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Seit einiger Zeit habe ich komische Flecken am Hals und auf der rechten Schulter, die sich nicht abrubbeln lassen, ein ganzer Archipel in einem Meer von Sommersonnenbräune. Am Ende sind es Blattern im Anfangsstadium. Vielleicht hätte ich im Sommer nicht das T-Shirt der Französin tragen sollen, das Paul letztes Jahr als Trophäe mit nach Hause gebracht hat. Bin ich nicht schon genug gestraft? Wenn das alles rauskommt, sind meine Chancen bei Frauen auf dem Nullpunkt. Wer will schon einen Aussätzigen küssen? So pervers muss eine erstmal sein. SOHN VON ADAM COOPER RÄUMT BLATTERNERKRANKUNG EIN – VERGIFTETE ALS JUNGE WERTVOLLE ZIERVÖGEL.


Als ich Mama die Flecken zeige, meint sie, es könnte ein Pilz sein und damit ein Fall für Dr. Hollmann. Bei der Gelegenheit könnte ich auch gleich zum Friseur gehen.


Friseur ist ein Reizwort für mich, das weiß Mama ganz genau. Trotzdem fängt sie regelmäßig wieder davon an. Wie lange muss ich denn noch um mein Recht auf lange Haare kämpfen? Etwa bis zur Volljährigkeit? Was kümmert es sie, wie es auf meinem Kopf aussieht?


Natürlich ist meine Frisur nicht schön im herkömmlichen Sinn. Ich will ja auch nicht aussehen wie die Schnulzenheinis, nämlich gepflegt. Nicht einmal wie die Beatles, als Astrid Kirchherr ihnen diesen speziellen Hairstyle verpasst hatte. Sondern ein bisschen verwildert, ungezügelt, aufrührerisch und frei. Auf gar keinen Fall laufe ich mit einem ausrasierten Nacken herum wie Papa, als er so alt war wie ich, bloß um männlich auszusehen.


Zum Glück habe ich einen Friseur, dem ich vertrauen kann und der im Grunde tut, was ich will, nämlich den Vater von Wolfgang Endenich. Nicht erst, seit Wolfgang und ich in Physik und Religion im selben Kurs waren, gehe ich da hin, sondern weil der Salon Endenich vom Zentrum unserer Einkäufe und Besorgungen in Neuß, dem Waschsalon Bruna, nur durch ein paar Häuser getrennt ist. Herr Endenich macht mir sogar einen Sonderpreis, den ich wiederum mit ein paar Extramünzen ausgleiche, auch wenn es mir ein bisschen peinlich ist, dem Vater eines Mitschülers ein Trinkgeld zu geben. Trotzdem möchte ich nicht in seiner Haut stecken. Er will so gern beiden Seiten gerecht werden, aber das ist unmöglich. Um Mama zufrieden zu stellen, müsste ich nachgeben, und das hieße freiwillig eine Niederlage einzustecken. Kommt gar nicht in Frage. Bin ich mit dem Haarschnitt zufrieden, ist Mama empört, spricht von Betrug und hat eventuell sogar keine Hemmungen, mich wieder zurückzuschicken.


Dr. Hollmann hat ein verwittertes Gesicht und einen schlohweißen Bürstenhaarschnitt. Wahrscheinlich hat er schon im Krieg als Arzt oder Sanitäter die Knochensäge geschwungen. Papa hat ihn aber nicht als Hausarzt ausgesucht, weil er etwas Hartes und Soldatisches hat, sondern weil er von ihm ein Dauerrezept für NEOPYRIN bekommen hat. Außerdem liegt seine Praxis in der Hymgasse direkt am Busbahnhof, und freitags nachmittags ist es dort immer schön leer.


Eine Sprechstundenhilfe hat Dr. Hollmann nicht, aber einen riesigen Karteikasten, vollgestopft mit den Patientenunterlagen.


Na, mein Freund, was kann ich für dich tun?, sagt er und schaut mich über den Rand seiner Zweistärkenbrille an, bevor sich sein Blick wieder senkt und er seine Finger zielsicher durch die Karteikarten wandern lässt. Bestimmt rechnet er damit, dass ich mal wieder Mandelentzündung habe oder riesige Aphten, die einem für mindestens eine Woche Essen und Trinken und sogar das Sprechen zur Hölle machen. Vorhin, als ich kurz in seinem Sprechzimmer saß, in dem wie erwartet gähnende Leere herrscht, hatte ich kurz überlegt, ob ich ihm von meiner Vorhautverengung erzählen soll, mich dann aber doch dagegen entschieden, weil er mir womöglich zu einer Operation rät, und das wäre das letzte, was ich möchte. Lieber würde ich ihm von einem kürzlichen Erlebnis erzählen, das medizinisch gesehen ziemlich mysteriös ist. Es geschah im Sommer bei Klaus Esser, als ich mal pinkeln ging und dann nicht konnte, weil sich gleichzeitig jemand neben mich gestellt hatte. Kein Arbeiter im Blaumann, sondern einer der Angestellten aus den Büros. Ich weiß nicht warum, aber ich brachte keinen einzigen Tropfen zustande. Das Außergewöhnliche daran war, dass es dem Mann neben mir genauso ging. Das war eindeutig Telepathie, entweder von mir oder von ihm. Der eine hat den andern über das Pinkelbecken hinweg gelähmt, wie durch Hypnose, nur ohne Augen. Wir gaben dann auch auf. Vielleicht beim nächsten Mal, murmelte der Mann zu mir herüber, während er sich den Hosenstall zuknöpfte. Ich würde Dr. Hollmann gern mit diesem Fall bekannt machen, als Beweis für die Macht der Gedanken, die Löffel biegen, Gegenstände zum Schweben bringen und Lebewesen tot umfallen lassen kann. Aber sehr wahrscheinlich wird er dafür keine medizinische Erklärung haben. Und wenn doch, wird sie mir garantiert nicht gefallen.


Und deshalb sage ich ihm, dass ich seit einigen Monaten eine Art Ausschlag am Hals habe und beginne mich auszuziehen.


Hmm, sagt Dr. Hollmann mit einem Blick auf meinen nackten Oberkörper, das ist ja eine richtige Kolonie, wo hast du dir denn das geholt?


Ich erröte ein bisschen und sage nur, dass ich das auch gern wüsste.


Er legt das Stethoskop ab, das bisher nutzlos vor seiner Brust baumelte, holt eine Lupe aus seiner Schublade und schaut sich die Flecken genauer an. Dann schüttelt er den Kopf.


Ein Pilz scheint es nicht zu sein. Vielleicht ist es eine allergische Reaktion. Trägst du vielleicht deine Schultasche über der Schulter?


Das kann ich bejahen, weil ich seit einiger Zeit statt mit einer Aktentasche mit einer Kampftasche aus NATO-Beständen zur Schule gehe, und die hat einen Schulterriemen. Daraufhin schlägt Dr. Hollmann vor, dass ich den Brotbeutel mal zur Abwechslung über der linken Schulter trage. Außerdem verschreibt er mir eine Teerseife, mit der ich mich jeden Morgen und Abend waschen soll. Sie riecht genauso, wie sie heißt. Ich sehe mich schon den Rest des Sommers mit Schal herumlaufen.



Richie hat seine Freunde aus Heerdt und Oberkassel, eine Handvoll Klassenkameraden und einige Auserwählte aus den Parallelklassen zu einer großen Fete eingeladen und dafür die orthopädische Werkstatt seines Vaters durch ein Sammelsurium von Sitzgelegenheiten in einen Partyraum verwandelt. Wo sonst die Registrierkasse steht, ist eine kleine Bar aufgebaut, mit einem Fünfzig-Liter-Fass Füchschen Alt und einer Batterie Flaschen, aus denen Richie gefährliche Mischungen herstellt. Und auf dem klebstoffverschmierten Arbeitstisch in der Mitte, an dem sein Vater wochentags an Schuhen für Fußkranke herumbastelt, steht jetzt der Plattenspieler, auf dem sich, als gäbe es nichts anderes, abwechselnd Platten von Richies Lieblingsbands Ashton, Gardner and Dyke und Eric Burdon & War drehen. Mal abgesehen von Procol Harum und den Doors habe ich dem Instrument Orgel in der Popmusik noch nie etwas abgewinnen können. Und was Richie an dem müden Bluesrock von Tony Ashton findet, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben.


Da sitzen wir nun zwischen allerlei Bohr- und Schleifmaschinen und Pressen und trinken und rauchen und quatschen gegen die laute Musik an. An den Wänden baumeln Schuhleisten in allen Größen, und in den schulterhohen Regalen stapeln sich Lederzuschnitte, Gummi- und Korkplatten.


Weil die Werkstatt unmittelbar in die beiden Verkaufsräume übergeht, dehnt sich die Fete auf den Laden aus, wo ein kleinerer Teil der Gäste auf Kundenstühlen und Anprobehockern sitzt, umgeben von Wandregalen, die von oben bis unten mit Schuhkartons gefüllt sind. Ab und zu gehen Leute am Geschäft vorbei und starren uns durch die Schaufensterdekoration an. Bestimmt ruft einer von denen gleich die Polizei.


Von Zeit zu Zeit taucht Richies Mutter auf, eine zarte, winzige Person, der man nicht zutraut, dass sie diesen Koloss vor ziemlich genau neunzehn Jahren zur Welt gebracht hat, und versorgt uns mit Flönz, Fleisch- und Leberwurst, Stangenbrot und Röggelchen, Käsespießchen und eingelegten Gurken. In regelmäßigem Abstand bugsiert Papa Wendtlandt, ausnahmsweise ohne seine fleckige Lederschürze, seine hünenhafte Gestalt durch die Gästeschar, die sitzend oder stehend kleine Haufen bildet. Ein schüchterner Riese, lächelt er uns freundlich zu, sagt auch nicht nein, wenn einer von uns mit ihm anstoßen will, aber tatsächlich kommt er, um sich zu überzeugen, dass niemand auf die Idee kommt, aus Jux eine seiner gefährlichen Maschinen in Gang zu setzen.


Getanzt wird auch, und zwar vor den Schaufenstern, weil da noch ein bisschen Platz ist. Wegen einiger Apfelkornpfützen gibt es jedes Mal ein hässliches Geräusch, wenn sich die Sohle vom Fußboden löst.


Normalerweise ist es nicht gerade ein Vergnügen, sich vierzehn Minuten lang den Sprechgesang von „Tobacco Road“ anhören zu müssen, aber um sich angesoffen in Trance versetzen zu lassen und seiner Tanzpartnerin näher zu kommen, in diesem Fall Doro Neumann, deren Bruder laut Tilo wie Jimi Hendrix mit links auf einer Fender Stratocaster spielt, ist der Song geradezu ideal. Wir schlingen die Arme umeinander, drücken Schambein gegen Schambein, und dann wiegen wir uns, Gesicht an Gesicht, im funkigen Rhythmus, bis die Platte zu Ende ist und ich meinen Mund auf ihren schiebe. Sie fährt mit der Zungenspitze über meine Lippen, als wenn sie erst mal probieren wollte, wie ich schmecke, und als ich mit der Zunge in ihrem Mund herumfahre, drückt sie bloß ein bisschen dagegen, als wenn ihr das nicht recht wäre. Vielleicht habe ich beim Sprechen versehentlich meine Oberlippe entblößt und Doro schreckt vor der Berührung mit meinem grauen Zahn zurück. Könnte ich sogar verstehen. Also lasse ich sie los und wir setzen uns wieder hin und rauchen eine Selbstgedrehte, schweigend, bis Doro mich anstößt, damit ich mich zu ihr herüberbeuge, weil sie mir etwas sagen will, man sich bei dem Höllenlärm aber mitten ins Ohr schreien muss.


Übrigens ’Tschuldigung wegen dem Küssen, sagt sie und pflückt sich einen Tabakkrümel von der Unterlippe.


Wieso ’Tschuldigung?


Weil ich nicht mitgemacht hab!


Ach so. Ja. Ich dachte, ich –


Nee!


Ich hätt vielleicht ’n Fehler gemacht oder so.


Nee, haste nich!


Was?


Haste nich’! Ich hab Ankyloglossie!


Anky was?


An-ky-lo-glos-sie! Angewachsenes Zungenbändchen!


Sie zielt mit ihre Zungenspitze, die die Form eines Herzens bildet, in Richtung ihrer Nase. Mehr kriegt sie anscheinend nicht rausgestreckt.


Sühs’su?


Ist doch süß.


Was?


Ich find’s süß!


Und das meine ich sogar ehrlich. Von Beeinträchtigungen und Behinderungen kann ich ein Lied singen. Gut, dass Doro nicht weiß, mit welchen Handikaps ich mich herumquälen muss. Besser Ankylodingsbums als einen toten Zahn im Gebiss, eine Fleckenkolonie am Hals und ein zu straffes Häutchen am Schwengel.


Plötzlich das Blubbern eines schweren Motorrads vor der Tür. Das kann nur Rainer Berg mit seiner 650 Kubik-BSA sein. Schon stapft er in seiner Lederkluft durch die Ladentür, stürzt ein frischgezapftes Alt herunter und lässt uns dann einen Blick auf seinen zahmen Mungo werfen, den er aus Thailand mitgebracht hat. Viele von uns kennen die Geschichte von Rikki-Tikki-Tavi, dem Kobrakiller, aber keiner hat vorher einen Mungo gesehen, außer vielleicht auf dem Schoß von Bernhard Grzimek in „Ein Platz für Tiere“. Jetzt liegt er eingerollt in der Packtasche und pennt, weil er nachtaktiv ist, genau wie Rainer Berg, die deshalb ein ideales Paar bilden.


Clason hat zu viel von dem leckeren Füchschen getrunken und macht Blödsinn. Das Oberteil von seinem braunen Anzug hat er abgelegt und läuft jetzt in seinem elastischen weißen Rollkragenpullover herum, der knistert und Funken sprüht, wenn man ihm zu nahe kommt. Vom Buffet, das Mutter Wendlandt auf der Ladentheke aufgebaut hat, sammelt er die übriggebliebenen Wurstzipfel ein und verteilt sie auf die Kartons mit den Damen-Markenschuhen. Schwankend besteigt er sogar eines der Leiterchen vor den Regalen, um ein extradickes Stück Blutwurst in einem Mephisto-Karton in der obersten Reihe zu platzieren. Beglückt lächelnd, wie ein Verliebter, malt er sich aus, wie Mutter Wendlandt vor den Augen einer der Nonnen, die den Kundenstamm des Geschäfts bilden, einen Karton öffnet und dann die Maden aus der Fleischwurst kriechen. Höhöhöhö! Vergnügt brummelt er vor sich hin. Danach leckt er sich die Finger ab und erklärt, dass der Zersetzungsprozess möglicherweise durch die Imprägnierungsstoffe im Schuhleder gebremst und die Wurst wegen des hohen Salzgehalts mumifiziert wird. Er kann von Glück sagen, dass Richie nichts davon mitkriegt, der gerade damit beschäftigt ist, mit Hilfe eines Trichters sorgfältig eine halbe Flasche Weizenkorn mit Apfelsaft aufzufüllen.

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