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Hermann hat Robert und mich spontan zu einem Besäufnis eingeladen, vielleicht dem letzten, bevor er zum Bund muss. Das Bier müssen wir allerdings mitbringen. Robert meint, anstatt unterwegs am Kiosk ein paar Flaschen zu kaufen, sollten wir bei Hans-Heinrich vorbeifahren, bei dem wir seit unseren Dreharbeiten einen Stein im Brett haben, und ihn um ein kleines Fass bitten.

Hans-Heinrich zögert tatsächlich keinen Augenblick und holt uns ein gut gekühltes Zehn-Liter-Fässchen Gatzweiler aus dem Keller. Als wir unser Portemonnaie zücken, winkt er ab: Beim nächsten Mal!


Bei Hermann sitzen wir in seinem Dachzimmer, pokern um Pfennige, essen dazu die belegten Brote, die uns seine Mutter hingestellt hat, und trinken das Fässchen leer.


Von Robert erfahre ich, dass Hängenbleiben auch sein Gutes hat, denn sonst hätte ich jetzt wahrscheinlich Geschichte bei Heinrich. Kein Zuckerschlecken, wenn man Robert glauben darf. Schon der Name entlockt ihm ein Stöhnen. Erst bei ihm hat er gelernt, was tödliche Langeweile bedeutet.


Der Mann mit der Kladde. Er hat sie in seiner Referendarzeit angelegt und benutzt sie seit Jahrzehnten. Er macht keinen Unterricht, sondern hält einen Monolog, mit Momenten großer Stille. Roland Richter schneidet vor Langeweile sein Uhrenarmband in kleine Stücke, Kalle verschafft sich durch Kippeln eine bequeme Schlafposition, aus der er erst erwacht, als er mit seinem Stuhl nach hinten umfällt. Aber dann greift Willy, eher zufällig, in seine zerfetzte Parkatasche und ruft plötzlich in die Stille hinein: Ooh, weil er ganz unerwartet einen Krümel Shit gefunden hat, und daraufhin erwacht auch sein Nachbar Öttermann aus seiner Totenstarre. Und ich krieg ’nen Lachkrampf, beschließt er seine Erzählung.


Apropos Totenstarre. Gestern, erzählt Hermann, hab ich Fernsehen gesehen, wie Gesichtsmasken hergestellt werden.


Ach ja.


Die gibt’s auch für Lebende.


Sag bloß.


Man braucht dazu nur Gips und Gesichtscreme. Und man muss einen Rahmen basteln, damit der Gips auf dem Gesicht bleibt und nicht danebenläuft.


Und wie wird verhindert, dass man erstickt?


Die Nasenlöcher bleiben frei. Dazu steckt man Röhrchen in die Nase.


Okay.


Wenn der Gips hart ist, wird er abgenommen. Dann hat man schon mal eine Negativform. Und wenn man die mit Gips ausgießt –


Hat man eine Totenmaske von einem Lebenden.


Genau. So was hätte ich auch gerne. Können wir das nicht mal versuchen? Ich stelle mich freiwillig als Objekt zur Verfügung.


Kaum haben wir Ja gesagt, ist Hermann auch schon unterwegs, um die nötigen Materialien zusammenzusuchen. An den Biervorrat seines Vaters darf er nicht ran, aber an seinen Gips schon.

Das Anmischen übernimmt er selbst, nach Gebrauchsanweisung. Dann fläzt er sich in seinen Couchsessel, schließt die Augen und überlässt den Rest uns. Erst fetten wir sein Gesicht dick mit Nivea-Creme ein und vergessen auch sein Oberlippenbärtchen nicht. Danach schneiden wir aus Pappe einen Kragen zurecht, den wir so um sein Gesicht legen, dass Schläfen, Stirn und Kinn eng umschlossen werden. Man könnte meinen, er solle wie ein Hund durch einen Schutzkragen vom Wundkratzen abgehalten werden.


Bevor wir den Gips auf seinem Gesicht verteilen, stecken wir ihm zwei Röhrchen in die Nase, die wir schnell aus einem Stückchen Pappe geformt haben. Weil der Gips zu unserer Überraschung nicht ausreicht, rühren wir noch ein bisschen an, bis alles fingerdick bedeckt ist. Danach zapfen wir uns erst einmal ein frisches Gatzweiler.


Alles klar, Hermann?


Mmh.


Nach ein paar Minuten wird Hermann unruhig und fängt an, unter der Maske zu grummeln. Wir verstehen kein Wort. Er macht mit der rechten Hand Bewegungen, als wenn er schreiben will. Wir drücken ihm einen Kuli in die Hand und schieben ihm ein Blatt darunter. Hastig kritzelt er ein paar Worte hin: Der Gips wird heiß!


Wir fühlen vorsichtig am Gips und stellen fest, dass er recht hat.


Heif, heif grummelt Hermann und trommelt dazu mit beiden Füßen auf den Boden. Obwohl er uns leidtut, fangen wir an zu kichern.


Halt durch, rufen wir, bis der Gips hart ist! Nur noch ein paar Minuten!


Aber Hermann will nicht mehr warten, er fasst unter den Pappkragen, um die Maske anzuheben, und dazu jault er und bewegt sich unruhig in seinem Sessel; alles Anzeichen für eine Panik. Robert kann sich vor Lachen kaum noch halten, denn die Situation erinnert ihn an einen Sketch von Loriot.


Nimm die Maske ab!, blafft er Hermann an. Oder ist es zu kompliziert, die Maske abzunehmen?


Weil Hermann die Antwort versagt ist, übernimmt er seine Rolle gleich mit: Wie – was –

abnehmen? Was für eine Maske?


Wir grölen, während Hermann wütend mit den Füßen strampelt.


Okay, okay, sie kommt runter!


Als wir den Kragen ablösen, stellen wir fest, dass sehr viel Gips einen Weg in Hermanns Haare gefunden hat, von dort auf den Sessel gelaufen und verklumpt ist. Von Gelächter geschüttelt, versuchen wir, den Gips mit den Fingern von den Haaren zu lösen, aber das ist nicht so einfach. Hermann macht durch heftige Körperbewegungen deutlich, dass wir uns beeilen sollen, weshalb wir den Gipsklumpen kurzerhand aus seinen Haaren herausschneiden. Wenn er zum Bund kommt, muss eh alles runter. Aber noch immer lässt sich die Maske nicht in einem Stück abnehmen. Wir müssen sie in Stücke brechen. Das Gesicht, das dabei zum Vorschein kommt, ist ziemlich rot, und um das letzte Stück von seiner Stirn zu lösen, müssen wir zur Nagelschere greifen. Diesmal sind wir besonders vorsichtig. Auf diese Weise bekommt Hermann nicht nur eine kostenlose Überarbeitung seiner Frisur, sondern auch einen Rückschnitt seiner Augenbrauen. Trotzdem schmollt er uns erst noch ein bisschen. Richtig böse kann er uns nicht sein, weil wir ihm schließlich ein 5-Liter-Fässchen gratis ins Haus geliefert haben.

 

 

Pascale hat Robert einen Neujahrsgruß geschickt: Well arrived in Paris. Bestimmt musste sie das auf Anweisung ihrer Eltern tun. Ich glaube nicht, dass wir von den beiden noch jemals etwas hören werden. Und ich selbst habe auch nicht das Bedürfnis. I kiss you am Arsch.

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