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Moskau erwartet uns mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um zehn Grad, aber die verharschten Schneehaufen überall verraten, dass es erst neulich noch kräftig geschneit haben muss.


Als der Bus vom Flughafen endlich vor unserem Hotel hält, ist es bereits stockdunkel. Die Gostiniza Tourist ist ein fünfstöckiger roter Backsteinbau, der von außen aussieht wie eine Kaserne. An der Rezeption werden wir mit Hilfe unserer russischen Reiseleiterin, die sich als Luzi vorgestellt hat, auf die einzelnen Zimmer verteilt. Alle haben den gleichen kleinen Schreibtisch, auf dem ein Aschenbecher, ein schwarzes Telefon und ein gleichfarbiger Radioempfänger stehen, und in jedem Zimmer gibt es ein weißgekacheltes Badekämmerchen mit WC und Dusche, deren Armatur gleichzeitig das Waschbecken versorgt.


Abendbrot gibt es drei Treppen tiefer in der Kantine im ersten Stock. Wir müssen zu Fuß gehen, denn der Aufzug ist außer Betrieb, wie ein Schild signalisiert, das man sogar ohne Russischkenntnisse versteht.


Vor dem Speisesaal sitzt einsam und allein eine alte Frau mit Schürze und Kopftuch, die Hände im Schoß.


Eine дежурныая, flüstert Künzel, ich lieg im Öl!


Ich halte ihn am Arm zurück. Was ist das?


Na ja... Wie der Name schon sagt... Deschurnaja.


Laber nicht rum, worauf wartet die?


Die wartet doch nicht, kichert Künzel, das ist die die Wachhabende. Die passt hier auf.


Dieses Hutzelweib? Und worauf? Dass hier keine Nazis essen gehen? Dass es keine Schlägerei im Speisesaal gibt?


Keine Ahnung. Iss‘ halt so. Diese Großmütterchen sitzen auf jeder Etage als Aufsicht. Das sind Arbeitsplätze.


Schnell stellt sich heraus, dass man sich das Essen an der Theke holen muss, wo es verborgen ruht in dampfenden Kesseln, und das einzige, das man sich aussuchen kann, ist die Zahl der Portionen. Eine gute Gelegenheit, meine Sprachkenntnisse anzuwenden. Also sage ich an der ersten Station adin und an der zweiten dwa und lasse mir an der dritten eine Art Brötchen geben: Da, spasibo.

Als wir dann unserem Essen mit Messer und Gabel zu Leibe rücken, stellt sich heraus, dass die Würstchen mit einer zähen, groben Masse gefüllt sind und das Kartoffelpüree auch als Tapetenkleister gute Dienste tun würde. Sogar das Brötchen macht keine Freude, denn es zerbröselt beim Aufschneiden, was meinen Appetit auf null zurückfährt. Auch Robert und Künzel geben den Versuch, etwas zu essen, nach ein paar Bissen auf. Aber anstatt wie wir den Teller angewidert von sich zu schieben, stochert Robert kichernd in seinem Essen herum. Knor-pel-würst-chen, Kar-toffel-bapp, gluckst er eins ums andere Mal vor sich hin, ehe ihm ein Lachanfall Tränen in die Augen treibt und endgültig die Sprache verschlägt. Alles sichere Anzeichen von Schlafmangel.


Auf dem Rückweg legen wir vor Weißenfels‘ Zimmer einen kurzen Halt ein. Bestimmt liegt er schon im Bett, von der langen Reise erschöpft. Vor allem von der nächtlichen Zugfahrt, zu der wir ihn per Abstimmung gezwungen haben. Robert möchte ihn gern noch ein bisschen quälen, setzt seine Nosferatu-Grimasse auf und fährt mit den Fingernägeln ein paar Mal über die Zimmertür. Ich will mich mit einem beidhändigen Fingerstakkato beteiligen, aber Künzel ist dagegen, weil er Weißenfels in Russisch hat.


So lasst den armen Mann doch schlafen, schimpft er und schiebt, zum ungefähr hundertsten Mal heute, mit dem Zeigefinger seine lila Hornbrille mit den schweren dicken Gläsern zurück Richtung Nasenwurzel. Und schon bugsiert er uns, wie eine Pute ihre Küken, mit ausgebreiteten Armen Richtung Treppenhaus.

 

 

Zum Frühstück gibt es Nudeln mit Fleischsoße. Das Hotel geht anscheinend von einem hohen Kalorienbedarf seiner Gäste aus. Danach besuchen wir die All-Unions-Ausstellung der Volkswirtschaftlichen Errungenschaften der UdSSR am Mira-Prospekt. Arthur ist als einziger ohne Jacke oder Mantel unterwegs. Vermutlich denkt er sich, wenn seine Mutter ihn schon mal mit einem anständigen Pullover aus einem Fachgeschäft ausstattet, muss er ihn nicht unter einem schäbigen Parka verstecken. Dabei ist es ganz egal, ob er eine Bluejeans von Levi’s trägt oder eine kackbraune Kunstfaserhose von Aldi: An seinem Körper gewinnt noch der primitivste Fetzen an Wert. Er hat es eben drauf, das muss man neidlos anerkennen, und ich bin glücklich, dass wir Freunde sind.


Nicht, dass ich mich über seinen Erfolg bei den Frauen wundern würde. Muskulöse Schultern und Arme (Ferienjob im Imprägnierwerk!). Fremdländische Gesichtszüge, durch ausgeprägte Wangenknochen und schulterlanges, tiefdunkelbraunes Haar indianisch anmutend. Scharf geschnittener Mund. Haselnussbraune Augen unter langen Brauen, so schwarz und schnurgerade, als wären sie mit Kohlestift und Lineal gezogen. Und außerdem Besitzer eines Mercedes 180, 16 Jahre alt, handgemalte Aufschrift: Bis dass der TÜV uns scheidet. Aber dass dieser Erfolg so total ist, so auf der ganzen Linie… Das ist schon ein bisschen mysteriös. Arthur kann es sich selbst nicht genau erklären. Er meint, wahrscheinlich hätte es was mit dem Geruch zu tun. Natürlich wollte ich wissen: Geruch nach was? Unterarmschweiß, hat er gemeint. Da seien Lockstoffe drin, das sei medizinisch erwiesen. Man darf nur nicht stinken wie ein Schwein.


Hier und jetzt, in der schwefeldioxidgeschwängerten kalten Moskauer Frühlingsluft, kann Arthur seine Vorzüge ausnahmsweise nicht zur Geltung bringen. Nicht er, sondern Tobby in seinem Kordsamtblazer erregt vor dem Brunnen der Völkerfreundschaft die Aufmerksamkeit einer russischen Mädchenklasse. Wahrscheinlich halten sie ihn für einen westlichen Popstar, der sich hinter seiner verspiegelten Sonnenbrille versteckt, für Jim Morrison, dessen Tod sich bestimmt noch nicht bis nach Kirgisien oder in die Mongolei herumgesprochen hat. Auch ohne ausdrückliche Aufforderung tut Tobby ihnen den Gefallen: nimmt seine blau getönte Brille im Pilotenstil ab, fährt sich durch die langen rotblonden Locken und wendet sein Gesicht zum Himmel, um es in der Moskauer Märzsonne zu baden.


Danach Stadtrundfahrt in Begleitung unserer Reiseleiterin mit Erläuterungen zur Stadtgeschichte. Als Luzi ihr Mikrofon mal beiseitelegt, versuche ich, sie mit einem brisanten Namen zu schocken: Rasputin. Doch Luzi tut so, als sei der Mönch mit den übernatürlichen Kräften ein völlig unbedeutender Mann gewesen.


Okay, dann versuche ich es eben mit Stalin. Auch so eine Unperson. Bevor sie behaupten kann, dass sich im heutigen Russland kein Mensch mehr für ihn interessiert, erinnere ich Luzi daran, dass er immerhin neben Lenin im Mausoleum liegt. Stimmt nicht, sagt sie, er hat ein ganz normales Grab an der Kremlmauer, und greift wieder zu ihrem Mikrofon.


Und dort, das große Gebäude am Ufer der Moskva, ist das Hotel Rossija, das größte Hotel Europas. Raten Sie mal, wie viele Zimmer es dort gibt.


Womit sie natürlich wieder die Aufmerksamkeit des ganzen Reisebusses auf ihrer Seite hat. Des Rätsels Lösung lautet dreitausend. Da wäre doch sicher auch Platz für uns gewesen. Stattdessen sind wir in einer Gostiniza untergebracht, und Gostiniza heißt Gästehaus.


Als wir am Abend wieder zurück sind und aufs Zimmer gehen wollen, um die eingekauften Getränke auszupacken, Wodka und Krimsekt, bemerken Richie und ich schräg gegenüber zwei Mädchen, die sich an der Tür von Zimmer 535 zu schaffen machen. Offenbar kommen sie mit ihrem Schlüssel nicht zurecht. Bereitwillig nehmen sie unser Hilfeangebot an.


Zu seiner Verblüffung muss Richie feststellen, dass hier mit Kraft nichts zu machen ist. Erst meine vorsichtige Fummelei bei gleichzeitigem Ziehen statt Drücken führt zum Erfolg. Sesam öffne dich, fällt mir gerade noch rechtzeitig ein, um für das Wunder die angemessenen Worte zu finden. Die beiden Mädchen bedanken sich artig mit Handschlag, was wir benutzen, um ihnen unsere Namen in Verbindung mit unseren Zimmernummern einzutrichtern, woraufhin sie gar nicht anders können, als uns auch ihre Namen zu verraten, Isolde und Andrea. Sie kommen aus Gummersbach und sind ebenfalls auf Klassenfahrt. Als ich daraufhin mit der Nennung von Hansi Schmidt und Heiner Brand meine Verbundenheit mit der Stadt signalisiere, findet das erwartungsgemäß ihre Anerkennung. Es kann ja gar nicht anders sein, als dass ich bei den beiden jetzt einen Stein im Brett habe.

 

Dröhnende Marschmusik wirft mich aus dem Bett. Es ist stockfinster, und ich kapiere erstmal gar nichts. In meinem wodkaumnebelten Gehirn wabert das Bild eines Platzkonzerts, nicht vor dem Hotel, sondern mitten in unserem Zimmer. Ein ganzer Trupp russischer Musiker muss sich heimlich ins Zimmer geschlichen haben, Blechbläser, Pauken und ein Männerchor. Ich wälze mich aus dem Bett und torkle auf den Lichtschalter zu, den ich neben der Tür vermute.


Flackernd schaltet sich die Deckenleuchte ein. Blinzelnd erkenne ich, dass wir immer noch allein im Zimmer sind. Kein Blasorchester weit und breit. Aber der Höllenlärm hält an. Die Musik muss von woanders herkommen. Es ist die russische Nationalhymne. Vielleicht ist heute ein Feiertag, und im Hof wird ein Platzkonzert veranstaltet. Benommen und halbblind schwanke ich zum Fenster, wo ich mit Robert zusammenstoße, der die gleiche Idee hat.


Was is’n das für ’ne Scheiße, brüllt er gegen die Musik an und reißt den Vorhang zur Seite.


Schon habe ich den korkenzieherförmigen Griff der Fensterverriegelung gepackt, als uns Künzel von hinten empört anschreit.


Was macht ihr denn da am Fenster? Das kommt doch nicht von draußen!


Halb aufgerichtet liegt er im Bett und schirmt seine ultrakurzsichtigen Augen gegen das Neonlicht ab.


Verständnislos glotze ich Robert an.


Seid ihr doof? Das ist das Radio! Zieht den Stecker raus und gut is!


Und schon dreht er sich wieder auf den Bauch, die Decke über den Kopf gezogen.


Das Radio steht genau vor uns, auf dem Schreibtisch vor dem Fenster. Ich taste nach dem Lautstärkeregler und drehe ihn nach links bis zum Anschlag. Endlich wieder Stille.


Danke, grummelt Künzel in sein Kopfkissen. Und jetzt bitte Licht aus. Ich brauch meinen Schönheitsschlaf.


Danach noch ein paar halberstickte Geräusche und albernes Gekicher.


Also das Radio. Hat es sich von alleine eingeschaltet? Ist das der Weckruf des Hotels für die Gäste? Nein, wir sind selbst schuld, weil wir bis halb drei Uhr morgens Skat um unsere Einkäufe gespielt und dabei volle Pulle das Radio laufen gelassen haben. Um Mitternacht war wahrscheinlich Sendeschluss, was wir mit unseren zugesoffenen Köpfen aber nicht mitkriegten. Keiner hatte daran gedacht, das Radio auszuschalten, und deshalb plärrte es um Punkt fünf Uhr mit maximaler Lautstärke los, um die russische Arbeiter- und Bauernmacht zur Arbeit zu rufen.


Nach nur drei weiteren Stunden Schlaf wälzen wir uns aus dem Bett, machen uns fertig und gehen frühstücken. Ein Happen Kartoffelbrei mit Knorpelwürstchen gefällig? Danke, nicht auf nüchternen Magen.

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