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Seit neuestem bin ich Besitzer eines zehn Jahre alten blauen VW 1500, eines Viertürers mit 54 PS. Den Freundschaftspreis von dreihundert Mark habe ich Nicole zu verdanken, die das Geschäft vermittelt hat, denn der Wagen kommt von ihrem Schwager, Pfarrer Erasmus. Er hat zwar schon 94.000 km auf dem Tacho, soll aber bis zuletzt einwandfrei gelaufen sein. Ich vertraue dem Mann Gottes.


Für die Jungfernfahrt nach Venlo, wo wir Samson, Drum und prima Zigarettenpapier der Marke Mascotte kaufen wollen, habe ich Robert, Manni und Thomas eingeladen. Es ist früher Samstagnachmittag, die Sonne scheint, wir sind kurz vor der Grenze, als Robert plötzlich von hinten aufgeregt schreit: Das Auto brennt! Jakob, halt an! Schnell!


Ich drehe mich um und sehe, wie sich Qualm im Wageninneren ausbreitet, von Robert mit rudernden Handbewegungen unter Gelächter verscheucht.


Bäh! Los, halt an!


Kaum habe ich den Wagen auf dem Seitenstreifen zum Stehen gebracht, springen wir alle schnell raus und bringen uns in Sicherheit. Bestimmt schlagen gleich Flammen aus dem Motor, und dann explodiert als nächstes der Tank. Im Fernsehen ist das so.


Der Qualm kommt aus dem Motorraum. Jetzt, wo der Wagen steht, verzieht er sich schnell.


So ein Mist.


Warum musst du auch so heizen?


Heizen? Maximal hundertzwanzig, mehr schafft die Schrottkarre gar nicht!


Ich öffne die Heckklappe, und alle vier werfen wir fachmännische Blicke auf den Motor. Äußerlich ist ihm kein Schaden anzusehen.


Vielleicht geht er jetzt wieder, meint Robert.


Ich betätige den Anlasser, aber nach ein paar schwachen Umdrehungen gibt er den Geist auf.


Könnte Kolbenfresser sein, meint Manni.


So kurz vor dem Ziel, und dann das. Immerhin, die holländische Grenze ist in Sichtweite. Auf unseren Einkauf brauchen wir also nicht zu verzichten. Einen Schnellimbiss gibt es da auch, und sogar Telefonzellen. Aber wer hilft uns? Wir gehen der Reihe nach unsere Möglichkeiten durch. Auf Paul brauche ich nicht zu zählen. Dass sein Vater sich für uns hinters Steuer klemmt, hält Manni für sehr unwahrscheinlich. Thomas meint, wenn Pia zuhause ist, kommt sie bestimmt und holt uns. Aber Pia ist nicht da, wie ein Anruf von Thomas ergibt. Und sein Alter kann auch nicht kommen, weil er schon etwas getrunken hat. Immerhin kann Thomas ihn überreden, dass er sein Auto zur Verfügung stellt, für den Fall, dass Thomas anschließend Lupo erreicht und der bereit ist, von Dormagen nach Norf zu fahren, sich in die Thiemeyersche Familienkutsche zu setzen und hierher zu kommen, ins Niemandsland zwischen Deutschland und den Niederlanden. Das würde nicht jeder tun. Aber Lupo macht es. Es wird nur etwas dauern, sagt er. Und dann muss ihm Thomas noch genau beschreiben, wo wir sind, nämlich hinter Kaldenkirchen, kurz vor der Grenze, und wie mein Auto aussieht und welches Kennzeichen es hat.


Es dauert Stunden, bis Lupo auftaucht. Längst ist es stockfinster und obendrein kalt. Wir hocken im Dunkeln im Auto, an dem nur das Standlicht brennt, mit nichts beschäftigt als Rauchen und Quatschen und Die-Straße-Beobachten, und weil Lupo uns trotz des Warndreiecks zu spät sieht, fährt er erst einmal an uns vorbei. Großes Gefluche unsererseits, weil wir uns ausmalen, wie er jetzt bis Venlo fahren muss, von da die ganze Strecke auf der Gegenspur bis Kaldenkirchen und dann wieder zurück. Aber wir sind im Irrtum. Lupo hat nämlich keine Lust, noch einmal eine komplette Runde zu drehen. Stattdessen kommt er uns auf dem Standstreifen rückwärts entgegen, wie einer von diesen Geisterfahrern, vor denen im Radio ständig gewarnt wird. Wir packen alles zusammen, steigen in Papa Thiemeyers Auto und lassen uns nach Hause fahren. Gerettet.


Meine Schrottkarre kann natürlich nicht an der Autobahn stehenbleiben. Gleich am nächsten Morgen rufe ich Arthur an. Seine Mutter sagt am Telefon, dass er krank ist und im Bett liegt, aber ich kann ja mal mit ihm sprechen.


Was gibt’s, Kleiner?


Seine Stimme klingt rau und verschnupft. Ich schildere ihm die Sachlage. Zum Glück weiß er sofort, was zu tun ist. Als erstes beschließt er, nicht mehr krank zu sein. Als nächstes will er seinen Freund Edu anrufen und ihn überreden, seinen freien Sonntag zu opfern. Edu, gebürtig aus Norderney, ist eigentlich Richies Freund, wurde aber dadurch mit Arthur näher bekannt, dass seine Freundin Christiane die Zwillingsschwester von Arthurs Freundin Steffi ist, wodurch beide quasi zu Schwippschwagern wurden.


Zwei Stunden später treffen wir uns bei Arthur in Reuschenberg. Jetzt weiß ich auch, warum Edu gebraucht wird. Wir fahren nämlich nicht mit Arthurs Diesel-Benz, sondern mit Edus VW Käfer. Warum, stellt sich heraus, als wir am Ziel sind und Arthur einen langen durchsichtigen Plastikschlauch aus dem Kofferraum holt. Deshalb also hatte er sich erkundigt, wie viel Benzin ich noch im Tank hätte. Das eine Ende schiebt er tief in den Tank meiner Schrottkarre, das andere Ende nimmt er in den Mund und saugt. Als das Benzin seinem Mund bedrohlich nahe gekommen ist, verschließt er das Schlauchende mit dem Daumen und steckt es in den VW-Tank, der sich auf diese Weise gratis bis zum Anschlag füllt – eine kleine Entschädigung für Edu. Danach nehmen wir meinen Wagen ans Abschleppseil und schleichen, um so wenig Benzin wie möglich zu verbrauchen, mit sechzig bis achtzig Stundenkilometern nach Hause, wo wir das Pannengefährt auf dem Parkplatz hinter unserem Haus abstellen. Als nächstes wird sich Arthur um einen passenden Ersatzmotor vom Schrottplatz kümmern, und den will er mir dann, wenn sein Kumpel Keeseberg ihm dabei hilft, auch noch einbauen.

 

 

Mr. Babbelplast hat uns zu seiner Geburtstagsparty eingeladen, was wir sehr anständig von ihm finden, weil damit unsere Aufnahme in die Düsseldorfer Künstlerszene endgültig besiegelt sein dürfte. Deshalb habe ich auch ein entsprechendes Geschenk mitgebracht, das mich null Mark gekostet hat und trotzdem von großem Wert ist, nämlich einen verkohlten Kieferzapfen aus dem Pleistozän (selbstgefunden, als ich mal wieder mit Papa und Paul unterwegs war), und als Draufgabe meine zehn besten Gedichte auf DIN-A-5-Blättern, gelocht und mit einem roten Wollfaden zusammengebunden, alle im makellosen Druckbild der Schreibmaschine und natürlich in Kleinschreibung. Auf dem Titelblatt eine hockende Taube mit gesträubten Schwanzfedern von Picasso, aber nicht das übliche Peace-Symbol, sondern im Stil der Zeichnungen, die in ihrem eleganten Schwung an Matisse erinnern. Die Schrift ganz professionell mit Abreibebuchstaben gestaltet, die noch von meinem Film übrig sind, dessen Vorspann ich damit gestaltet habe, und signiert. Den Begleittext hätte Knitz auch nicht besser hingekriegt:

 

1. schöpferisches schaffen ist ein-, zwei- oder dreidimensionale absurdität

2. empfundene absurdität ist halluzination

3. artikulation der subjektiven absurdität ist emotion

4. intension des schöpfers ist bewusst- oder unbewusstwerdung

5. einseitige interaktion ist unakzeptabel

 

Göhling soll das Heft bloß sorgfältig aufbewahren, denn wenn ich später berühmt bin, kann er von sich behaupten, dass er mein Erstlingswerk besitzt.


Als Auftaktgedicht habe ich „Buch-Messe“ gewählt. Das Spiel mit der Doppeldeutigkeit ist Absicht. Das ist aber auch der einzige Hinweis, den ich bereit bin zu geben. Im Übrigen soll Göhling nicht zu lange dran rumrätseln. Das Gedicht bedeutet nichts anderes als das, was da steht. Wenn ich irgendwas erklären müsste, wäre das schon falsch. So ähnlich hat es Enzensberger mal ausgedrückt.

 

federschritte schauend nach

dosenobst

moospapier, herbstzeitloses:

sodom & gomorrha

stahlblauer vogel spiegelt sich

im gesicht

schrittweise verwesung

 

Die Gäste sind zahlreich und verteilen sich im ganzen Haus. Von den Hausbewohnern und dem Japaner mit den arschlangen Haaren abgesehen, den Tilo und Robert sofort als Sänger von Can erkannt haben, alles fremde Gesichter. Dalí, Beuys oder Klaus Staeck sind jedenfalls nicht darunter.


Aus der Küche quillt Zigarettenrauch, vermischt mit einem weiteren, süßlich schweren Duft. Einer nach dem andern lassen wir uns auf der Terrasse von Wolfgang Duve ein Alt zapfen, während ihm einer der Gäste, der schon ziemlich einen sitzen hat, weismachen will, dass er sich an Peter Rübsams Sandsteinkissen im Garten beinahe den Zeh gebrochen hätte, weil er es für echt gehalten hat.


Mit dem Glas in der Hand arbeiten wir uns durch das Gedränge in Richtung Wohnzimmer vor, von wo Mick Jaggers Stimme herüberdröhnt, wozu man vielleicht mit einer der vielen tollen Frauen tanzen könnte. Aber das Zimmer ist leer, bis auf einen Typen im lila T-Shirt mit langen Locken, der sich an Göhlings Plattensammlung zu schaffen macht und anscheinend für die heutige Musikauswahl verantwortlich ist. Tilo und ich drehen schon wieder ab Richtung Küche, da reißt uns Robert zurück.


Guckt mal, was der macht! Der Kerl ist bekloppt!


Wir drehen uns um und sehen gerade noch, wie der Typ, den wir für Göhlings Discjockey hielten, die beiden Hälften einer LP zurück in die Hülle stopft und wieder zu den andern auf den Boden stellt, die zusammen eine Reihe von ungefähr zwei Metern bilden.


Auf dem Knie mitten durchgebrochen! Die Kraftwerk-LP mit dem Absperrhütchen! Wenn das der Göhling sieht, dreht er durch!


Aber es ist ganz allein Robert, der sich gar nicht mehr einkriegt. Bestimmt ärgert er sich, dass er selbst noch nicht auf die Idee gekommen ist, LPs, die man scheiße findet, einfach zu zerbrechen.

Ich dagegen bedaure nur, dass keiner von uns auf die Idee gekommen ist, anlässlich von Göhlings Geburtstag Velvet Underground II einen Kurzauftritt zu verschaffen. Das wäre die große Gelegenheit gewesen. Drei musikalische Scharlatane für den großen Kunstscharlatan.

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