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Post für Papa aus Neuß, ein blauer Brief mit der Unterschrift von Dr. Brych und Bahlow: Müssen wir Ihnen hierdurch mitteilen, dass Ihrem Sohn Jakob, Schüler der Klasse UIc, die Versetzung nicht zugesprochen werden konnte. Und bei drei Fünfen ohne Chance auf Nachprüfung.

Zuhause herrscht Weltuntergangsstimmung. Mama flippt regelrecht aus. Sauer ist sie nicht, dazu ist sie viel zu erschüttert, heult in einer Tour herum. Diese Schande, diese Schande... So geht es die ganze Zeit. Bei Paul hat sie sich nicht so angestellt. Sie kriegt sich gar nicht mehr ein. Wahrscheinlich sieht sie schon die Schlagzeile vor sich: MUTTER DES SITZENBLEIBERS IST LEHRERIN – VATER ERFOLGLOSER WESTERNAUTOR.


Kaum ist die Mittagsruhe vorbei, ruft sie bei Dr. Brych zuhause an. Zum Glück ist er nicht da oder zu beschäftigt, um mit der Mutter eines Sitzenbleibers zu telefonieren. Aber seine Frau bekommt sie an die Strippe, bei der sie sich in aller Ausführlichkeit ausweinen darf. Von meinem Zimmer aus muss ich alles mit anhören.


Der Alte ist richtig stinkig. Als erstes hat er mir die Berlinfahrt gestrichen. Einfach so, obwohl ich schon die Zusage von Wolfgang hatte. Wenn ich das Katja beichte, wird sie mich todsicher für einen Schwächling halten, der sich gegen seine Eltern nicht durchsetzen kann.


Geld für den Sommerurlaub gibt es auch keins. Zum Glück habe ich durch die Arbeit für Göhling ein bisschen beiseitelegen können. Anfang Juli braucht er wieder zwei Leute, diesmal für Amsterdam. Richie ist dann schon in Thailand, also werden Robert und ich den Job übernehmen und uns von da aus mit dem Zug und per Anhalter bis an die französische Kanalküste durchschlagen, zum Cap Gris-Nez, wo es einen sehr schönen Sandstrand geben soll. Es ist zwar schon dreißig Jahre her, dass Papa da als Soldat war, stimmt aber wahrscheinlich immer noch. Und danach noch eine Woche Campingurlaub in Paris.

 

 

 

Am Museumplein ist richtig was los. In kurzen Abständen treten immer neue Musikbands und Chöre auf, ein spitteliger bärtiger Guru bietet Yoga zum Mitmachen an, und Kinder und Jugendliche rollen unsere Babbelplast-Bälle über die Wiese. Es ist die Abschlussveranstaltung des Holland Festivals, das heute in Amsterdam zu Ende geht. Am Morgen, als wir mit Ausladen und Aufpumpen beschäftigt waren, schallte aus dem neueröffneten Van Gogh Museum passend Don McLeans „Vincent“-Song über den Platz. Einer der großen Unverstandenen, der für irgendwelche Sünden büßen musste und sich das Ohr absäbelte, weil er hoffte, dadurch Verzeihung zu erlangen.

 

You took your life, as lovers often do

But I could’ve told you Vincent

This world was never meant for

One as beautiful as you.

 

Jetzt, wo alles läuft, besteht unsere Arbeit nur noch darin, die Bälle im Auge zu behalten und, falls sie Luft verlieren, aus dem Verkehr zu ziehen und zu flicken. Dafür erwärmen wir das PVC mit einer Heißluftpistole, legen einen handtellergroßen Flicken auf und pressen beides mit einer Handwalze zusammen. Es ist so simpel wie die Reparatur eines Fahrradschlauchs.


Als die Sonne hinter den Bäumen im Vondelpark versinkt, können wir daran denken, Schluss zu machen: Bälle einsammeln, mit Hilfe der Staubsauger die Luft abpumpen, Folien möglichst platzsparend zusammenfalten und im Transporter verstauen. Gegen Mitternacht sind die beiden VW-Busse endlich abfahrbereit. Beim Bezahlen rundet Göhling großzügig auf, wahrscheinlich auch aus schlechtem Gewissen, weil er schon seit Mittag zugekifft und zu keiner praktischen Arbeit mehr zu gebrauchen gewesen ist.


Es ist eine laue Sommernacht. Wir schnappen uns unsere Rucksäcke und marschieren zum Bahnhof, wo wir in den nächsten Zug nach Belgien steigen wollen. Aber der fährt, wie wir feststellen müssen, erst um halb sieben. Die Centraal Station ist seit null Uhr geschlossen, und wir kommen nicht einmal ins Gebäude rein, um uns auszuruhen oder aufs Klo zu gehen. Wir sind stinksauer.


Die Nacht in einem Hotel zu verbringen kommt nicht in Frage, dafür ist unser Budget zu schmal. Also zurück in die Stadt, zum Hauptplatz. Am Nationalmonument gegenüber vom Königspalast haben sich tagsüber immer Dutzende von Leuten herumgetrieben. Jetzt ist der Platz wie leergefegt. Im Café gegenüber halten wir uns über eine halbe Stunde an einem Bier fest, aber um zwei werden wir rausgeschmissen, und vier Gulden sind weg. Eine Snackbar hat noch geöffnet, und wir stellen übereinstimmend fest, dass wir Appetit auf eine Frikandel Speciaal haben. Gegessen wird in Zeitlupe, aber nach zwanzig Minuten ist kein Krümel mehr übrig und zwei Gulden sind außerdem weg. Aus Mitleid lädt mich Robert zu einer Tüte Fritten ein, die wir brüderlich teilen.


Zwei Uhr fünfzig. Wir bestellen Kaffee und rauchen dazu eine Zigarette. Noch ein Gulden weg. Danach treten wir den Rückweg an. Robert schlägt vor, dass wir uns in eine der Telefonzellen vor dem Bahnhof setzen, wo wir wenigstens gegen die Nachtkälte geschützt sind. Aber diese gute Idee hatten schon andere Rucksacktouristen vor uns, die ebenfalls hier gestrandet sind. Wieder andere haben sich auf einer Treppe, die zu einem Nebeneingang führt, eingerichtet; zu ihnen setzten wir uns. Hoffentlich quatscht uns niemand an oder versucht uns zu beklauen.


Robert gibt sein dunkelroter Cowboyhut, ein Reiseandenken seines Vaters aus Ibiza, ein verwegenes Aussehen. Ich ziehe mir meine Lenin-Mütze, ein Original aus dem Moskauer Kaufhaus GUM, tief ins Gesicht. Wir wickeln uns in unsere Parka und versuchen zu schlafen, was aber nicht richtig gelingt. Da ist auch ein Mann mit einem Gipskorsett; beide Arme sind steif wie bei einer Schaufensterpuppe. Für ihn ist es auf der Treppe besonders ungemütlich, weil er keine rechte Schlafposition findet. Bis Robert ihm einen Ziegelstein unter den Kopf schiebt, wofür sich der Eingegipste freundlich bedankt. Zwei Stunden später wandert die Sonne über das Bahnhofsdach, und um Punkt sechs Uhr wird endlich aufgeschlossen.


Die Fahrt bis Antwerpen verschlafen wir fast komplett. Mit dem anschließenden Trampen haben wir kein Glück und müssen mit dem Zug nach Calais fahren. Am Cap Gris-Nez finden wir zwar einen Campingplatz direkt am Strand, aber im Städtchen ist nichts los und auf dem Campingplatz erst recht nicht, weshalb wir unsere Pläne ändern und uns am nächsten Vormittag in Boulogne-sur-Mer an die Ausfallstraße Richtung Paris stellen.


Geschlagene zwei Stunden dauert es, bis uns eine junge Frau in einem R5 bis nach Montreuil mitnimmt. Gerade mal vierzig Kilometer sind damit geschafft. Nach langem Fußmarsch auf einer wenig befahrenen Landstraße hält endlich wieder ein Auto an. Der Typ fährt aber nur elf Kilometer weit. Also weiter zu Fuß, auf einer noch kleineren Landstraße. Inzwischen dämmert es bereits, und damit sinken unsere Chancen, es heute noch bis in die nächste größere Stadt zu schaffen.


Die spinnen, die Franzosen, grummelt Robert.


Ein einäugiger Lkw überholt uns und hält an. Für einen kurzen Moment denken wir, er will uns mitnehmen. Stattdessen manövriert sich der Fahrer rückwärts auf dem Seitenstreifen unter einen hohen Baum, stellt den Motor ab und schaltet die Innenbeleuchtung ein. Feierabend. Sollten wir vielleicht auch machen. Ein Stück weiter breitet sich oberhalb der Straße ein Maisfeld aus. Wir verzichten darauf, unser Zelt aufzubauen, pusten stattdessen bloß die Luftmatratzen auf, kriechen tief in unsere Schlafsäcke und hoffen, dass wir in der Nacht keinen ungebetenen Besuch von Wildschweinen kriegen oder der Bauer im Morgengrauen über sein Feld patrouilliert und mit der Schrotflinte auf alles ballert, was hier nicht hingehört. „He!“ tönt es plötzlich durch die Nacht. „Ihr seid völlig umstellt. Versucht nicht, zu fliehen. Wir sind entschlossen und schießen.“ Und kaum sind die Worte gefallen, da tauchen überall aus dem Dunkeln Männer hervor, die ein Gewehr tragen. Andere eine Fackel. Und jetzt werden diese Fackeln angezündet. Der Ring um sie ist geschlossen.


Auch am Donnerstagmorgen haben wir mit dem Trampen kein Glück. Nach dreistündigem Marsch erreichen wir endlich den Bahnhof von Rue. Wir lösen zwei Fahrkarten nach Paris mit Umstieg in Amiens und vertreiben uns die Zeit bis zur Abfahrt mit Biertrinken und Flippern.


Am Gare du Nord tauschen wir jeder hundert Mark gegen 167 Francs und kaufen uns ein Zehnerticket für die Metro. Auf dem Übersichtsplan erscheint der Bois de Boulogne als riesiger grüner Fleck. Die nächstgelegene Station scheint Pont de Neuilly zu sein, Endpunkt der Linie 1. Vor Jahren habe ich in der „Bravo“ gelesen, dass Pierre Brice in Neuilly wohnt. Bestimmt sieht er ohne Langhaarperücke und Indianerkostüm wie ein Geschäftsmann aus. Werde ich ihn trotzdem erkennen, falls er uns über den Weg läuft? Diese Frage beschäftigt mich noch, als wir die letzten Häuser von Neuilly längst im Rücken haben und von einem Park immer noch nichts zu sehen ist, erst recht nicht von einem Campingplatz im Park. Wenigstens entdecken wir ein Hinweisschild zum Terrain de Camping, aber bis wir endlich vor der Schranke stehen, die den Haupteingang markiert, dauert es eine weitere halbe Stunde. Direkt am Seineufer, wo eine ganze Reihe von Zweimann-Zelten steht, finden wir einen geeigneten Platz. Zum Essen gehen wir in das Schnellrestaurant, das zum Campingplatz gehört. Ein Omelett kostet stolze achtzehn Francs, aber wir sind zu erschöpft, um uns darüber aufzuregen. Im Supermarkt nebenan kaufen wir eine Literflasche Rotwein, saufen sie zu zwei Dritteln leer und hauen uns dann aufs Ohr.


Am Freitag fahren wir mit dem Pendelbus zur Metrostation und mit der Linie 1 zum Louvre, wo wir uns auf die Spuren von Belphegor begeben. Planlos laufen wir durch die Abteilungen, immer auf der Suche nach den Mumien. Aber es sind keine da. Bloß die Venus von Milo, die in der Serie auch vorkam und von einem geilen Wärter mit einem nassen Wischlappen intensiv gereinigt wurde. Bestimmt war es nur eine billige Gipskopie.

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