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Heute habe ich die Möbel in meinem Zimmer umgestellt. Als ich den Kleiderschrank von der Wand abrückte, um ihn weiter nach links zu schieben, fiel etwas hinter dem Schrank zu Boden. Es war ein Zebrafink, ein Jungvogel aus meiner Nachzucht, in der Totenstarre von zwei Seiten eckig geformt wie eine Streichholzschachtel. Die Oberseite mausgrau, nur an den Außenrändern der Flügel ins Bräunliche übergehend, der Schwanz schmutzigweiß gebändert, Hals und Wangen fahles Grau, neben den Augen ein weißer, schwarz eingefasster Fleck. Armer Kerl. Bei leichtsinnigem Hüpfen oder einer tolpatschigen Landung muss er in den Spalt zwischen Schrank und Wand gerutscht sein. Bewegungsunfähig und offenbar auch außerstande, aus seinem schwarzen Schnäbelchen Geräusche hervorzubringen, die mich aufmerksam hätten werden lassen, ist er wahrscheinlich verdurstet. Verwest ist er nicht, sondern regelrecht mumifiziert. Wieder eine Vogelleiche, und irgendwie bin ich auch daran schuld. Das Sündengepäck auf meinem Rücken wird von Jahr zu Jahr schwerer. GYMNASIUM VERWEIGERT TIERQUÄLER ABITUR – DR. HOLLMANN HÄLT BLATTERNERKRANKUNG FÜR AUSLÖSER. Hätte ich die Vögel jeden Abend durchgezählt, wäre das nicht passiert. Ich glaube, ich muss sie abgeben. Bis auf Pürie natürlich, der zur Familie gehört. Sonst passieren noch mehr solche Unglücke.


Meine Briefschulden gegenüber Eberswalde habe ich durch einen zweiseitigen Brief getilgt. Die Tutta hat zwar nicht den geringsten Anspruch auf eine Erklärung; trotzdem soll sie mir nicht nachsagen können, ich sei aus Feigheit verstummt. Die Wahrheit konnte ich ihr natürlich nicht schreiben, weil sie dann garantiert im Schnulzensänger-Stil behauptet hätte, ihr Herz könne man nicht kaufen. Also habe ich drei Gründe für mein Nichtschreiben genannt, von denen sie sich einen aussuchen sollte.


Bei Merkle arbeiten wir jetzt mit Ton; was dabei herauskommt, ist ihm wurst. Das ist das Stichwort für mich. Ich forme einen Teller und darauf eine Currywurst mit Fritten. Das ist mein Verständnis von Eat Art. Merkle lässt sich tatsächlich bluffen und gibt mir dafür eine Zwei. Und weil er einen vielversprechenden Künstler in mir wittert, will er mir die Bauer-Filmkamera zur Verfügung stellen. Ton kann sie allerdings nicht aufnehmen, und das bedeutet, dass meine Story auf langatmige Dialoge verzichten muss. Also drehe ich am besten gleich einen Stummfilm, wie „Panzerkreuzer Potemkin“ oder „Metropolis“. Oder wie „Goldrausch“. Ich glaube, ein Film in Chaplin-Stil lässt sich am ehesten realisieren. Natürlich in Schwarz-Weiß, dann sieht von vornherein alles 70 Jahre älter aus. Goldsuche wäre ein gutes Thema, wegen der vielen Außenaufnahmen. Ich weiß auch schon, wo wir drehen können, damit es nach Alaska aussieht: in der Rosellerheider Kiesgrube. Da gibt es eine Stelle mit einer zehn oder zwölf Meter hohen Abbruchkante.

 

 

Post aus Eberswalde.

 Lieber Jakob! Vielen Dank für Deinen Brief, aus dem ich leider nicht schlau geworden bin. Weißt Du an so supermoderne Briefstile sind wir hier nicht gewöhnt. Soll ich mir nun die beste Variante aussuchen oder wie? Schwamm drüber! Ich will davon nicht mehr hören.

Jetzt besteht die Frage was aus unserer fast neu geknüpften Brieffreundschaft werden soll. Mein Freund hat mir zwar das dumme Theater mit Peter verziehen, aber er möchte nicht, dass ich mich mit Jungen schreibe, die er nicht kennt. Mit der Pause wegen Peter bin ich schon über drei Jahre mit Rolf befreundet und wir haben auch nicht die Absicht uns wegen eines Dritten zu trennen oder sonstigen blöden Sachen. Wenn wir uns weiterschreiben sollen, dann nur wenn Du an uns beide schreibst. Versteh’ das bitte nicht falsch, aber das ist bestimmt die beste Lösung.

Viele Grüße

Karin

PS: Grüße auch von Rolf! Ich wette, dass Du ihn dufte fändest, würdest Du ihn kennen.

 

 

Das Drehbuch ist fertig. 1. Szene (Totale). Goldsucher (Kalle, Thomas, Manni, Rainer, Harry, Künzel, Richie, Robert) bei der Arbeit. 2. Szene. Jerry (Robert) macht den Fund seines Lebens. Während seine Kollegen mehr oder weniger planlos drauflosbuddeln, benutzt er neben seinem Köpfchen auch Augenlupe, Mineralwaage und Zahnarztbesteck. 3. Szene. Jerry besorgt sich eine Konzession und steckt seinen Claim ab. 4. Szene. Fat Fanzel (Richie) versucht, ihm den Schatz abzujagen. Massenschlägerei. 5. Szene. Fat Fanzel trifft sich im Golden Nugget Saloon mit Fucking „Tooth“ Jane (Martina). 6. Szene. Für einen Beutel Goldstaub verführt Jane Jerry und stiehlt ihm bei dieser Gelegenheit die Konzession. 7. Szene. Aus Verzweiflung will Jerry sich im Wald erhängen. 8. Szene mit Traumsequenzen und Schwarzfilm zur Irritation der Zuschauer. 9. Szene. Der Selbstmordversuch ist missglückt; als Jerry aus seiner Ohnmacht erwacht, steht ein armes Waisenmädchen (Nicole) vor ihm, das ihm neuen Lebensmut gibt. 10. Szene. Wiederbegegnung mit Fat Fanzel, der sich in betrunkenem Zustand auf das Waisenmädchen stürzt. 11. Szene. Rauferei, bei der Jerry entdeckt, dass Fat Fanzel im Besitz seiner Konzession ist. 12. Szene. Große Verfolgungsjagd. Jerry kann Fat Fanzel überwältigen und die Urkunde wieder an sich nehmen. 13. Szene. Das Waisenmädchen weist Jerry zurück, weil sie seinem Reichtum misstraut. 14. Szene. Jerry zerreißt die Urkunde und entscheidet sich für ein Leben an der Seite des Waisenmädchens. 15. Szene, Schlussbild: Jerry und das Waisenmädchen Arm in Arm, dem Horizont entgegen, immer kleiner werdend.

Spätestens im Oktober fangen wir mit dem Außendreh in der Kiesgrube an.

 

 

Pascale schreibt, dass beide Eltern ihnen erlaubt haben, uns an Weihnachten zu besuchen, und kurz darauf trudelt ein Brief von Desirée bei mir ein. Beim Öffnen reiße ich vor Aufregung den Umschlag in Fetzen.

 We’ll start on December 23, and we’ll arrive at Dusseldorf at 7. I hope you’re very well. Pascale and I are very well. So goodbyes at christmas. I kiss you.

 

Weihnachten ist gut, weil wir dann Ferien haben. Aber wohin mit den beiden? Bei Robert zuhause ist kein Platz. Bei uns wäre Platz, aber bis in die Morgenstunden könnten wir da sicher nicht Musik hören und anschließend bis in die Puppen schlafen. Von den anderen Dingen ganz zu schweigen. Außerdem müssen wir den beiden Frauen aus der Weltstadt Paris etwas bieten, und dafür kommt nur Düsseldorf in Frage. Da gibt es immerhin die Altstadt mit Ratinger Hof, Einhorn und Uel. Hutter & Schranz, Muggel und Sassafras in Oberkassel. Den Rhein. Die Kunsthalle.


Robert meint, wir sollten Göhling fragen, ob wir, für den Fall, dass er über Weihnachten wieder in Bayern ist, bei ihm wohnen können. Die alte Villa würde den beiden Frauen ganz sicher imponieren. Wenn wir versprechen, dass wir nicht nur das Haus hüten, sondern auch gegebenenfalls Schnee schippen, damit sich niemand vor dem Haus die Knochen bricht und ihn verklagt, dann sagt er nach dem, was in Barsinghausen passiert ist, vielleicht Ja.

 

 

Drehtag Drei. Heute ist die Massenschlägerei in Szene 4 dran. Eigentlich klappt alles, von einem Unfall abgesehen, den Künzel dabei erleidet. Die Regieanweisung lautet, sich einen Partner zu suchen und sich mit ihm auf originelle Weise zu prügeln. Künzel in seinem Gummimantel, ein Erbstück seines Opas, hat gerade von Rainer einen Schlag auf den Hut verpasst bekommen, wodurch ihm dieser halb über die Augen gerutscht ist. Beim Dreh seine dicke Brille zu tragen, haben wir ihm verboten; jetzt bahnt er sich halbblind mit ausgestreckten Armen einen Fluchtweg, gerät aber auf dem von Planierraupen zerfurchten Untergrund in eine Art Tänzelschritt und stolpert geradewegs auf Richie zu, der sich ihm einfach nur mit seiner schrankartigen Körpermasse in den Weg stellt. Beim Zusammenprall verliert Künzel sein Gleichgewicht und fällt auf so unglückliche Weise auf den Rücken, dass wir im ersten Moment denken, er ist querschnittsgelähmt. Die Kamera lassen wir aber trotzdem laufen, weil uns jeder zu dem Stunt beglückwünschen wird, der nicht nur aussieht wie echt, sondern auch echt ist.


Am besten sind die Szenen beim Sir geworden. Hans-Heinrich hatte erlaubt, dass wir sie an einem Sonntagnachmittag, wo er normalerweise geschlossen hat, bei ihm drehen. Als wir dann zu zwölft antanzten, war er von unserem Team, den ausgefallenen Kostümen und den mitgebrachten Requisiten so beeindruckt, dass er alle Getränke auf Rechnung des Hauses gehen ließ. Aus Dankbarkeit schenkten wir ihm einen Gastauftritt als Spelunkenwirt, wofür der Sir extra sein Revolverhalfter umschnallte. Sein Colt war dieselbe Waffe, mit der er einmal kurz vor Mitternacht seiner uralten Mutter vor der Nase rumfuchtelte, die sich daraufhin bitterlich bei mir über ihren ungeratenen Sohn beklagte. Ob die Waffe scharf oder ob es nur ein Jux war, weiß ich bis heute nicht.


Die Pokerszene, in der Hans-Heinrich sein Schauspielerdebut gibt, haben wir, wie vorher schon die Billardszene, im gleißenden Scheinwerferlicht von zwei 1000 Watt starken Filmleuchten gedreht. Im fertigen Film sieht es aus, als würde der Pokertisch nur von den beiden Kerzen erleuchtet, die ihr flackerndes Licht auf die durch Schminke entstellten Visagen von Künzel und Clason und die Rückseiten von Kalle und Martina werfen. Für den Regisseur ein Moment großen Glücks.

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