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Papa und Paul waren gestern wieder in Breiningerberg, um den Silberklumpen auszubuddeln, aber sie haben es auch diesmal nicht geschafft. Er soll mindestens so groß sein wie ein Medizinball. Sie konnten ihn zwar mit der Spitzhacke freilegen, aber selbst mit der Brechstange ließ er sich keinen Zentimeter bewegen. Auch der Versuch, ihn in kleinere Stücke zu zertrümmern, ist erfolglos geblieben. Ein Meißel ist sogar abgebrochen. Es fuchst Papa gewaltig, dass er als ehemaliger Steinmetz versagt hat. Aber Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. Das Trumm muss geborgen werden, bevor es von jemand anders entdeckt wird.


Wegen unserer Abifahrten gibt es heute nach der sechsten Stunde eine Besprechung. Bei der Abstimmung hatte Athen die meisten Anmeldungen erhalten, dicht gefolgt von Moskau und Rom; Prag war abgeschlagen auf Platz vier gelandet. Unsere Clique hat sich fast komplett für die Fahrt nach Moskau entschieden, mit Weißenfels und Morlock und Martinas Schwester Verena als weiblicher Aufsichtsperson.


Papa würde sich für die Reise vermutlich nur interessieren, wenn das Ziel Klondyke wäre, aber Mama sieht die Chance, dadurch vielleicht etwas über das Schicksal ihres Freundes Vadim Pavlovich Andrianov zu erfahren, des russischen Unteroffiziers, der nach dem Krieg in Ludwigslust bei ihrer Mutter einquartiert und ihr Beschützer war. Geburtsdatum: 5.12.1923, der Vater soll Physiker gewesen sein, seine Freundin Musikstudentin. Die letzte Adresse, die sie von ihm hat, lautet Москва 8, Новое шоссе 108. Moskau, Novoe Shosse. Weil ich im Herbst einen Russischkurs an der Volkshochschule belegt habe, könnte ich vielleicht etwas herausbekommen; ein paar auswendiggelernte Sätze hätte ich parat: eine Folge von weichen, dunklen Lauten, und jedes dritte Wort klingt wie Tusch oder Platsch oder Psscht!


Die kyrillische Schrift kann ich problemlos lesen. Überdies ist in so manchem kyrillischen ein deutsches Wort verborgen, für das man keine Übersetzung braucht, zum Beispiel капельмейстер. Davon werden wir wahrscheinlich keinen Gebrauch machen, wohl aber von шницель und форель. Es kann natürlich sein, dass beides schon ausverkauft ist und es nur noch айнтопф gibt und und картофель. Dann halten wir uns eben an Водка und крымское шампанское.


Zum Glück konnte ich Hermann überreden, mit zum Russischkurs zu kommen. Genau wie ich hält er viel von professioneller Reisevorbereitung. Außerdem lockte ihn die Aussicht, dass wir uns hinterher beim Sir in der Bahnstraße mit zwei bis drei Alt und einer Billardpartie belohnen würden, die Viertelstunde zu 50 Pfennig. Wenn Hans-Heinrich bei Laune und seine Schwester in der Küche zugange sei, könnten wir uns sogar Hoffnungen auf einen Teller Gulaschsuppe machen.

Warum Hans-Heinrich den Spitznamen Sir trägt, stellt sich kurz vor Mitternacht heraus, wenn es im Radio, das den ganzen Abend läuft, heißt: This is the British Forces Broadcasting Service in Germany. It’s very nearly midnight and we’ve come to the end of our programmes for today. Good night everyone! Dann dreht er das Radio auf volle Lautstärke und nimmt hinter dem Tresen Aufstellung, weil jetzt die englische Nationalhymne erklingt, der er durch Salutieren Respekt erweist. Denn Hans-Heinrichs Herz schlägt für die Monarchie, und sein sehnlichster Wunsch ist die Rückkehr der Hohenzollern auf ihren angestammten Thron. Dass die Särge von Friedrich dem Großen und seinem Vater gegen Kriegsende in einer gefährlichen Nacht-und-Nebel-Aktion nach Westen geschafft und dadurch gerade noch rechtzeitig vor den anglo-amerikanischen Bomben und den Russen gerettet wurden, gilt ihm als eine der größten Heldentaten der neueren Geschichte, und wenn er davon erzählt, schimmern seine Augen feucht.


Einziger Tagesordnungspunkt heute ist die Frage, ob wir ab Düsseldorf oder ab Ostberlin fliegen. Ich sitze neben Robert, der mir erzählt, dass ihn am Sonntag Frau Clason angerufen hat, um zu erfahren, was wir mit ihrem Jürgen angestellt hätten. Stockbesoffen sei er um Viertel vor eins nach Hause gekommen und habe partout nicht ins Bett gehen wollen. Erst habe er sich im Keller verkrochen, später sei er im Wohnzimmer halbnackt auf den Aquariumsschrank geklettert, um sich da zu entleeren. Sie habe es gerade noch verhindern können. Jetzt liege er immer noch im Bett und könne sich an nichts mehr erinnern.


Wenn es nach Weißenfels geht, wählen wir die bequeme Variante und fliegen am Sonntagmorgen. Wenn es nach uns geht, fahren wir am Samstag mit dem Nachtzug bis Berlin und sparen dadurch über hundert Mark. Die Abstimmung fällt klar zu unseren Gunsten aus. Weißenfels ist sauer, kann aber nichts machen, denn das ist Demokratie.


Hinterher nimmt Richie Robert und mich beiseite, schnorrt bei uns Tabak und Blättchen und erzählt, während er sich eine unförmige Zigarette dreht, dass ihn gestern Abend im Sassafras ein Künstler angesprochen hat, der für seine Aktionen Hilfskräfte sucht, meistens am Wochenende, in Düsseldorf und auswärts, Stundenlohn 10 Mark.


Ist der Typ schwul?


Woher soll ich das wissen? Er braucht drei Leute. Nächsten Sonntag findet ein erstes Treffen in Oberkassel statt. Da werden die Termine bekannt gegeben.


Richie fischt eine Visitenkarte aus seiner Jackentasche und reicht sie mir. Sie ist schwarz und mit weißer Schrift bedruckt. For more fun and recreation take Babbelplast® products steht auf der einen Seite, auf der andern:


s.p.a.c.e.

systems for the productions of air and communication environments

contact: klaus göhling, düsseldorfer strasse 19, 4000 düsseldorf-oberkassel, p.o.box 325, phone 578957


Robert und ich finden es sehr nett, dass Richie an uns gedacht hat. Er weiß, dass wir die Knete dringend nötig haben. Außerdem sind wir mit Ritzow schon in diversen Ausstellungen gewesen. Das ist sicher ein Vorteil, wenn es um moderne Kunst geht.


Was ist? sagt Richie und steckt sich bedächtig das dünne Papierröhrchen, aus dem vorne Tabakfasern heraushängen, zwischen die Lippen. Macht ihr mit?


Also ich hab Lust. Und du?


Ich auch.



Düsseldorfer Straße 19 ist eine freistehende Villa schräg gegenüber vom Sassafras. Nachdem Robert zum zweiten Mal auf die altmodische Klingel gedrückt hat, wird die Tür geöffnet. Dahinter steht eine Frau in einem Jeansanzug, die wegen ihrer langen braunen Haare ein bisschen wie Katja Ebstein aussieht. Noch bevor Richie sagen kann, dass wir zu Herrn Göhling wollen, begrüßt sie uns als Die Jungs aus dem Sassafras und lässt uns eintreten. Sie führt uns in eine Art Sprechzimmer mit merkwürdigen Sitzgelegenheiten und sagt, dass wir hier warten sollen: Der Göhling kommt gleich. Große Schwarzweiß-Fotografien hängen an den Wänden, mit Stecknadeln festgesteckt: Jugendliche, die barfuß auf einem achteckigen Riesenkissen herumhüpfen; andere Jugendliche, die auf einer Art Schlauchboot herumhängen, aber das Schlauchboot steht auf einer Wiese; Kinder und Erwachsene, die auf einer riesigen Plastikwurst reiten; eine Familie samt Oma, die auf einer Bank picknickt, und die Bank besteht aus Luftkissen in Wurstform. Dazwischen ein gerahmter Zettel, auf dem in einer eckigen Handschrift geschrieben steht: Das Stattfindende ist die Artikulation der Kommunikation. Den Satz muss ich mir merken.


Richie fläzt sich sofort in einen durchsichtigen Plastiksessel und wippt ein bisschen auf und ab, Robert und ich lassen uns auf einen großen Knautschsack fallen, der sich wie weicher Sand in jeder Lage unseren Körperformen anpasst, weil er bis in die Ecken mit kleinen weichen Kügelchen gefüllt ist. Auf einem Beistelltisch liegen Magazine und Comics, „Fritz the Cat“, „Barbarella“, eine versaute Version von „Blondie und Dankwart“, in dem Blondie einem Botenjungen, der ihr gerade ein Paket übergeben hat, in den Schritt greift, seinen Penis bewundernd in der Hand hält und danach sogar in den Mund nimmt, woraufhin der Junge in Panik die Flucht ergreift. Obwohl ich gern noch ein bisschen in den Heften herumgeblättert hätte, muss ich mich losreißen, weil Herr Göhling auf der Bildfläche erscheint, in einer orangenen Latzhose. Schwul sieht er nicht aus und auch nicht alt, hat aber vorne schon keine Haare mehr und den Rest hinten zu einem Zopf gebunden. Er gibt uns der Reihe nach die Hand und stellt sich als Klaus vor, woraus wir schließen, dass wir ihn duzen sollen.


Er führt uns eine Treppe tiefer in sein Büro, dessen eine Seite komplett von einer nierenförmigen weißen Schreibtischplatte eingenommen wird, die auf zwei Metallfüßen ruht. Durch ein großes Fenster kann man in den ziemlich verwilderten Garten sehen. Metallregale bis in Brusthöhe, vollgestopft mit Papier. Weiteres Papier überflutet den Fußboden, dazwischen Inseln mit Katalog- und Zeitschriftenstapeln. An den Wänden hängen Plakate von der Olympiade in München, vom Altstadtfest in Hannover, von communication ’70 in Rotterdam und von der Kölner Oper. Wir setzen uns auf Klappstühle, die um einen fleckigen Tapeziertisch herum stehen. Auf einem Metallstövchen köchelt eine Keramik-Teekanne vor sich hin, in einem gelben Ricard-Aschenbecher liegen ein paar abgeknickte filterlose Kippen.


Göhling schiebt sich hinter seinen Schreibtisch und blättert in einem Leitzordner herum. Er sagt, dass in den nächsten Monaten einige Aktionen mit Babbelplast anstehen und nennt ein paar Termine. Weil er von uns dreien der älteste ist und Göhling ein bisschen länger kennt als wir andern, meldet sich Richie als erster zu Wort.


Vielleicht kannst du nochmal erklären, was Babbelplast genau ist, Klaus. Ich mein, weil Robert und Jakob ja nicht dabei waren im Sassafras.


Ach so, ja. Also ihr müsst euch das vorstellen wie riesige Luftblasen, durchsichtig.


Aus Plastik?


Polyvinylchlorid, PVC. Es gibt Kugeln, Zylinder und Kissen. Die werden maschinell aufgeblasen. Und für den Auf- und Abbau brauchen wir Hilfskräfte.


Die Stichworte Plastik und Kissen animieren mich, mit meinem in zahlreichen Ausstellungsbesuchen unseres Kunstkurses erworbenen Wissen zu protzen, auch wenn ich damit vermutlich Roberts Widerspruch provoziere, der dem holländischen Künstler nichts abgewinnen kann.


So wie die soft sculptures von Claes Oldenburg?


Doch nicht wie der dämliche Oldenburg, blökt Robert prompt in meine Richtung. Hast du die Fotos oben nicht gesehen? Auf den Sachen vom Klaus kann man sitzen! Stimmt doch, oder? Er nickt Göhling kumpelhaft zu.


Göhling sieht uns einen Moment lang irritiert an. Mit so viel Kunstkenntnis hat er anscheinend nicht gerechnet.


Genau, sagt er dann. Keine Museumskunst. Babbelplast ist zum Mitmachen da. Das ist Material. Damit kann man spielen oder sich abreagieren, Kinder wie Erwachsene.


Wir nicken verständnisvoll.


Solche Gemeinschaftserlebnisse machen die Leute locker. Das ist unser Beitrag zur Entschärfung von Aggressionen.


Und dann sagt er wieder so einen Satz, den ich mir unbedingt merken will, weil man damit noch mehr Eindruck schinden kann als mit dem Aufzählen von Künstlernamen und Kunstobjekten: Babbelplast steht für mobile Gegenentwürfe zur monumentalen Starrheit der Architektur, die menschliche Individualität erdrückt.


Klar.


Okay.


Nachdem er uns die Babbelplast-Philosophie nahegebracht hat, werden wir mit der technischen Seite bekannt gemacht. Aufgeblasen wird das Babbelplast mit ganz normalen Staubsaugern; nur für die ganz großen, die Rekreationsfläche und die Schlange, braucht man ein Gebläse. Entsprechend schwer sind die Teile, das größte wiegt zweihundert Kilo. Bei Bedarf wird das Zeug ins Auto gepackt und am Veranstaltungsort ausgeladen und aufgeblasen. Und nach der Aktion wird die Luft rausgelassen, alles schön zusammengelegt und wieder nach Düsseldorf transportiert.


Jetzt verstehe ich auch, warum Göhling Richie angesprochen hat. Mit seinen zwei Zentnern Lebendgewicht ist er genau der richtige Mann für solche Arbeiten. Sicher hat Göhling auf zwei weitere Richies gehofft; stattdessen hat der uns angeschleppt. Aber Mr. Babbelplast scheint nicht zu stören, dass wir nur zwei halbe Portionen sind. Sicher hat er das künstlerische Potential erkannt, das in uns schlummert.


Unser Job wäre zunächst mal das Be- und Entladen, dafür gibt es zehn Mark die Stunde. Manchmal werden nur zwei Leute gebraucht, manchmal drei, vielleicht auch mal vier. Wenn wir einen ganzen Tag oder ein Wochenende Zeit haben, können wir auch bei den Aktionen helfen. Die nächsten sind in Krefeld, Kiel, Amsterdam und Hannover. Dafür zahlt er dann ein Pauschalhonorar. Krefeld wäre ein ganzer Tag, dafür kann er schon mal hundert Mark versprechen. Woraufhin wir versprechen, dass wir dabei sind. Sollte mal ein Samstag mit drei Stunden Unterricht dabei draufgehen, ist das auch nicht schlimm. Andere machen Verkehrszählung und schwänzen dann sogar ganze Tage. Wenn ich das richtig verstehe, sind wir gerade in die Düsseldorfer Kunstszene aufgenommen worden. Und kriegen das auch noch bezahlt.


Zuhause zeigt mir Papa voller Stolz ein Stück von dem Silberstein, der ihm schon so lange Kummer gemacht hat. Aus lauter Sorge, dass ihnen jemand den Schatz noch vor der Nase wegschnappt, sind er und Paul heute wieder auf der alten Erzhalde in Breiningerberg gewesen. Diesmal haben sie den Brocken tatsächlich geschafft, wie es Papa geschworen hatte. Zerlegen konnten sie ihn zwar nicht, aber immerhin zwei große Stücke abschlagen. Irgendwo haben sie einen Riss entdeckt, den Meißel angesetzt und dann mit dem Vorschlaghammer draufgekloppt. Das andere Stück liegt im Kofferraum von Pauls grünem Käfer. Als nächstes soll der Reinheitsgrad fachmännisch bestimmt werden. Den großen Rest, den sie in der Erde lassen mussten, haben sie mit Gras und Ästen getarnt. Wenn es wirklich Silber ist, muss es sich um ein Vermögen handeln.

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