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Während ich in Holland war, haben Papa und Mama ihr großes Schlafzimmer gegen mein Zimmer getauscht. Mir ist es ganz recht, denn jetzt können meine Übernachtungsgäste mit in meinem Zimmer schlafen, auf einer alten roten Sprungfedercouch, die bis vor kurzem noch bei irgendeiner alten Dame in Papas Zustellbezirk stand. Sie ist zum Glück so riesig, dass sie einen Großteil der scheußlichen Tapete mit dem museumsreifen roten Blumenmuster verdeckt, die Papa und Mama eigenhändig angebracht haben, nur bis zu halber Höhe, weil das angeblich vornehmer aussieht. Wahrscheinlich haben sie es bloß nicht besser hingekriegt. Außerdem habe ich jetzt direkten Zugang zum Balkon und sogar ein eigenes Waschbecken, was morgens ganz praktisch ist.


Unter der Post, die ich zuhause vorfinde, ist eine Ansichtskarte von Linda, geschrieben am Tag unserer Abreise: Lieve Jakob! Veel groeten van Linda. In Liefde. Und leider auch eine Ansichtskarte von Karin aus dem Pionierlager Makarenko in Brodowin. Wieder einmal beklagt sie sich, dass ich so lange nicht geschrieben habe. Ach Gottchen. Und auch von Peter hat sie schon lange keine Post mehr bekommen; ob ich wieder mal von ihm gehört hätte. Das fehlt noch, dass dieser Mädchenräuber sich untersteht, an mich zu schreiben. Diesen Brief kriegt er postwendend zurück. Aber vorher wische ich mir damit den Hintern ab.



Klaus Esser mag ja ein arbeiterfreundlicher Unternehmer sein, aber in seiner Fabrik stinkt es trotzdem gottserbärmlich ungesund. Kunststofffenster werden hier hergestellt, die aber nicht so heißen, sondern Lichtkuppeln, weil sie für Flachdächer bestimmt sind. Außer mir gibt es noch zwei weitere Jungen in meinem Alter, die sich hier in den Ferien etwas dazuverdienen. Der eine heißt Vitor und geht in Norf auf die Realschule. Er ist ziemlich nett. Der andere ist nur hier, weil sein Vater, der in der Produktion arbeitet, ihn hier eingeschleust hat. Er ist nicht nur strohdumm, sondern auch frech. Portugiesische Wildsau! hat er Vitor mal hinterhergerufen. An dessen Stelle hätte ich mir das nicht gefallen lassen, aber Vitor hat nur die Achseln gezuckt und gemeint, der Typ wüsste ja gar nicht, was er da sagt.


Wenn Vitor mit der Schule fertig ist, will er Reisebürokaufmann werden. Nach Portugal geht er auf keinen Fall zurück, weil er dann mit achtzehn zum Militär muss und womöglich nach Afrika kommt, um die Rebellen in Angola zu bekämpfen, wozu er nicht die geringste Lust verspürt.


Unsere Soldaten machen da Schweinereien, sagt er, und die andere Seite auch. Das ist wie in Vietnam.


Ich nicke verständnisvoll.


Weißt du, was die Angolaner machen, wenn sie einen von uns geschnappt haben und er sich weigert, auf ihre Seite überzutreten?


Sie killen ihn?


Pass auf. Man sucht zwei Bäume aus, ungefähr zwei Meter auseinander. Zwei schlanke Bäume. Aber kräftig. Dann wird ein Strick um die Spitze gebunden und nach unten gezogen. Bis der Baum ganz umgebogen ist. Die Spitze wird über der Erde festgemacht. Erst bei dem einen Baum, dann bei dem anderen Baum. Und dann wird der arme Kerl daran gefesselt, und zwar nackt. Mit dem einen Bein an den einen Baum und –


Mit dem anderen Bein an den anderen Baum, ergänze ich.


Genau. Auf Kommando werden dann gleichzeitig die Stricke durchtrennt, und – wutsch!


Vitors Arme malen ein großes V in die Luft. Ich stelle mir vor, wie der Körper des Soldaten in die Luft geschleudert und in der Mitte auseinander gerissen wird, und das ist keine angenehme Vorstellung.


Und weißt du, was genau aus der Mitte zu Boden fällt?


Er formt aus Daumen und Zeigefingern zwei Kreise. Ich nicke.


Von wegen der Schwerkraft, bestätigt Vitor.


Vitor sehe ich jeden Tag bei Arbeitsbeginn und manchmal beim Frühstück oder beim Mittagessen, aber sonst haben wir nicht viel miteinander zu tun, weil wir in verschiedenen Abteilungen eingesetzt sind.


Jeder Arbeitstag beginnt mit dem Abstempeln der Stechkarte. Im Raum mit den Spinden ziehe ich meine Arbeitskleidung an, einen grauen Kittel, der bis zu meinen Knien reicht, und feste Arbeitsschuhe. Danach melde ich mich bei meinem Vorarbeiter. Ich bin Hilfsarbeiter im innerbetrieblichen Transport und darf nach einer kurzen Einweisung den elektrischen Transportwagen fahren. Obwohl die Geschwindigkeit ziemlich gedrosselt ist, macht das richtig Spaß. In der Fabrikationshalle ist auf dem Zementboden die Position markiert, wo ich meinen Wagen parken muss. Ich reiche dem Gabelstaplerfahrer einen Schein, er setzt mir die angeforderte Menge Rohformen auf den Anhänger, gibt mir den Schein zurück und ich fahre sie in die Halle, in der sie weiterverarbeitet werden.


Um rückwärts zu fahren, was häufig vorkommt, muss man einen Hebel neben dem Sitz umlegen. Die Anweisung lautet, den Stillstand des Fahrzeugs abzuwarten. Was passiert wohl, wenn man es während der Fahrt tut, bei durchgedrücktem Gaspedal? Ich muss es herausfinden. Das passiert: Das Fahrzeug kommt jäh zum Stillstand, geht vorne hoch wie ein scheuendes Pferd und fällt dann mit Karacho wieder auf die Vorderräder. Ein Mann in einem weißen Kittel kommt auf mich zu gerannt und will wissen, ob mir etwas passiert ist. Er hält es für ein Missgeschick. Zum Glück kann er sich nicht vorstellen, dass ich das aus Vorsatz getan habe. Ich lasse ihn in dem Glauben.


Stempeln, Umziehen, Arbeiten bis zur Frühstückspause. Weiterarbeiten bis zur Mittagspause. Weiterarbeiten bis Arbeitsschluss. So geht das nun Tag für Tag. Wenn ich nach Hause komme, bin ich kaputt und hungrig, aber für meine Bedürfnisse als Teil der arbeitenden Bevölkerung interessieren sich Papa und Mama nicht die Bohne. Entweder sind sie ausgeflogen oder mit ihrem eigenen Kram beschäftigt, und vom Mittagessen heben sie auch nichts für mich auf.


Klaus Esser hat mir rund 450 Mark ausgezahlt. Über ein Drittel davon sind für den Kassettenrecorder und das Mikrofon draufgegangen. Bei Quelle bekommt man angeblich gleichwertige Geräte für weniger Geld, aber ich wollte unbedingt eines aus einem Fachgeschäft, damit Papa sieht, dass ich mich nicht lumpen lasse. Ob es eine gute Idee war, weiß ich nicht. Wahrscheinlich kommt sie zu spät für ihn. Das Schreiben von Romanen hat er inzwischen eingestellt, wahrscheinlich für immer. Zwölf Manuskripte hat er noch auf Lager, darunter „Dan Cannigan“ und „Joe Clary“, die er für besonders gut hält, aber niemand kauft sie ihm ab.

Dan Cannigan ist ein US-Marshal, und zwar der beste weit und breit. Ich glaube, da hat Papa ein bisschen zu dick aufgetragen. Und dann gibt es noch eine komische Stelle über einen jungen Banditen namens Honky. „Wie alt bist du?“, fragt ihn Cannigan. „Zwanzig.“ „Du siehst aus wie vierzehn und benimmst dich wie zwölf.“ Hmm.


„Joe Clary“ gefällt mir besser, weil Papa wieder geschichtliche Tatsachen verarbeitet hat, die er in den Büchern der Nebraska State Historical Society gefunden hat. Es spielt keine Rolle, dass er das meiste nicht versteht; seine Phantasie macht alles wett. Meine Lieblingsstelle ist, als die Sioux eines Nachts das Lager des 7. Kavallerie-Regiments am Republican River angreifen und General Custer im scharlachroten Nachthemd mit wehender Mähne aus seinem Zelt gestürmt kommt und sich, mit einem Repetiergewehr bewaffnet, in die Schlacht wirft.


Zuletzt saß Papa an einem Western in Ich-Form, aber mehr als ein paar handschriftliche Seiten sind dabei nicht herausgekommen. Die Idee dazu hat er von mir, denn als wir an einem Sonntagnachmittag mal zusammen den Abwasch gemacht haben, er hat gespült und ich abgetrocknet, haben wir darüber gesprochen, wie er vielleicht doch noch zu Erfolg kommen könnte, und da habe ich ihm gesagt, er soll es machen wie Karl May und Ich sagen.


Ganz wie Karl May hat er es dann doch nicht gemacht, denn der ist ja in Amerika unter seinem echten Namen unterwegs gewesen. Papa schlüpft dagegen in die Rolle eines Sergeanten der US-Army namens Lukas Lavender Prümmer. Geboren ist er natürlich in Nebraska, weil Papa sich da besonders gut auskennt, und gerade rechtzeitig, um den gesamten Bürgerkrieg mitzumachen. Nach Beendigung seiner Dienstzeit übernimmt er einen Tabakladen in Denver. Als Amerika in den 1. Weltkrieg eintritt, kriegt er Besuch von zwei Journalisten, die den 75-jährigen Veteranen auffordern, seine Memoiren zu schreiben, weil das Vaterland Helden braucht. An den alten Helden ziehen sie neue hoch. Und jetzt, da in Europa der Krieg tobt, suchen sie nach Beispielen.


Ich finde es sehr schade, dass Papa diesen Roman nicht zu Ende geschrieben hat, weil es sicher ein ganz besonderer Western geworden wäre, ein Anti-Kriegs-Western. Er scheint darüber aber nicht besonders traurig zu sein, denn schon ist er bis über beide Ohren mit neuen Sachen beschäftigt. Statt Fachliteratur über den Wilden Westen stapeln sich auf seinem Schreibtisch jetzt Geologiebücher, Mineralien-Bestimmungsbücher und alte Schmöker über den Erzbergbau in der Eifel und im Siegerland, die er sich von gottweißwo schicken lässt. Dazu besorgt er sich dann die passenden Landkarten, auf denen er mit der Briefmarkenlupe nach den Symbolen für ehemalige Steinbrüche und Gruben sucht, in denen früher Erze abgebaut und nebenbei auch Gold und Edelsteine gefunden wurden. Früher heißt, mindestens vor zweihundert Jahren, aber Papa meint, wo Reste alter Bergbauanlagen sind oder auch nur ehemalige Halden, kann immer noch etwas Wertvolles zu finden sein. Das ist seine neue Lieblingsbeschäftigung.


Paul hat er mit seinem neuen Fimmel schon angesteckt, und seitdem machen sie jeden Sonntag einen Ausflug nach Breiningerberg oder Mechernich oder Kall, siebzig bis achtzig Kilometer hin und siebzig bis achtzig Kilometer zurück, und auf dem Rückweg darf Paul seinen VW auf Papas Kosten volltanken. Sylvia kommt meistens mit, weil sie ein gutes Auge hat, aber im Auto muss sie hinten sitzen, weil Papa Schiss hat, dass er bei einem Unfall eingeklemmt wird. Das alte Lied.


Zusammen haben sie schon eine ganze Reihe ehemaliger Bergwerke abgegrast, aber was sie bis jetzt in Eimern und Apfelsinenkisten mit nach Hause gebracht haben, waren nur irgendwelche stinknormale Steine und Mineralien, und das einzige Gold, das sie bisher gefunden haben, war Katzengold, wozu man auch Pyrit sagt.


Neulich haben sie auf einem Truppenübungsplatz, wo früher eine Halde war, einen riesigen Brocken Erz entdeckt. Auf einem Trampelpfad guckte ein Stein aus der Erde heraus, der grünlich schimmerte. Als Papa mit dem Geologenhammer draufhaute, stellte sich heraus, dass er innen silberfarbig ist. Papa glaubt, dass es sich um Fahlerz handelt, und wenn das stimmt, ist es praktisch pures Silber. Ausgraben konnten sie das Trumm nicht, weil sie nicht das richtige Werkzeug dabei hatten, aber demnächst wollen sie wieder hinfahren. NORFER FAMILIE IM GLÜCK – HOBBY-GEOLOGE FINDET TONNENSCHWEREN SILBERKLUMPEN.


Ihre Ausbeute türmt sich auf Regalen im Keller, und die besten Stücke, wo man Kristalle erkennen kann, liegen im Wohnzimmerschrank hinter Glas zur Schau. Also wieder ein neues Sammelgebiet, neben Briefmarken, Münzen, Muscheln und Büchern. Als meine Kusine Wiebke an ihrer Doktorarbeit über Löhne und Preise im Mittelalter schrieb, fing er plötzlich an, die Werbung vom Spar-Markt in Derikum mit den Wochenangeboten aufzuheben, weil er meinte, in hundert Jahren könnte das sehr interessant sein.


Papa schmeißt kaum etwas weg. Wie bei der Supermarktwerbung wartet er darauf, dass es alt und wertvoll wird. Zum Beispiel Briefe und Ansichtskarten, die wir uns gegenseitig geschrieben oder von andern bekommen haben. Fotos und Schriftstücke von unseren Vorfahren. Tageszeitungen und Illustrierte mit Berichten von besonderen Ereignissen. Bierdeckel. Urlaubsprospekte. Fahrpläne. Natürlich auch Pauls und meine Schulhefte, obwohl wir ihm dauernd sagen, er kann sie getrost wegschmeißen, weil sie todsicher auch in hundert Jahren nicht interessant sein werden. Außerdem ist es peinlich, wie wir als kleine Kinder gemalt und gekritzelt haben. Eine Entschuldigung, die Frau Calzada in der Niersstraße vor zwei oder drei Jahren für ihre Tochter geschrieben hat, ist auch noch dabei:


Ünsolige das meine togta am Samstag gefelt hat weil er nach Neus muste.


Das ist auch ein wertvolles Zeit-Dokument, sagt Papa. So wie der Wisch aussieht, hat ihn Antonia, die nach Mamas Erinnerung damals im 2. oder 3. Schuljahr war, selbst schreiben müssen, weil ihre Mutter überhaupt kein Deutsch kann.


Der jüngste Zugang in Papas Ansichtskartensammlung stammt aus Eberswalde. Die Tutta gibt einfach nicht auf. Sie hat natürlich auch viel zu verlieren: Oster-, Geburtstags- und Weihnachtspakete, gefüllt mit Köstlichkeiten aus dem goldenen Westen. Die Ansichtskarte hat sie extra gewählt, damit auch meine Eltern von ihrem Schmerz erfahren: Schon mindestens acht Wochen warte ich auf Post von Dir, jammert sie in ihrer verkrampften Schönschrift. Wenn sie denkt, dass sie mir auf diese Weise eine Reaktion entlocken kann, hat sie sich geschnitten. Wieso wartet sie denn? Gibt es ein Abkommen zwischen uns? Und hat sie nicht einen Verehrer in Köln? Ich vermute mal, dass der ihr auch nicht schreibt. Bestimmt hat er inzwischen eine Andere gefunden. Oder er hat eine feste Freundin, die ihm jetzt für seine Untreue die Hölle heiß macht. Muss schlimm für Karin sein, einzusehen, dass sie für diesen Schwindler nur ein Urlaubsvergnügen war. Sicher bereut sie jetzt, mir nicht die Treue gehalten zu haben.


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