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In Englisch sitze ich neben Nicole Kielblock, die auch in Norf wohnt, zusammen mit ihrer holländischen Mutter und einem schwarzen Zwergpudel. Sie gehören gewissermaßen zum erweiterten Haushalt von Pfarrer Busses Amtsnachfolger Erasmus, der mit Nicoles älterer Schwester verheiratet ist. Nicole ist scharf auf meine Baskenmütze, an die ich mir nach einem bekannten Vorbild einen fünfzackigen Stern genäht habe, ausgeschnitten aus einem roten Halstuch, das mal zu einem Piratenkostüm gehörte – mein Bekenntnis zum demokratischen Sozialismus, für den Allende sein Leben geopfert hat. Außer Ruelen hat mich noch niemand drauf angesprochen. Als wir bei ihm über revolutionäre Tendenzen im Sturm und Drang diskutierten, meinte er, Schiller sei nur ein Pseudorevolutionär gewesen, ungefähr so wie ich mit meinem roten Stern an der Mütze, und dazu lächelte er sarkastisch. Er findet ihn wohl anmaßend.


Nicole will die Baskenmütze trotzdem geliehen haben. Um mir ihre Sympathie zu beweisen, schlägt sie mir vor, dass wir am Montag nicht den Bus nehmen, der unterwegs ungefähr zehnmal hält, sondern zusammen zur Schule trampen. Dann können wir eine Viertelstunde später aus dem Haus gehen und sind trotzdem schneller am Ziel.


Am Montag haben wir in der ersten Stunde Deutsch bei Ruelen. Man kann so früh in den Unterrichtsraum kommen wie man will, Peter Storz ist schon da, isst zwei belegte Brötchen, trinkt eine kleine Cola und liest dazu die „Bild“-Zeitung. Wenn man ihn auf seine Lektüre anspricht, pflegt er sich mit den Worten zu entschuldigen, dass „Bild“ zwar scheiße ist, aber für ihn zum Frühstück dazugehört. Warum frühstückt er nicht zuhause? Weil er am Wochenende als Nachtportier arbeitet.


Storz war schon mal auf dem Schwann. Als er hängenblieb, nahm ihn seine enttäuschte Mutter runter und steckte ihn auf die Realschule. Inzwischen ist er volljährig und will unbedingt Abitur machen. Aber das Geld für seine Extrawünsche, zum Beispiel seine lila Knautschlacklederjacke, muss er sich mit eigener Hände Arbeit verdienen. Dadurch fühlt er sich jetzt sowohl der intellektuellen Oberschicht als auch dem Proletariat verbunden und zum Lesen des Arbeiterblatts „Bild“-Zeitung berechtigt. Außerdem hat er ein Alibi, denn er ist bei den Jusos.


Sobald Ruelen den Unterrichtsraum betritt, pflegt Storz seine Zeitung zusammenzufalten, aber im Zeitlupentempo, so dass Ruelen noch erkennen kann, um welches Blatt es sich dabei handelt. Völlig zu Recht geht er davon aus, dass wir alle wissen, wie sehr er die Springer-Presse und insbesondere „Bild“ als Hetz- und Manipulationsinstrument verachtet. Wie seinerzeit im Fall von Manni und Willy glaubt er auch bei Storz, dass er ihn provozieren will und macht ihm deshalb das Leben schwer. Von seinen nächtlichen proletarischen Aktivitäten und seiner Juso-Mitgliedschaft ahnt er natürlich nichts.



Montag früh klingele ich wie abgemacht um Viertel vor acht bei Kielblocks. Kaum hat ihre Mutter, die dem Aussehen nach auch ihre Oma sein könnte, die Tür geöffnet, stürmt auch schon der Köter auf mich zu, klammert sich mit allen vier Pfoten an mein Hosenbein und reibt in einer Art Begattungstanz seinen Pudelpenis an meiner Jeans, woraufhin ich ihn mit einer ruckartigen Bewegung zur Seite schleudere. Nicole ist noch im Bad, kämmt ihr goldenes Haar und bepflastert ihren blassen Teint mit Bräunungscreme, aber ihre Mutter macht ihr Dampf und fünf Minuten später stehen wir wirklich gegenüber der Friedenskirche an der Ausfallstraße nach Neuß und halten, wie es im Song heißt, unsern Daumen in den Wind.


  Es ist toll, mit Nicole zu trampen, auch wenn alle Autos an uns vorbeifahren. In ihrem luftigen Sommerkleid sieht sie aus wie ein Hippiemädchen aus „Konkret“, dünn wie Spargel und mit langen blonden Haaren bis über die Schultern. Mit einem Minirock und Stiefeln bis hoch zu den Oberschenkeln gäbe sie ein prima Go-Go-Girl ab. Sollte uns jemand für ein Paar halten, ist mir das sehr recht. Tatsächlich hat sie längst einen Freund, Benny Hilgenfeld, der aufs Humboldt geht, nächstes Jahr Abitur macht und so tut, als hätte er in jeder Hinsicht den Durchblick, egal ob es sich um Kunst (Warhol), Musik (Zappa), Literatur (Handke) oder Politik (Marx) handelt. Äußerlich scheint er sich an Dennis Hopper in „Easy Rider“ zu orientieren. Dafür spricht, dass er laut Stöpsel, der ihn aus Kaarst kennt, früher, bevor er sich den roten 2CV zugelegt hat, ein Mofa mit extra hohem Lenker gefahren hat. Samstags, wenn er bei Nicole übernachtet, trifft man ihn öfter beim Sir, wo er im Kreis seiner Verehrer über Gott und die Welt schwadroniert und ein Gatzweiler Alt nach dem andern in sich reinschüttet, das er bei Hans-Heinrich mit den Worten zu ordern pflegt: Sir, machst du mir noch ein Tässchen?


Ein weißer Opel hält an. Ich reiße die Beifahrertür auf. Fahren Sie nach Neuß?


Statt einer Antwort nur eine Kopfbewegung. Wir steigen ein, im Radio läuft das Morgenmagazin auf WDR 2. Von der Nievenheimer Straße auf den Berghäuschensweg, an Selikum vorbei, durch Gnadental. Am Alexianerplatz hätten wir links fahren müssen. Stattdessen fahren wir jetzt auf dem Hammfelddamm Richtung Hafen.


Entschuldigung, fahren Sie nicht in die Stadt rein?


Ihr wolltet doch nach Neuß, oder? Ich fahre nach Neuß, sagt der Mann hinter dem Lenkrad mit teilnahmsloser Miene.


Ja, aber das ist nicht unsere Richtung. Können wir bitte aussteigen?


Hier kann ich nicht anhalten.


Am Ende der Langemarckstraße, zwischen Rennbahn und Kirmesplatz, hält der Wagen endlich an und wir steigen aus. Ich bedanke mich fürs Mitnehmen und möchte dem Herrn in weißen Hemd noch sagen, dass sein Ziel für uns etwas zu abseits liegt, aber er lässt mich nicht ausreden.


Mach die Tür zu!


Und schon braust er davon und lässt Nicole und mich mitten im Industriegebiet zurück.


Was war das denn?


Der hat uns verarscht. Das war Absicht, todsicher.


Klar war das Absicht. Der hat was gegen Tramper. Tut so, als sei er ein barmherziger Samariter –

Und lacht sich heimlich ins Fäustchen, wenn er uns in der Wüste aussetzen kann.


Und was jetzt? In zehn Minuten fängt der Unterricht an.


Na ja, wieder trampen.


Was, hier? Hier hält erst recht niemand an.


Wenn du dich da hinstellst, bestimmt.


Blödian, kichert Nicole und blickt auf ihre Fußspitzen, flache offene Sandalen mit einem Riemen zwischen dem zweiten und dritten Zeh.


In der Hoffnung, dadurch herausfinden zu können, welcher Art das Geheimnis ist, das sich darunter verbirgt, zupfe ich spielerisch am Saum von Nicoles luftigem Sommerkleid, das ihre grazilen langen Beine bis knapp über die Oberschenkel verhüllt.


Lass das sein, blafft sie mich durch den Vorhang ihrer Blumenkind-Haare an.


Okay, sie ist eben die treue Gefährtin ihres Benny, auch wenn sie sich erst kürzlich weinend bei mir beklagt hat, wie gemein er wieder zu ihr gewesen ist, dabei hatte das Wochenende in Egmont so schön angefangen. Außerdem darf ich nicht vergessen, dass ich ja bereits vergeben bin. Es spielt keine Rolle, dass meine Zuneigung von Veronika nicht mit gleicher Leidenschaft erwidert wird. Man muss nicht immer knutschen und fummeln. Hat man sich erst mit der Aussichtslosigkeit abgefunden, schafft man Platz in seinem Herzen für die wahre Liebe, Liebe ohne Besitzstreben.

Ich kenne mehrere Romane, in denen genau das dargestellt wird. Frédéric Moreau zum Beispiel himmelt seine Madame fast dreißig Jahre an und ist damit zufrieden. Natürlich gibt es auch Liebende, die richtig leiden und sich dann opfern. Nydia will Glaukus und Ione nicht im Weg stehen und springt ins Meer, Werther erschießt sich. So weit sollte man es nicht kommen lassen. Man kann eine großartige Frau auch aus der Nähe bewundern und verehren, ohne sich deswegen vor Liebeskummer umzubringen.


Aber wenn Stöpsel meint, ich treibe einen Kult um sie, irrt er sich gewaltig. Trauern ohne Verlust trifft es besser. Ein süßer Schmerz. Um sich in die Stimmung zu bringen, Liebeslieder auf der Gitarre zu spielen oder Liebesgedichte zu schreiben, ist es sogar ein sehr gutes Mittel. Und waren es nicht schon immer Illusionen, die die Menschheit vorangebracht haben?


Noch immer hält kein Schwein an. Höchste Zeit, dass ich mich bei einer Fahrschule anmelde. Habe ich erst den Lappen, habe ich sicher auch bald ein Auto.


Endlich hält ein dunkelgrüner VW Käfer neben uns an. Aber nicht wegen Nicole, sondern wegen mir. Roberts Schwager Helmut ist auf dem Weg zur Arbeit und hat mich erkannt.


Hallo Jakob! Wo wollt ihr denn hin?


Helmut! Du bist die Rettung. Wir müssen zur Schule. Fährst du zufällig Richtung Niedertor?

 

 

Die Babbelplast-Aktionen auf dem letzten Altstadtfest in Hannover haben die Leute in der Nachbarstadt Barsinghausen so beeindruckt, dass sie für ihr diesjähriges Stadtfest bei Göhling das große Babbelplast-Kissen und fünf Bälle bestellt haben. Zusätzlich hat Göhling den Barsinghausener Stadtvätern noch zwei weitere Düsseldorfer Künstler untergejubelt. Der eine ist Peter Rübsam. Er ist eigentlich Bildhauer, genau wie sein Vater, aber er ist auch Musiker, spielt ungefähr zehn Instrumente, darunter schottischen Dudelsack, und hat letztes Jahr mit seiner Band sogar eine LP aufgenommen. Der andere ist ein Beuys-Schüler namens Knitz, der die technischen Vorgänge erkenntnistheoretisch vermitteln soll. So steht es jedenfalls in seinem Manifest, und zwar in Kleinbuchstaben:

 

1. geburt der bälle, auseinanderfalten und aufblasen

2. bewegen der bälle durch menschen und natur (wind z. b.)

3. tod der bälle im spielbezirk durch destruktion und deflation

4. wiedergeburt der bälle durch reparatur, zusammenlegen, transportieren, auseinanderfalten und aufblasen

5. der ball löst sich als heißluftballon von der erde

 

Für die Punkte 1 und 4 sind wir zuständig. Bevor es jedoch zur Ausführung von Punkt 5 durch Knitz kommt, ereignet sich ein bedauerlicher Unfall. Ein Babbelplast-Ball, angetrieben von einer Meute Jugendlicher, überrollt einen kleinen Jungen, der sich dabei den Arm bricht. Wir kriegen das nur am Rande mit, weil ein Krankenwagen auf die Wiese fährt und sich ein kleiner Menschenauflauf bildet. Aber wenig später kreuzt in unserem Info-Zelt, das wir neben den beiden VW-Bussen aufgebaut haben, ein Bulle auf, der nicht so aussieht, als wäre er an der erkenntnistheoretischen Vermittlung der technischen Vorgänge interessiert. In Wirklichkeit ist er gekommen, um die Aktion mit den Bällen zu beenden.


Ein paar Leute, die sich in unserem Zelt gerade über Babbelplast im allgemeinen und die Aktion im Besonderen informieren, äußern ihr Bedauern, weil im Straßenverkehr ja auch ständig Unfälle passieren und Autofahren trotzdem nicht verboten wird. Dem Bullen sind diese Sympathiebekundungen aber wurstegal, weil er langhaarige Künstlertypen bestimmt nicht ausstehen kann und hier eine gute Gelegenheit sieht, sich ein bisschen aufzuspielen.


Von uns will er nichts wissen, sondern mit dem Verantwortlichen sprechen, und das ist Göhling. Mr. Babbelplast steht aber mit dem Rücken zu ihm, weil er gerade an einem Schlauch herumbastelt, der nachher für das Aufblasen des Heißluftballons gebraucht wird, und erklärt, momentan keine Zeit zu haben. Er hebt nicht mal den Kopf, so beschäftigt ist er.


Dann fordere ich Sie auf, sich auszuweisen, sagt der Bulle.


Dazu habe ich aber gerade keine Lust, antwortet Göhling über die Schulter.


Daraufhin dreht der Bulle durch. Mit den Worten Dann erkläre ich Sie hiermit für vorläufig festgenommen, packt er ihn von hinten und dreht ihm einen Arm auf den Rücken, woraufhin Göhling sofort laut anfängt zu schreien. Wir andern stehen wie gelähmt, nur Göhlings Frau Anna stürzt sich sofort auf den Bullen und schimpft los, er soll den Mann in Ruhe lassen, weil für diese Aktion zehn Leute verantwortlich sind und er die dann gefälligst auch festnehmen muss.


Einer von den Zeltbesuchern, ein Herr in einem Leinenjackett und mit einer Schultertasche, die er sich eben noch mit Babbelplast-Info-Material vollgestopft hat, mischt sich ebenfalls ein.


Das sind ja Ostzonen-Methoden!


Der Bulle ist irritiert. Das hört er anscheinend nicht gerne. Augenblicklich gibt er Göhling frei, der stöhnend seine Schulterblätter kreisen lässt, und dreht sich zu dem Mann im Leinenjackett, als hätte der ihm gerade ins Pistolenhalfter gepisst.


Was sagen Sie da?


Das kennt man aus der DDR. Die Volkspolizei, die macht es ganz genauso.


Zustimmendes Gemurmel von den Umstehenden. Der Bulle stemmt die Arme in die Hüften und mustert sein Gegenüber, der aus einer Gruppe heraus zu ihm spricht. Er begreift, dass es sich bei diesen Leuten nicht um Aktionskünstler, sondern um ganz normale Bürger mittleren Alters handelt, anständig angezogen und frisiert. Er lässt sich auf eine Diskussion ein, die damit endet, dass Göhling seine Personalien zu Protokoll geben muss. Auf dem Kissen darf weitergehopst werden, aber die Bälle müssen wir einsammeln und die Luft rauslassen. Genau wie es im Manifest von Knitz steht: tod der bälle im spielbezirk.

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