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Chris Nickel aus der Oberprima braucht Statisten für seinen Autorenfilm über soziale Ungerechtigkeit und fragt mich, ob ich am Samstag nach der Schule mit in den Reuschenberger Busch kommen kann. Die meisten Aufnahmen sind schon im Kasten; was noch fehlt, sind ein paar Massenszenen, wo ausgemergelte Feldarbeiter mit der Peitsche zu besserer Leistung angetrieben werden. Ich soll die ältesten Klamotten mitbringen, die ich habe, gerne auch schon kaputt, und bloß nichts Modisches, weil sein Film eine zeitlose politische Parabel ist, im Stil von Buñuel.


Du kennst doch Buñuel?


Klar. „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“.


Nee, das ist kommerzieller Scheiß...


„Ein andalusischer Hund“.


Nee, auch nicht wie die ganz frühen. Sondern wie die aus seinen mittleren Jahren. Zum Beispiel „El Bruto, der Starke“.


Ich zucke mit den Schultern.


Nee? Ja, die kennt hier kaum einer. Das sind aber die besten. Viel besser als Schlöndorff. Buñuel zeigt das Alltägliche. Eine ganz simple Geschichte: Hier der Hausbesitzer, da die Mieter, die mit roher Gewalt vertrieben werden. Und mittendrin El Bruto, der sich entscheiden muss, auf welcher Seite er steht. Auf der Seite des Ausbeuters? Oder auf der Seite der Unterdrückten? Das ist die Frage, die sich jeder stellen muss. Und genau das ist das Thema unseres Films. Aber kein Agitprop, verstehste? Sondern indirekte Agitation. Das Publikum soll sich hinterher fragen: Wie hätte ich mich wohl verhalten?


Wieder verständnisvolles Nicken meinerseits, und damit bin ich engagiert. Meine Aufgabe im Film wird sein, zusammen mit anderen Feldarbeitern ein bisschen herumzuhacken und dann zusammenzubrechen und wie tot liegen zu bleiben. Alles andere macht Nickel über den Schnitt.


Weil es arschkalt ist, sind es ziemlich wenig Leute, die sich am Samstagmittag im kleinen Wäldchen zwischen Pomona und Autobahn treffen. Für die Massenszene müssen deshalb auch Kalle und Birgit Heftrich vorübergehend ausgebeutete Landarbeiter mimen. Durchlöcherte Kartoffelsäcke über ihren kostbaren Gewändern und schäbige Kopfbedeckungen werden verhindern, dass irgendein Schlaumeier sie als das Tyrannenpaar identifiziert.


Für die Maske ist Nickels Freundin Gus zuständig. Eigentlich gehört sie mit ihrer Bronchitis ins Bett, aber das letzte, woran Chris Nickel denkt, ist die Gesundheit seiner Darsteller. Die Bronchitis hat sie sich als genotzüchtigte Bauerntochter im Lumpenkostüm geholt. Weil sich kein passender Drehort mit historischen Möbeln fand, musste die Vergewaltigung draußen stattfinden. Draußen lag Schnee, und seitdem hustet sie in einer Tour.


Gus schminkt uns bleich und blutig, und als ich an der Reihe bin und sie mein Kinn in die Hand nimmt, um meine Augenhöhlen dunkel auszumalen, fällt ihr nichts anderes ein als festzustellen, dass ich aber noch sehr jung bin für einen Feldarbeiter. Okay, öhö-chrr, korrigiert sie sich, damals gab es natürlich Kinderarbeit.


Übrigens bin ich siebzehn, ja?, protestierte ich kämpferisch, weil ich das nicht auf mir sitzen lassen will.


So, siebzehn, röchelt Gus schwindsüchtig und wühlt im Klamottenkoffer, für den anscheinend mehrere Vogelscheuchen das Material geliefert haben. Hoffentlich muss ich jetzt nicht meinen Pullover ausziehen und den Blick auf meinen fleckigen Hals freigeben. Zum Glück drapiert mich Gus nur zusätzlich mit einer zerlöcherten Strickweste und einem Strohhut, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Anschließend drückt Chris Nickel jedem von uns ein langstieliges Gartengerät in die Hand, das nicht gerade sehr historisch aussieht, und dann schickt er uns für die Totale auf einen frisch eingesäten Acker, auf dem wir ein bisschen herumhacken oder -graben sollen. Zwischen uns patrouilliert Wolle Müsch und schwingt wie angekündigt die Peitsche.


Nach der Totalen gibt es Großaufnahmen von schwer schuftenden, sich atemlos den Schweiß von der Stirn wischenden oder fast zusammenbrechenden Landarbeitern, und als ich an der Reihe bin, sinke ich wie verlangt zu Boden und tue keinen Mucks mehr, auch nicht, als mich Wolle Müsch mit dem Cowboystiefel in den Hintern tritt, meiner Ansicht nach sogar kräftiger, als es nötig gewesen wäre. Mein Auspeitschen wird mit subjektiver Kamera gedreht, das heißt, Wolle drischt auf die Kamera ein, wofür sich Chris Nickel aber unter ein Stück Wellblech legt.


Danach Auftritt des Landesherrn samt Gattin. Kalle mit seinem fuchsroten Kinnbart sieht aus wie King John im „Robin Hood“-Film, und Birgit Heftrich macht einen auf Lady Macbeth. Bei uns Untertanen löst ihr Erscheinen jedoch keine Rebellion aus, sondern mobilisiert im Gegenteil letzte Kraftreserven. Statt unsere Ausbeuter am nächsten Baum aufzuhängen, werfen wir uns (ich jetzt in Parka und auf links gedrehter Pudelmütze) demütig vor ihnen zu Boden, und damit wir danach schnell wieder hochkommen, lässt Wolle Müsch ein bisschen seine Peitsche knallen. Erst als die Sonne tief über den Häusern an der Bergheimer Straße steht, verkündet Chris Nickel Drehschluss.


Ich bin froh, endlich wieder meine normalen Klamotten anziehen zu können. Ohne mich abzuschminken, schwinge ich mich auf mein Mofa und fahre über Selikum nach Hause.

An der Bushaltestelle gegenüber von der Deutschen Bank steht ein beiger Mercedes mit halb geöffneter Beifahrertür. Gerade will ich in unsere Hauseinfahrt einbiegen, da steigt Mama aus dem Wagen. Ich halte an, um Hallo zu sagen, und dann sehe ich, dass Frau Ingenfeld, eingehüllt in einen kuscheligen Mantel mit Pelzkragen und mit Ohrringen groß wie Zweimarkstücke, hinter dem Steuer sitzt. Vor ihrem Busen baumelt eine Brille mit halben Gläsern, deren Bügel an einer Kette um ihren Hals befestigt sind. Wahrscheinlich kommen sie gerade von der Zeugniskonferenz. Als ich meinen Kopf auf ihre Höhe bringe, fährt Frau Ingenfeld erschrocken zurück.


Mein Gott, Jakob – Was ist passiert?


Wie?


Du blutest ja... Hattest du einen Unfall?


Sie zupft Finger für Finger den Handschuh von der rechten Hand herunter und reicht sie mir durch das Seitenfenster.


Ach so, antworte ich, und drücke ihr vorsichtig die Hand, an deren Ende ein goldener Armreif schaukelt. Nö, das ist nur Schminke. Wir haben gerade einen Film gedreht.


Das muss aber ein sehr brutaler Film sein... Wenn man dich so zugerichtet hat.


Ja, es sollte eben echt aussehen. Eigentlich bin ich tot. Und ausgepeitscht worden bin ich auch.


Jakobs Freunde denken sich die unmöglichsten Sachen aus, mischt sich jetzt Mama ein. Anscheinend gefällt ihr nicht, dass ihre Chefin mitkriegt, was ich so in meiner Freizeit treibe. Klar, als wir uns das letzte Mal sahen, war ich noch ein braver Junge mit langem Fassonschnitt und saß auf ihrem Schoß. Ewigkeiten ist das her.



Heute hat uns Arthur zum Geburtstag eingeladen. Nicht nach der Schule und zu sich nach Hause, sondern in der Freistunde nach der Dritten, und zu seinem Namensvetter in der Neustraße, der Kneipe mit dem unwirschen Kellner, der uns nur duldet, solange unser Glas noch ungefähr halbvoll ist. In Anbetracht von Arthurs Sparsamkeit ist die Einladung schon etwas Besonderes. Die Sache hat allerdings einen Haken: Es wird nur Schnaps serviert. Das lässt den Kreis der Interessenten stark schrumpfen. Für Arthur ist die Sache sonnenklar: Mit Schnaps kommt man einfach schneller ans Ziel. Das ist effektiver und deshalb billiger.


Nach der siebten Runde Korn schlägt Arthur vor, über Pfingsten gemeinsam nach Robertville zu fahren, ein winziges Kaff hinter der belgischen Grenze, wo er einen superbilligen Campingplatz kennt. Er will sogar zwei große Zelte zur Verfügung stellen, die sich bereits in mehreren Jugoslawien-Urlauben bewährt haben. Der Vorschlag wird allseits lautstark begrüßt, was mit einer weiteren Runde Korn gefeiert wird. Und wie sieht es mit der Verpflegung aus? Arthur rät, Proviant mitzunehmen, aber kein Campinggeschirr, weil er seine Kochausrüstung zuhause lässt. Er meint, die paar Tage können wir mal auf warmes Essen verzichten und uns mit Brot und Marmelade begnügen, was außerdem viel billiger ist. Niemand zweifelt an der Wahrheit dieser Aussage. Arthur ist zufrieden. Arthur, ruft er seinem Namensvetter zu, bringst du noch eine Runde?


Danach schwanken wir zum Schwann zurück. Stockbesoffen wie ich bin, folge ich Dagny aufs Damenklo, obwohl ich gar nicht muss. Leider ist die vierte Stunde noch nicht zu Ende, sonst hätte ich dort sicher noch andere Mädchen getroffen.


Anschließend Deutsch bei Bahlow. Heute setze ich mich mal auf den freien Platz neben Willy Brandt, dann bin ich schneller an der Tür, falls ich kotzen muss. Der Stuhl neben Stöpsel bleibt also leer, und prompt denkt Bahlow, ich mache mal wieder blau. Wütender Protest meinerseits. Bahlow wundert sich, sagt aber nichts. Willy grinst. Ich grinse zurück.


Thema heute: Politische Lyrik. Ich beschließe, aufgrund des wichtigen Themas die gesamte Stunde möglichst wörtlich zu protokollieren. Aus Versehen landet mein Ringbuch geräuschvoll auf dem Pult, was Bahlow auf sich bezieht, denn er dreht sich zu mir um. Zu Unrecht! brülle ich in seine Richtung, was ihn erneut zusammenzucken lässt. Dann muss ich feststellen, dass mein Kugelschreiber die Arbeit verweigert.


Hast du mal?


Bereitwillig tritt mir Willy einen angeknabberten Bleistift ab. Es geht um einen Text von Franz-Josef Degenhardt. Das ist mein Mann, verkünde ich gegenüber Willy und zähle über die lippenlähmende Wirkung der acht Schnäpse hinweg ungefähr zehn bis zwölf Lieder von ihm auf, die ich auswendig kann.


Mensch Thalrand, halt doch mal die Schnauze!


Das war Fürmanns Stimme. Die ruckartige Drehung zu ihm hin löst ein leichtes Schwindelgefühl bei mir aus. Trotzdem schleudere ich ihm einen wütenden Fluch entgegen, woraufhin er versucht, mit seinen Spargelbeinen hinter Willys Rücken gegen meinen Stuhl zu treten, was ihm aber nicht gelingt, weil ich seitlich ausweiche.


Bahlow liest aus einem Interview mit Degenhardt vor. Die Arbeiterklasse hat kritisches Bewusstsein genug. Es gilt, Situationen zu schaffen, in denen dieses Bewusstsein zur materiellen Gewalt wird. Die Sätze wabern an mir vorbei, aber es gelingt mir nicht, sie zu verschriftlichen, weil mir meine Finger nicht gehorchen. Die Buchstaben ähneln der endlosen Folge von ms, aus denen die Abenteuergeschichten bestanden, die ich in Freudenstadt auf dem roten Wollteppich schrieb. Es ist klüger, sich auf Stichworte zu beschränken.


E-n-g-a-v-a-m-p-i-r-e-n. Kein Zweifel, das habe ich gerade geschrieben. Oder vielmehr meine Hand. Was könnte das bedeuten? Schon das Fragezeichen steht meinen Gedanken im Weg.


Kaum habe ich die Buchstabenfolge aufs Papier gebracht, muss mein gelähmtes Gehirn unter höchster Anstrengung neue Informationen verarbeiten. Die DDR hat ihre Straftatbestände angepasst. Ja, und i hob a Raucherbein. N-e-u-e S-t-r-a-f-b-e-s-t-ä-n-d-e. S-t-r-a-f-t-a-t-b-e-s-t-ä-n-d-e muss es heißen, verdammt.


Auf einmal wird mir bewusst, dass ich ununterbrochen auf die nackten Beine von Ulrike Reuling starre, die mir genau gegenübersitzt. Während ich mehr oder weniger unter der Bank liege. Wie spät ist es? Warum will ich das wissen? Wollte ich nicht alles protokollieren? Aber warum? Niemand wird diese Scheiße je lesen. Nicht einmal ich kann diese Sauklaue entziffern. E-x-e-k-u-t-i-e-r-e-n. Wie im Fall von Sacco und Vanzetti. Sakko & Wanzetti. Herrenmode aus 2. Hand. Ein Hammerlied von Degenhardt! Stimmts, Willy? Was?


Leider interessiert sich Willy nicht für deutsche Liedermacher. Wahrscheinlich kann er nicht darüber hinwegsehen, dass Degenhardt auch ein Lied gegen unpolitische Kiffer geschrieben hat. Quizfrage: Wie heißt die gleichnamige LP?


Zwischen Dressler und Stöpsel entwickelt sich ein Wortgefecht an der Frage, ob es in der DDR noch die Todesstrafe gibt oder nicht. Um ihnen folgen zu können, muss ich meinen Kopf von links nach rechts und wieder zurück schwenken, was mein Unwohlsein verstärkt. Bahlow erstickt die Diskussion, indem er zur Sachlichkeit auffordert.


Brechflüssigkeit steigt mir in die Kehle. Ich muss mal raus, habe aber Schwierigkeiten, die Tür zu finden.


Nachdem ich gekotzt habe, fühle ich mich gleich besser. Jedenfalls gut genug, um mit dem Mofa nach Hause zu fahren. Solange ich noch keinen Führerschein habe, kann man ihn mir auch nicht wegnehmen. Hinter Gnadental gibt es einen gepflasterten Radfahrweg mit einem grauen Begrenzungsstreifen an der Kante. Wenn ich es schaffe, auf dem Streifen zu fahren, kann ich so besoffen nicht sein. Neben mir brausen die Autos vorbei. Weiter rechts wäre es natürlich sicherer. Aber ich habe es nicht mehr weit bis zu meinem Heimathafen.


Zum Glück ist niemand zu Hause. Ich feuere meine Kampftasche in die Ecke und lasse mich auf mein Bett plumpsen. Gott, was für ein Tag.


Als Papa erfährt, dass wir über Pfingsten nach Belgien fahren, schlägt er sofort in seinen geologischen Büchern nach, ob es in der Nähe nicht Steinbrüche oder alte Bergwerke gibt, wo er mich hinschicken kann. Aus einer alten Schwarte über die Erzlagerstätten der Eifel liest er mir vor, dass sich daselbst, nämlich zwischen Vielsalm und Robertville, in schnell fließenden Bächlein Gold und Platin in abgerundeten Körnchen von mikroskopischer Kleinheit bis zu Gerstenkorngröße finden lassen. Wahrscheinlich sieht er mich im Geist schon bis zum Knie im Fluss stehen und die Goldwaschpfanne schwenken. Das kann er sich abschminken.


Sein Traum vom Silberschatz ist jedenfalls geplatzt. Eine Begutachtung durch Dr. Boscheinen vom Löbbecke-Museum in Düsseldorf hat ergeben, dass es sich bei dem Brocken aus Breiningerberg um gewöhnliche Schlacke aus der Stolberger Bleihütte handelt, womöglich sogar giftig oder radioaktiv.


Chris Nickel lädt alle, die bei seinem Film mitgemacht haben, nach der sechsten Stunde in den Physikhörsaal ein. Es gibt aber kein Freibier als kleines Dankeschön, sondern es soll vor laufender Kamera ein Titel für den Film gesucht werden. Die Diskussion darüber wird Teil des Films werden, quasi als Epilog. Wir sind jetzt nicht mehr ausgebeutete Landarbeiter, sondern wir selbst, und wir dürfen sagen, was wir wollen. Unsere Titelvorschläge sollen an die große Schiebetafel geschrieben werden, wofür ein Freiwilliger gesucht wird, und dieser Freiwillige bin ich.


Es werden nur alberne Titeln wie „Tyrannen-Report“ oder „Wolle Müsch – Unerbittlich bis zum Tod“ genannt, die ich aber trotzdem alle in Großbuchstaben an die Tafel schreibe. Nickel ist sauer, weil die ganze Zeit die Kamera gelaufen ist und drei Minuten Film fast zehn Mark kosten; für’n Arsch, wie er meint.


Nochmal, damit ihr das kapiert, sagt er, während er eine neue Kassette einlegt: Dieser Film ist ein politisches Statement, Punkt. Indem er nämlich die Frage aufwirft, warum sich die Unterdrückten nicht gegen ihre Ausbeuter erheben. Wozu sie aufgrund ihrer Überzahl ja in der Lage wären. Wenn der Film aus ist und das Licht im Kino wieder angeht –


Was für ’n Kino? Gloria-Palast?


– Sollen die Zuschauer nicht zufrieden sein und dankbar für gute Unterhaltung. Aber auch nicht frustriert. Sondern wütend.


Über den Scheißfilm.


Obwohl er die Zwischenrufer am liebsten alle auf der Stelle erwürgen würde, lässt sich Nickel nichts anmerken.


Und diese Wut, kapiert?, diese revolutionäre Wut, sollen sie mit nach Hause tragen, in die Betriebe, in die Schulen und so weiter. Die Frage soll in ihnen kochen: Warum haben sich diese verdammten Arschlöcher nicht gewehrt?


Schweigen. Auch mir fällt nichts ein. „Rebellen im Reuschenberger Wald – ratlos“ liegt mir auf der Zunge, aber ich kann mich beherrschen. Doch dann meldet sich Kalle zu Wort, der bisher noch keinen Piep gesagt hat, und sofort schaltet Nickel wieder die Kamera ein.


Dann nimm das doch als Titel!, sagt Kalle, der dafür extra aufgestanden ist.


Was?


Na, die Frage. Warum, ihr Arschlöcher und so weiter.


Sofort geht das Rumoren los: Was soll das denn? Das ist doch kein Titel!, und überall genervte Gesichter, die Nickel mit einem Kameraschwenk dankbar einfängt. Danach Großaufnahme Kalle, der jetzt begründen muss, warum das genau der richtige Titel für diesen Film ist. Anschließend muss ich die Tafel sauber wischen und kann mich wieder setzen. Kalle übernimmt die Kamera und filmt Nickel, wie er den Titel schwungvoll an die Tafel schreibt: „Warum habt ihr verdammten Arschlöcher nichts getan?“ lautet er jetzt. Und kaum hat er den Punkt unter das Fragezeichen gesetzt, kommt von mir auch schon der nasse Schwamm angeflogen und klatscht an die Tafel. Weil die Rebellion nämlich auch vor dem Filmemacher nicht Halt macht.


Kalle, eben noch als Tyrann in Chris Nickels Sozialdrama zu sehen, hat inzwischen selbst einen Film gedreht, einen Musikfilm mit Jimmy Fuchs als Darsteller. Die Kamera war eine Leihgabe von Bekannten seiner Eltern; die Musik hat er selbst komponiert und zuhause in seinem Musikkeller à la Paul McCartney auf sämtlichen Instrumenten ganz alleine eingespielt.


Ich habe große Lust, auch einen Film zu drehen. Keinen Ulk und auch nichts Experimentelles, sondern wie Nickel einen Spielfilm mit einer richtigen Geschichte. Am besten mit der ganzen Clique. Filmen ist überhaupt die Kunst der Stunde. Katja Mölders sieht das genauso. Deshalb hat sie mich auch gefragt, ob ich Lust habe, im Sommer mit ihr zusammen zur Berlinale nach Berlin zu fahren und die allerneuesten Filme anzugucken. Nebenbei würden wir uns auch besser kennenlernen.


Das mit dem Besserkennenlernen verstehe ich so, dass es eine Steigerung von dem sein wird, was bisher passiert ist, und allein schon deshalb fahre ich mit. Ich bin sogar geschmeichelt, denn Katja ist zwei Jahre älter und hält die meisten von uns für unterbelichtet, weil sie sich nicht adäquat über Literatur, Kunst und Politik mit ihnen unterhalten kann.


Klar, sage ich zu Katja. Berlinale, Filme, Diskussionen, find ich gut. Ich muss das bloß mit meinen Eltern klären.


Okay. Und dann überleg mal, ob du nicht irgendwelche Leute in Berlin kennst, bei denen wir pennen können.


Ach so.


Ja. Wir müssen ja nicht unbedingt in ’ne Jugendherberge gehen.


Nee. Das is ja langweilig, stimme ich ihr zu. Und außerdem ungemütlich, wegen der Doppelstockbetten, wie soll man sich da näherkommen.


Kenne ich Leute in Berlin? Manni sagt, dass sein Bruder in Kreuzberg in einer WG wohnt, wo ständig fremde Leute auftauchen. Wenn sie mal wieder miteinander telefonieren, will er ihn fragen, ob es mit der Übernachtung klappt. Sein Politologie-Studium hat Wolfgang abgebrochen, weil er das System nicht dadurch unterstützen will, dass er Karriere macht. Außerdem ist er politisch aktiv. Zurzeit arbeitet er beim Bauer-Verlag, wo zum Beispiel „Kicker“ und „Bravo“ erscheinen, aber nicht als Journalist, sondern im Vertrieb. Wenn Ruelen wüsste, dass sein einstiger Lieblingsschüler demnächst den Gabelstaplerschein macht, wäre er sicher schwer enttäuscht. Wolfgangs Eltern sind es garantiert.


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