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Der große Tag ist da, Heiligabend. Wieder quälen wir uns um 5:45 Uhr aus den Betten, machen uns frisch, essen ein Marmeladenbrot und trinken eine Tasse Tee. Und wieder machen wir noch schnell die Betten, bevor wir aus dem Haus gehen, und legen unsere Pyjamas oben drauf, damit die beiden gleich Bescheid wissen, dass jeder von uns sein eigenes Zimmer und Bett hat, jeweils mit Platz für einen Gast. I kiss you.


Gottseidank sind sie diesmal im Zug. Großes Hallo und allerlei Küsschen links und rechts. Wir bieten einen Bummel auf der weihnachtlich geschmückten Königsallee an, aber sie wollen als erstes ihre Reisetaschen loswerden und dann zur Post und ihren Eltern ein Telegramm schicken, dass sie gut angekommen sind. Warum nicht anrufen? Wollen sie nicht. Lieber telegrafieren. Also gut. Schräg gegenüber von unserer Wohnung ist ein Postamt, da brauchen wir nicht einmal einen Umweg zu machen. Wir nehmen die nächste Straßenbahn Richtung Neuß, steigen an der Bilker Kirche aus und gehen von da zu Fuß.


Wegen Heiligabend ist auf der Post mächtig viel los, Pakete werden über den Schalter geschoben, Geld wird eingezahlt. Nachdem wir endlich das Telegrammformular ausgehändigt bekommen haben, ziehen sich die beiden zurück und wir rauchen vor der Tür eine Zigarette.


In unserem Liebesnest angekommen, sind sie weder überrascht, dass wir hier mutterseelenallein wohnen, noch dass es ein ehemaliges Geschäft ist. Sie wollen wissen, wo sie schlafen, und als wir antworten, egal, as you like, und auf die beiden Zimmer deuten, verschwinden sie im Schlafzimmer. Gleich darauf kommt Pascale zurück und überreicht mir meinen Schlafanzug: I think this is yours. Das fängt ja gut an.


Mittags gibt es Mirácoli, die große Portion. Danach spazieren wir zum Rhein, aber die Kälte treibt uns schnell wieder nach Hause. Der Rest des Tages vergeht mit Musikhören, Rauchen und dem Falten von Papierseglern. Schon lange vor Mitternacht erklären die beiden, müde zu sein und ziehen sich zurück. Robert und ich gucken doof aus der Wäsche.


Als wir am nächsten Morgen am Frühstückstisch sitzen, versuchen wir, uns unsere Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Zwischen zwei Tassen Nescafé, womit wir ihre Bedürfnisse liebevoll zu befriedigen suchten, überraschen sie uns mit der Nachricht, dass sie nach Köln weiterfahren wollen. Weil sie da Freunde haben.


Ihr wollt nach Köln?


Yes.


Wann? Jetzt?


Yes.


Aus der Traum von einer erotischen Weihnachtswoche in künstlerischer Umgebung. Robert blickt apathisch auf sein Marmeladenbrot. Wie ich ihn kenne, probiert er gerade, ob er nicht eine Träne herausquetschen kann. Auch ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Freunde in Köln? Der ganze Aufwand soll umsonst gewesen sein? Ich hatte schon mal mit einem Kölner zu tun, der mir meine Freundin, die mir mittlerweile gestohlen bleiben kann, weggeschnappt hat. Aber bloß nichts anmerken lassen.


Okay... Wir bringen euch zum Bahnhof.


That’s not necessary. We will hitchhike. Just take us to a road that leads to Cologne.


Keine Stunde später stehen wir zu viert an der Kreuzung Völklinger Straße/Südring. Das Pappschild Köln, das Pascale in der ausgestreckten Hand hält, hat Robert gemalt, und dafür musste ein Zeichenblock von Knitz daran glauben. Es waren aber sowieso nur noch zwei Blätter drauf. Ein letzter Beweis unserer Zuneigung, der ebenfalls nicht die gebührende Anerkennung findet.


Entzückend wie die beiden aussehen, müssen sie keine fünf Minuten warten, bis ein Wagen anhält. Außerdem ist Weihnachten, das Fest der Liebe. We'll stay in touch, ruft uns Pascale zum Abschied zu, obwohl mir das weder sehr wahrscheinlich noch im geringsten wünschenswert erscheint. Noch ein bisschen winke, winke in unsere Richtung, und schon sind sie verschwunden. Kopfschüttelnd schauen wir ihnen nach.


Also das sind ja zwei...


Früchtchen.


Das haben die ja raffiniert angestellt. Tun so, als würden sie zu uns fahren...


Weil die Eltern uns kennen und uns vertrauen...


Und dann fahren sie einfach woanders hin.


Die Kölner haben sie bestimmt auf die gleiche Weise kennengelernt wie uns. Hi! Wanna listen to music with us? Schwupp, ab nach oben.


Wer weiß, was das für Typen sind.


Genau.


Und was die mit denen vorhaben.


Komm, vergiss es. Es sollte eben nicht sein.


Zurück in der Wohnung räumen wir auf und machen überall ein bisschen sauber. Wir sind gerade dabei, das Bettzeug einzupacken, als es an der Tür schellt. Pascale und Desirée, schießt es mir durch den Kopf. Sie haben beim Trampen Schlimmes erlebt, sind nur knapp der Vergewaltigung entkommen und kehren jetzt mit zerrissenen Kleidern reumütig zu uns zurück. Stattdessen ist es ein unbekannter Mann mit Anzug und Krawatte, der sich als Hausbesitzer vorstellt und Knitz sprechen möchte. Irgendwie scheint er zu glauben, dass sich Knitz aus dem Staub gemacht hat und wir jetzt hier wohnen. Bestimmt hat ihn einer der Nachbarn auf uns gehetzt. Wir fertigen ihn frech ab, dann packen wir unsere Sachen und legen Knitz wie abgemacht das abgezählte Geld für das Heizöl auf den Tisch, zusammen mit einer besonders schönen Papierfledermaus. Das wars.

Bevor ich die Tür hinter uns schließe, geht Robert noch einmal durch alle Räume und sieht nach, ob wir nichts vergessen haben. Als er zurückkommt, schwenkt er ein zerknittertes Stück Papier in der Hand.


Das Telegramm! War im Abfalleimer in der Küche!


Gemeinsam beugen wir uns über den Text, der in Druckbuchstaben verfasst ist. Mit la mère de Robert fängt es an und mit dépression nerveuse geht es weiter, und nachher ist noch von l’Hôpital, Cologne und l’Auberge de Jeunesse die Rede. Um das zu verstehen, muss man nicht Französisch können. Wir schauen uns entgeistert an.


Die haben uns verarscht!


Und wir dachten, die seien grün hinter den Ohren.


Nee, nee, nee...

 

 

Lupo lädt zu einer Retrospektive seines filmischen Schaffens auf Super-8 ein, die aber bei Thomas stattfindet, weil der heute und morgen sturmfreie Bude hat.


Unter diesen Umständen hängen wir üblicherweise im Keller rum, hören laut Musik und kiffen ein bisschen. Unsere drei Nicht-Instrumentalisten Harry, Robert und Lupo nutzen dann die Gelegenheit, um im Keller-Vorraum, der gleichzeitig der Probenraum von Phatamana ist, Krach zu machen. Es sind Spontan-Sessions von musikalisch unverbrauchten Künstlern, die unter dem Namen Velvet Underground II agieren. Während andere Bands für ihre Auftritte stundenlang proben müssen, schnappen sich diese Herren gänzlich unvorbereitet Bass, E-Gitarre und Schlagzeug, Instrumente, die ihnen weder gehören noch gehorchen, und legen los. Die Besetzung erfolgt nach dem Zufallsprinzip. Den Gesang steuert Lupo bei, eine Art Sprechgesang, meistens auf Deutsch, manchmal auch in einem Pseudoenglisch. Ein einziges Mal hat sich Harry als Sänger versucht. Das war, nachdem er im Fernsehen eine Redewendung aufgeschnappt hatte, die ihm so gut gefiel, dass er daraus ein Lied machen wollte. Geschafft hat er aber nur die ersten beiden Zeilen: Wann d’mi ned mogst, geh doch heim. Darauf ritt er nun rum, während er sinnlos mit dem Daumen auf den Bass einschlug, bis Robert endlich den erlösenden Reim fand: Denn i hob a Raucherbein. Ein Vier-Zeilen-Song, der noch seiner Veröffentlichung harrt.


Voraussetzung für einen Auftritt von Velvet Underground II ist natürlich, dass Thomas’ Alter nicht da ist. Und das ist meistens der Fall. Wenn man ihn doch mal antrifft, sitzt er meistens rauchend in einer Ecke des Wohnzimmers und hat einen sitzen. Nur wenn Pia Besuch von ihren Freundinnen hat, kann man ihn mal richtig aufgeräumt erleben. Die Frauen, alle kurz vor dem Abitur, duzen ihn, und er ist heiterer Stimmung. Aber Pia ist ebenfalls selten da, und wenn, dann ist sie bestimmt mit Wolle Müsch beschäftigt, ihrem derzeitigen Galan, für den ich schon mal auf dem Klo vom Norfer Krug eine Packung Pariser ziehen musste. Wolle selbst darf sich in der Kneipe nicht blicken lassen, weil er sonst von den Rockern paar auf die Fresse kriegt. Mir dagegen passiert nichts, weil ich immer noch der Sohn von der Lehrerin bin.


Wegen der beengten Räumlichkeiten im Keller wird die Retrospektive ins Wohnzimmer verlegt. Eine Leinwand hat Lupo nicht mitgebracht, weil er meinte, die Filme auf eine kahle weiße Wand projizieren zu können. Im Wohnzimmer gibt es aber keine kahlen weißen Wände, sondern ein riesiges Fenster samt Terrassentür, eine klotzige Schrankwand und eine Schmalseite mit Fernseher, Plattenspieler und eingebauter Bar. Außerdem ist es noch viel zu hell, und deshalb wird die Filmvorführung erst einmal verschoben.


Inzwischen stöbern Harry und Lupo, die sich hier wie zuhause fühlen, in den Schränken herum. Harry hat auf dem Sideboard ein Kästchen mit Familienfotos gefunden. Triumphierend schwenkt er ein Bild, das Thomas als Säugling zeigt und hört nicht auf, sich über den Gesichtsausdruck von Baby Thomas zu bekringeln. Lupo fördert aus dem Barschrank eine Flasche Sandeman-Sherry zutage. Nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hat, bietet er sie uns an. Den Einwand von Thomas, sein Alter würde merken, wenn da plötzlich weniger drin ist, weist er als spießig zurück.

Um ihn von der Flasche abzulenken, schlägt Thomas vor, jetzt doch die Filme zu gucken und stellt dafür ein gebügeltes Bettlaken zur Verfügung, worauf Lupo sich auch einlässt, aber die Flasche kreist trotzdem unter uns, und nach der dritten Runde ist sie leer, woraufhin Lupo versprechen muss, sie übers Wochenende wieder zu ersetzen.


Künstlerisch sind die Filme alle sehr wertvoll, allerdings wirken die Darsteller etwas gehemmt, wie befangen, was auch kein Wunder ist, denn als Schauspieler hat Lupo uns verpflichtet, außerdem für seine Nibelungen-Version als Rheintöchter die drei Niedermeier-Schwestern aus der Nachbarschaft. Nur mich hat er nicht vor die Kamera geholt, weil ich selber Filmemacher bin und daher ein Rivale.


Mittlerweile laufen Zeichentrickfilme, die uns aber nur ein müdes Gähnen entlocken, woraufhin Lupo, vom Sherry enthemmt, seinen Hintern entblößt und als Projektionsfläche zur Verfügung stellt, und jetzt liefern sich Tom und Jerry auf Lupos bleichen Arschbacken eine Verfolgungsjagd.

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