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Willkommen in der Unterprima! Schon wieder haben wir einen ganzen Schwung Neue bekommen, diesmal sogar von Haupt- und Realschulen. Angeblich sind jetzt fast tausend Schüler auf dem Schwann, doch leider ist nur ein Bruchteil weiblichen Geschlechts. Wenigstens sind die meisten von ihnen in die Oberstufe gekommen. Steffi Groß soll sich angeblich auch beworben haben, aber von Dr. Brych nach einem Vieraugengespräch abgelehnt worden sein. Er hat sicher sofort erkannt, dass dieses sommersprossige Biest ein Feger ist. Mir kann’s egal sein.


In Deutsch haben wir jetzt Bahlow statt Ruelen. Für Manni kommt der Wechsel zu spät, denn er ist mit zwei Fünfen hängengeblieben. Für manch anderen ist es ein Glücksfall. Willy Brandt zum Beispiel, der bei Ruelen zwischen Vier und Fünf stand, hat von ihm in der ersten Klassenarbeit eine Drei bekommen, ich bloß eine Vier. Verkehrte Welt! Immerhin ist Bahlow freundlich zu uns; vielleicht aus Schiss, denn er ist erst Assessor. Wir haben ihn auch in Philosophie, montags in der dritten, donnerstags in der ersten Stunde.


Chemie habe ich abgewählt und stattdessen Biologie bei Kilian als drittes Kursfach belegt. Ich bereue es jetzt schon, denn die Doppelstunde am Mittwochmorgen ist eine Qual. Schon das Lehrbuch ist scheißlangweilig. Man schlägt es irgendwo auf, tippt blind auf die Seite und dann steht da zum Beispiel, dass die Mutationsrate als Anteil der in einem Generationszyklus im haploiden Genom neu mutierten Gameten definiert ist. Wer will das wissen? Dass Kilian mich auf dem Kieker hat, daran bin ich aber selbst schuld, denn ich hätte mich in der ersten Stunde nicht über sein Aussehen lustig machen sollen. Weil er ziemlich klein ist und ein bisschen finster wirkt, sieht er in seinem kurzen Regenmantel aber wirklich aus wie ein schmieriger Kleinganove aus einem französischen Schwarzweiß-Film.


Mathe bei Teddy Spahn. Wir sollen Grenzwerte einer Zahlenfolge ermitteln. Sollen das mal die anderen tun. Ich habe schon vor längerer Zeit abgeschaltet. Ich schreibe den Namen meines Gegenüber Jürgen Moog in Schönschrift und bilde aus dem Doppel-o eine Brille. Aus der Brille formt sich ein Gesicht, das Gesicht bekommt ein Chaplin-Bärtchen und einen Körper auf Rädern. Ein Moogmobil.


Aufwachen. Teddy Spahn fragt nach der notwendigen Bedingung für ein Maximum. Jetzt bloß keinen Augenkontakt. Sonst nimmt Teddy mich am Ende noch dran. Schön wäre es, wenn ich mich in Luft auflösen könnte. Zum Glück recken sich gleich mehrere Zeigefinger in Richtung Decke. Die richtige Antwort lautet: Y hat an der Stelle xo einen Extremwert, wenn die nächste nicht verschwindende höhere Ableitung von gerader Ordnung ist. Sehr gut, Petzold. Meine Karriereprognose für dich lautet schon seit Jahren Bankfach. Nicht nur dein Wissen, auch deine Garderobe spricht dafür: die blankgeputzten Schuhe, die cremefarbenen Rollkragenpullover unter dem Fischgrätsakko. Ein Bankier im Werden.


Während Teddy weiterredet, versehe ich das Moogmobil mit einer sechseckigen Wabenstruktur. Mysteriöse Begriffe wandern derweil von der Tafel zu den Bankreihen und wieder zurück: Häufungspunkte, Stetigkeit, Monotonie und Beschränktheit. Genau das ist es: Monotonie und Beschränktheit. Die andern beugen sich über ihre Mathehefte. 1 plus 3 in Klammer hoch 2 größer als 1 plus 2 mal drei. Es interessiert mich einen Scheißdreck. And I’ve Gotta Get A Message To You, Hold on. Wird das mein letztes Jahr in dieser Klasse sein? Ruhe bewahren. Tief durchatmen.


Mit zweiundvierzig Mann haben wir in der Sexta angefangen, jetzt sind wir noch acht aus der ursprünglichen Besetzung. Genau wie es uns Stromeyer damals prophezeit hatte. Rund drei Dutzend Lehrer haben das Brot der Weisheit mit uns geteilt, alte Säcke wie Englisch-Joner und Jungspunde wie Mathe-Kramer und Sport-Ebel. Zwei DDR-Flüchtlinge: Latein-Heinrich, Deutsch-Ruelen. Die Kriegsteilnehmer nicht zu vergessen, Physik-Oberg (Afrika-Korps), Religion-Dr. Kleine-Natrop (Russland), darunter auch Kriegsversehrte (Bio-Kemper). Kaputt sind sie mehr oder weniger alle. Viele sind auch gewalttätig, schlagen zu (Kunst-Nobis, Englisch-Benseler, Mathe-Stromeyer), reißen an den Haaren (Latein-Heinrich, Sport-Engels), schmeißen mit Gegenständen. Von den schlimmsten bin ich zum Glück bisher verschont geblieben.


Als streng, brutal und hinterhältig gilt Hagemann (Latein, Sport). Er fackelt nicht lange. Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie er neulich dem armen Sprigode eine versetzt hat. Der lümmelte nach Schulschluss zusammen mit seinem Freund Vermehr und ein paar anderen auf der Treppe vor dem Lehrereingang herum; sonst war nichts weiter los. Doch dann kam Hagemann, der sich nicht durch die schmale Gasse der Oberstufenschüler zwängen wollte: Jetzt macht mal hier Platz, schimpfte er, aber eins-zwei-drei! Vermehr nahm sofort Reißaus, doch der spittelige Sprigode, in einem Anfall von Umstürzlertum, nummerierte die Stufen, die er gemessen herabschritt, mit eins, zwei und drei. Woraufhin ihm Hagemann bei drei eine wuchtige Ohrfeige versetzte, so dass Sprigode die Brille vom Kopf flog und er hinterher.


Hagemann hat mal im Schwann einen Dieb gestellt. Über Wochen waren die Garderobenschränke geplündert worden, worüber sich Dr. Brych furchtbar aufgeregt hatte, weil er natürlich jemanden von uns verdächtigte. Tatsächlich war es ein Ehemaliger, der sich gut auskannte und bei seinen Beutezügen nicht auffiel. Bis er einmal doch auf frischer Tat ertappt wurde. Er rannte zwar weg, aber Hagemann stürzte hinterher und hat ihn aufgrund seiner Sportlehrer-Fitness schließlich in der Stadt überwältigt. Wir erfuhren davon durch eine Durchsage von Dr. Brych, die fast die Spannung einer Sportreportage hatte. Hinterher durfte sich Hagemann für kurze Zeit als Held fühlen, was seinem Charakter aber nicht zugute kam.


Bei Bahlow in Philosophie geht es zurzeit um Willensfreiheit. Offenbar gab es schon in der Antike große Denker, die dem Menschen diese Fähigkeit absprachen. So gesehen tun wir nur das, wozu uns das Schicksal zwingt. Interessante Idee. Okay, sage ich zu meinem Banknachbarn Stöpsel, der letztes Schuljahr als Sitzenbleiber zu uns gekommen ist, ich habe das Gefühl, ich muss jetzt aufstehen und gehen. Stöpsel hat das gleiche Gefühl, zumal wir anschließend sowieso eine Freistunde haben, die man auf diese Weise verlängern könnte. Freistunden verführen dazu, dass man im Kollektiv Quatsch macht, zum Beispiel sein Geld zusammenschmeißt und sich bei Aldi den billigsten Korn und den billigsten Apfelsaft kauft und eine verhängnisvolle Mischung herstellt, die man dann am Nordkanal oder im Stadtgarten leert. Oder man wühlt bei Ali in der Klarissenstraße in den Neuerscheinungen. Sein Plattenladen besteht aus einem einzigen ungeheizten Raum, weshalb Ali hinter seiner Theke fast das ganze Jahr einen Fellmantel trägt. Weil er außerdem einen struppigen, von weißen Haaren durchzogenen Bart hat, könnte man ihn für einen griechischen Schafhirten halten, der sich in die Stadt verirrt hat. In gewisser Weise ist er das auch, denn er versucht immer wieder, einen in musikalische Gefilde zu führen, die man vorher noch nie betreten hat. Robert hat er zum Beispiel „Pawn Hearts“ von Van der Graaf Generator und „Gris-gris“ von Doctor John The Night Tripper angedreht, und nun müssen wir uns auf jeder Fete, zu der Robert Musik beisteuert, Alis Anti-Hits anhören.


Ich finde, wenn Bahlow an seinem philosophischen Gedankenspiel festhält, muss er akzeptieren, dass wir einfach abhauen. Wir ziehen schon mal unsere Jacken an und lassen uns dann drannehmen. Stöpsel schnipst vor Aufregung sogar mit dem Finger, was Bahlow irrtümlich für ein Zeichen von Interesse hält. Weil er nicht ahnt, worauf wir aus sind, räumt er auf Nachfrage bereitwillig ein, dass der Mensch für sein Handeln im Grunde nicht verantwortlich ist. Das genügt uns. Schnell schnappen wir uns unsere Sachen, stehen auf und bitten Bahlow auf dem Weg zur Tür abwechselnd um Entschuldigung:


Wir können gerade nicht anders.


Jawohl. Wir müssen dringend an die frische Luft.


Es ist so über uns gekommen.


Geradezu zwanghaft.


Wir können uns nicht dagegen wehren.


Nein.


Sie verstehen das doch, oder?


Beziehungsweise, um mit Hegel zu sprechen, Sie sehen doch sicher die Notwendigkeit ein.


Und das allerletzte, was wir noch mitkriegen, bevor wir sanft hinter uns die Tür schließen, ist Bahlows verblüfftes Gesicht.

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