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Am Samstag nach der Schule fahren Robert und ich mit der Straßenbahn nach Oberkassel und latschen zu Göhling, der uns sogar empfängt, obwohl er eigentlich keine Zeit hat, denn nächste Woche fährt die ganze Familie tatsächlich wie vermutet nach Bayern. Aber als wir vorsichtig fragen, ob wir über Weihnachten vielleicht auf seine Wohnung aufpassen dürfen, weil wir doch Frauenbesuch aus Paris kriegen, macht er ein ernstes Gesicht und sagt glatt Nein. Die Idee mit dem Schneeschippen beeindruckt ihn auch nicht, weil dafür sein Assistent Wolfgang Duve zuständig ist, der ansonsten mietfrei bei ihm wohnt. Aber er meint, dass wir mal Knitz fragen sollen, weil der Knitz und die Gabi nämlich über Weihnachten bei ihm in Bayern zu Besuch sind und außerdem sehr sozial eingestellt, und bestimmt nichts dagegen haben, und schon gibt er uns seine Adresse. Telefon hat der Knitz nicht.


Wir bedanken uns bei Mr. Babbelplast und wünschen ihm schöne Feiertage und fahren sofort mit der Straßenbahn nach Hamm. Als wir vor der angegebenen Adresse stehen, ist es ein ehemaliges Ladenlokal mit einem großen Schaufenster bis knapp über dem Bürgersteig. Was sich dahinter abspielt, kann man nicht sehen, denn das Schaufenster ist komplett mit kleinen Holzkästchen zugebaut, die mit Pergamentpapier verkleidet sind. Aber über der gläsernen Eingangstür, die ebenfalls komplett abgeklebt ist, hängt ein Schild Knitz-Akademie, und deshalb wissen wir, dass wir richtig sind.


Wir haben kaum geklingelt, da geht auch schon die Tür auf. Weil wir im Sommer zusammen in Barsinghausen waren, erkennt Knitz uns sofort und wundert sich kein bisschen, dass wir ohne Anmeldung plötzlich bei ihm auftauchen. Irgendwie scheint er anzunehmen, dass wir uns für seine Kunst interessieren. Er lässt uns an dem großen Tisch Platz nehmen, der mitten im Raum steht und auf dem lauter Kinderzeichnungen von Pferden ausgebreitet sind.


Ich muss Noten geben, sagt er entschuldigend, und am liebsten würde ich allen eine Eins geben. Sind die nicht alle toll?


Wir heucheln Zustimmung. Knitz meint, dass Kinder sowieso die besten Künstler sind. Picasso hätte das auch gewusst und deshalb versucht, der Naivität von Kindern so nahe wie möglich zu kommen. Ob wir vielleicht das große Bild „Frau vor Spiegel“ in der Kunstsammlung kennen. Ob wir überhaupt schon mal in einer Ausstellung gewesen sind. Knitz staunt, als wir aufzählen, wen wir allein schon in der Kunsthalle gesehen haben, nämlich Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Bridget Riley, Edward Kienholz, von den Ausstellungen in Köln ganz zu schweigen, Eat-Art, Happenings und so weiter. Nachdem wir dann noch in groben Zügen das Programm von Ritzows Kunstleistungskurs seit der Obertertia geschildert haben, kommen wir zu unserem eigentlichen Anliegen, und dass Göhling gemeint hat, dass wir ihn fragen sollten, ob wir vielleicht über Weihnachten mit unseren beiden Pariserinnen bei ihm wohnen könnten.


Weil der Klaus meinte, dass du verreist bist, sage ich.


Und du vielleicht jemand brauchst, der auf die Wohnung aufpasst, sagt Robert.


Und dann, sagt Knitz trocken, wollt ihr mit denen ficken.


Ja. – Nein! rufen Robert und ich fast gleichzeitig. Ich kriege einen heißen Kopf und hefte meinen Blick an die Decke.


Es geht doch nur darum, sage ich heiser, um überhaupt die Möglichkeit zu schaffen.


Genau, springt mir Robert bei. Wir wissen doch gar nicht, ob die das auch wollen.


Klar wollt ihr die ficken, wiederholt Knitz. Na gut, von mir aus. Ficken ist gesund. Und zuhause geht das natürlich nicht. Wegen euern Eltern. Und deshalb wollt ihr das hier bei uns machen. Na ja, wär nicht ganz dumm, wenn die Wohnung über Weihnachten nicht so auskühlt. Wie lange wollt ihr euch denn hier einnisten?


Also… da richten wir uns ganz nach dir, sagt Robert schnell.


Gabi und ich sind vom 21.12. bis zum 3.1. weg.


Dann kommen wir am 22. Und bleiben maximal bis Neujahr.


Maximal.


Okay. Aber das Bettzeug müsst ihr selber mitbringen.


Klar.


Federbetten, Bezüge, Leintücher und so weiter.


Das wollten wir sowieso. Handtücher bringen wir auch mit.


Dann ist ja alles geklärt. Unsern Zweitschlüssel könnt ihr heute schon mitnehmen. Wenn ihr geht, schließt ihr zweimal ab und werft ihn in den Briefkasten.


Okay.


Und noch was. Wir haben hier Ölofen. Ihr könnt euch am Kanister im Keller bedienen. Der Liter kostet fünfundzwanzig Pfennige. Schreibt einfach auf, wie viele Kannen ihr verbraucht habt. Bevor ihr geht, legt ihr das Geld dafür auf den Tisch. – So, und jetzt hab ich Hunger.

O ja, ich auch, denke ich, weil ich seit dem Pausenbrot nichts mehr gegessen habe.

Heute gibt’s Speckpfannkuchen.


Kaum ausgesprochen, regt die Vorstellung von saftigen Pfannkuchen, großzügig belegt mit kross gebratenem Speck, wie sie bei Küppers in Heerdt serviert werden, sogleich meinen Speichelfluss an.


Und deshalb schmeiß’ ich euch jetzt raus.

 

 

Seit heute Nachmittag wohnen wir in Düsseldorf. Mit Arthurs Hilfe haben wir von zuhause Bettwäsche und Handtücher für vier Personen und ein bisschen Proviant zu Knitz gekarrt und uns eingerichtet. Neben dem Doppelbett im Schlafzimmer gibt es in dem Zimmer mit dem Schreibtisch noch eine Couch zum Ausklappen. Wer wo schläft, müssen wir noch ausknobeln. Wir sind ein bisschen enttäuscht, weil die Wohnung so klein ist. Andererseits hat das auch wieder sein gutes, weil wir dann alle vier eng aufeinander hocken. I kiss you. Ob das nur eine Redensart ist oder ein Versprechen?


Die Betten sind bezogen, die Handtücher aufgehängt. Nur noch etwas mehr als zwölf Stunden bis zur Ankunft der beiden. Was tun? Einen Fernseher gibt es nicht, nur einen Telefunken-Plattenspieler und einen Karton mit Schallplatten; alter Scheiß, wie Robert gleich mit Kennerblick feststellt. Trotzdem lässt er zu, dass ich „Revolver“ auflege. In der Küche entdecken wir einen ganzen Stoß Bastelanleitungen für eine Knitz-Möwe, einen Papiersegler. Den bauen wir am großen Arbeitstisch gleich nach und schicken ihn mit Schwung auf die Reise. Leider erleidet meiner gleich nach dem Start eine Bruchlandung, indem er nämlich mit dem Schnabel in einem von Knitz’ pergamentbezogenen Schaufensterkästchen steckenbleibt. Zum Glück weit genug unten, sodass es kaum auffällt.


Jetzt Bob Dylan, „Greatest Hits“. Beim Stöbern in den Bücherregalen stoße ich auf einen japanischen Bildband, der sich mit der Kunst des Papierfaltens beschäftigt. Unter anderem wird gezeigt, wie man allerlei Tiere bastelt. Wahrscheinlich hat sich Knitz da die Anregung für seine Möwe geholt. Eine Fledermaus gefällt uns besonders gut. Sogar ohne Japanischkenntnisse gelingt es uns, sie nachzubauen. Das Tolle ist, dass sie nicht nur fliegt, sondern dass ihre Flügel dabei zittern. Wir können gar nicht genug davon kriegen, sie fliegen zu sehen. Zack, landet auch sie in der Schaufensterverkleidung, und zwar in Augenhöhe. Diesmal ist der Kasten richtig demoliert. Warum hat Knitz auch bloß so scheißdünnes Papier genommen. Wir versuchen, den Schaden mit Spucke zu reparieren, was aber nicht richtig gelingt. Zum Glück ist die ganze Konstruktion nicht fest miteinander verbunden. Wir ziehen den Kasten vorsichtig heraus und vertauschen ihn mit einem von weiter unten.


Nachdem wir noch etwas gegessen haben, stellen wir durch dreimaligen Münzwurf fest, wer welche Schlafstätte bekommt. Ich gewinne und ziehe ins Schlafzimmer, weshalb ich auch dafür verantwortlich bin, dass wir um 5:45 aufstehen, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein.

 

 

Das Aufstehen hätten wir uns sparen können. In diesem Zug sind sie jedenfalls nicht. Die einzige Erklärung ist, dass sie erst heute Nacht losfahren und dann natürlich erst morgen um Sieben in Düsseldorf sind. Warum haben sie uns nicht geschrieben, dass sie den Nachtzug nehmen? Egal, der Gedanke an I kiss you hält uns aufrecht.


Also wieder zurück und noch ein bisschen gepennt. Zum Mittagessen gibt es eine Dose Ravioli mit Brot. Danach große Langeweile. Beim weiteren Durchwühlen von Knitz’ Schränken entdecken wir Material zu seinen früheren Kunstaktionen. Damals hieß er noch Werner Meßmer und war Kunststudent. Einmal hat er sich in der Mannheimer Fußgängerzone wie Kafkas Hungerkünstler in einen Käfig gesperrt und die Publikumsreaktionen mit Tonband aufgenommen. KÄFIGMENSCH ANTWORTET NICHT – KUNSTAKTION IN DER PLANKEN LÖST RÄTSELRATEN AUS, stand am nächsten Tag in der Zeitung.


In einer Zigarrenkiste liegen auf Holzwolle drei Milchflaschen, aber statt mit Milch sind sie mit einem Stück Papier gefüllt, auf dem Inhalt steht, in Großbuchstaben. Ich bin beruhigt, dass es sich dabei um Kunst handelt, denn das macht auch mich zu einem Künstler. Hängt doch unter der Decke in meinem Zimmer seit kurzem ein trocknes Brötchen neben einer fettgedruckten Schlagzeile aus dem „Stern“: Aufruf. Wer meint, das hätte irgendwas mit „Brot für die Welt“ zu tun, der irrt. Auch an moderner Malerei habe ich mich versucht. Jackson Pollock wurde dadurch berühmt, dass er Farbe auf Leinwand tropfte. Ich ging noch einen Schritt weiter und setzte mit Uhu Klebepunkte auf Papier, bestreute sie mit Vogelsand und besprühte sie anschließend mit Wasserfarbe. Immer auf der Suche nach neuen, aufregenden Materialien schnitt ich mir ein paar Zentimeter Haare ab, klebte sie mit Tapetenkleister auf Zeichenblockpapier und bestrich sie nach dem Trocknen mit Deckweiß. Sah schön eklig aus.


Am Abend gibt es Kartoffelsalat, den Roberts Mutter gestiftet hat, und dazu hören wir die „Pardon“-LP „Heinrich Lübke redet für Deutschland“. Wir sind schon fast bettreif, da klingelt es plötzlich, und als wir aufmachen, steht eine Frau vor der Tür und sagt, sie ist die Uschi und ob der Knitz zu sprechen ist. Wir erklären ihr, wer wir sind und dass Knitz verreist ist, woraufhin Uschi ziemlich bedröppelt aus der Wäsche schaut, weil er versprochen hat, ihr beim Umzug zu helfen.

Wir kennen uns nämlich von der Kunstakademie, der Knitz und ich.


Tja, tut uns leid.


Könnt ihr mir vielleicht helfen? Es sind nur ein paar Kleinigkeiten. Die Sachen stehen schon im Treppenhaus und müssen bloß noch in die Wohnung getragen werden. Aber alleine schaff ich das nicht. Es ist nur um die Ecke.


Robert und ich sehen uns an. Können wir uns dieser Bitte verschließen? Nein. Egal, ob uns Uschi anschließend zu einer Künstlerorgie einlädt oder nicht. Denn genau diese Möglichkeit geht Robert garantiert gerade durch den Kopf. Und mir jetzt auch.


Die Wohnung ist tatsächlich nur ein paar Minuten Fußweg entfernt. Es ist eines von den schönen alten Wohnhäusern in der Erftstraße, die den Krieg überstanden haben. Uschi schließt die Haustür auf, und da stehen auch schon ihre Sachen: ein Herd, eine Waschmaschine, eine Kommode ohne Schubladen, eine Matratze, ein Esstisch, ein Ohrensessel.


Und wo soll das hin?


Nach oben. Ganz oben. Vierter Stock.


Ach so.


Mit dem Ohrensessel fangen wir an. Er ist ziemlich ausladend und wegen der dicken Polsterung schwerer, als er aussieht. Robert packt ihn an den Füßen und ich an der Lehne, aber sehr bequem ist das nicht, schon gar nicht, wenn man damit rückwärts eine Holztreppe hochsteigt und plötzlich das Licht ausgeht.


Stopp!


Wir bleiben wie erstarrt stehen, während Uschi den Lichtschalter sucht.


Endlich wieder Licht. Trotzdem rutscht mir der Sessel im dritten Stock aus den Händen und landet krachend auf dem Treppenabsatz, woraufhin Robert schon wieder einen seiner Lachanfälle mit ansteckender Wirkung kriegt. Trotzdem schaffen wir es irgendwie nach oben, wo Uschi uns in ihre Wohnung dirigiert, die schon mit einer Stehlampe, ein paar Stühlen und anderen Kleinmöbeln ausstaffiert ist.


Danach tragen wir den Esstisch, die Kommode und die Matratze hoch, was uns ohne Schwierigkeiten gelingt. Der Herd ist trotz Uschis anfeuernder Kommentare schon schwieriger zu bewältigen, auf jedem Treppenabsatz brauchen wir eine Pause. Inzwischen sind wir schweißgebadet, das hölzerne Geländer wackelt, und dazu knarzt die Treppe fast bei jedem Schritt.

Jetzt kommt die Waschmaschine an die Reihe. Ach, würde Uschi doch, wie andere Leute auch, ihre Wäsche in den Waschsalon bringen. Dann müssten wir jetzt nicht so leiden.


Im dritten Stock ist erstmal Feierabend. Wir sind beide fix und fertig. Ich lehne schweratmend an der Wand, Robert liegt gekrümmt über der Waschmaschine, aber statt wie ich vor Erschöpfung in Stillschweigen zu verfallen, gluckst und kichert er vor sich hin.


Auf einmal geht gegenüber eine Tür auf und eine alte Frau in Nachthemd und Häubchen steht vor uns wie ein Gespenst.


Ich will jetzt schlafen! Hören Sie! Es ist nach zehn Uhr! Unerhört ist das!


Das gibt Robert den Rest. Kaum hat sich die Tür wieder geschlossen, rutscht er von der Waschmaschine und sackt zusammen. Tränen laufen ihm über das Gesicht und wimmernde Geräusche entringen sich seiner Brust. Und von oben ruft Uschi.


Könnt ihr noch?


Nee, wir können grad nicht mehr.

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