ist nur, dass der eine rechts und der andere links von der Trennlinie steht.


Soweit Arthur, demnächst Wachtmeister bei der Schutzpolizei.


Besonders schlau hat es Clason angestellt. Er hatte von Anfang an keinen Bock auf Bundeswehr, rechnete sich wegen seiner schlechten Augen sogar Chancen aus, nicht genommen zu werden. Aber um ganz sicher zu gehen, meldete er sich freiwillig für zwei Jahre als Sanitäter. Mit dem Ergebnis, dass er so lange untersucht wurde, bis man ihn für wehrdienstunfähig befand. Im Herbst beginnt er sein Mikrobiologiestudium in Kiel.

 

 

Das verfluchte Auto will nicht anspringen. Weil ich ausnahmsweise gegenüber vom Schwann einen Parkplatz gefunden habe, kriegt Frank Teufel aus der Parallelklasse meine vergeblichen Startversuche mit und bietet seine Hilfe an. Irgendwie findet er heraus, dass es an der Benzinpumpe liegt und bringt den Wagen tatsächlich wieder ans Laufen. Zum Dank beschließe ich, ihn künftig Fritz zu nennen und fahre ihn nach Hause.


Er wohnt in einer Neubausiedlung in Frimmersdorf-Neurath, wo sein Vater bei Rheinbraun arbeitet. Von dort kommen auch die Briketts, mit denen das Haus geheizt wird. Wenn sie im Sommer angeliefert werden, muss Fritz sie vom Bürgersteig zum Kellerfenster karren, über eine Rutsche in den Keller schütten und dort säuberlich aufstapeln: schmutzige Schwerstarbeit, die er früher mit seinem Bruder zusammen gemacht hat und jetzt ganz allein. Ich verspreche, ihm das nächste Mal dabei zu helfen.


Obwohl alle Rheinbraun-Mitarbeiter kostenlos mit Kohle versorgt werden, ist es im Haus eiskalt, denn der Vorrat muss für das ganze Jahr reichen. Bei Teufels geht es überhaupt ziemlich sparsam zu, was man auch an seiner Kleidung sieht. Sie stammt garantiert von Allkauf, einschließlich der Schuhe. Zamek hat neulich, als wir vor dem Chemiesaal auf Leupold warteten, versucht, ihn deswegen aufzuziehen, konnte damit aber keinen Erfolg erzielen. Wer Teufel heißt, hat früh lernen müssen, mit spöttischen Bemerkungen umzugehen. Zum Beispiel am Telefon. Die Welt ist voll mit Irren, die sich am Telefon austoben. Längst haben die Teufels aufgehört, sich mit ihrem Namen zu melden. Stattdessen ein Hallo oder Ja bitte. Wenn es ein Scherzanruf ist, kommt nämlich als nächstes die Frage, meistens schon mit halbersticktem Lachen: Spreche ich mit dem Teufel persönlich?, gefolgt von hysterischem Gelächter. Wenn Fritz am Apparat ist, legt er nicht wütend oder entnervt auf, sondern fertigt die Anrufer meistens ganz kalt ab, zum Beispiel indem er fragt, ob die Leute darüber hinaus noch irgendwelche Probleme haben, er wäre ihnen gern bei der Lösung behilflich.


So cool war er auch schon bei seinem allerersten Auftritt im Schwann. Es war eine Veranstaltung in der Aula zur Begrüßung der neuen Unterprimaner, die von andern Schulen ans Schwann gekommen sind. Alle wurden von Dr. Brych namentlich aufgerufen und nach vorn gebeten. Allgemeines Gelächter, als der Name Teufel fällt. Sogar Brych zeigt, ganz gegen seine Gewohnheit, den Anflug eines Lächelns. Aber Fritz ließ sich nichts anmerken. Mit geradeaus gerichtetem Blick und durchgedrücktem Rücken ging er nach vorn und holte sich seine Unterlagen ab.


Sein Zimmer ist ziemlich klein und nur spärlich eingerichtet, so als wäre er hier bloß vorübergehend zu Gast. Auf dem Kleiderschrank liegt seine Gitarre. Er spielt, ohne die Namen der Akkorde zu kennen, greift einfach das, was er sich von der Aufnahme rausgehört hat. Eigentlich kann er nur zwei Stücke spielen, und auch die nur halb, weil er nicht dazu singt, nämlich „Light my fire“ in der Version von José Feliciano und „A Horse with No Name“, aber die Akkorde sind dafür der Hammer.


Über seinem kleinen Schreibtisch hängt die Ehrenurkunde, die er für den dritten Platz bei einem Modellauto-Wettbewerb der Firma Opel bekommen hat, zusammen mit einer Schreibmaschine und einem blauen Opel-Anzug. Den trug er dann bei der Preisverleihung in Rüsselsheim. Vor ihm hatte schon sein Bruder zweimal an dem Wettbewerb teilgenommen und einmal sogar den zweiten Platz belegt.


Bevor ich wieder nach Hause fahre, zeigt mir Fritz noch, wie er mit einem Blasrohr Stubenfliegen erlegt. Er benutzt dafür einen Strohhalm und als Munition eine Nadel, die in einem Stückchen Knetgummi steckt. Damit vertreibt er sich die Langeweile.

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