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Kampeerterrain Ockenburgh. Kaum ein Baum, der Schatten spendet. Fahrwege aus gewalztem weißem Ziersplitt, gerade breit genug, dass sich zwei Autos begegnen können, gesäumt von parkenden Autos und Zelten in jeder Größenordnung. Alles sehr sauber, denn überall stehen riesige Blechmülltonnen und vor den Waschräumen Müllcontainer für größere Abfälle. Gleich am Eingang ein Supermarkt und ein Schnellrestaurant.


Wir melden uns bei der Campingplatzverwaltung zur Registrierung und bekommen einen Platz in der Nähe anderer Jugendgruppen zugewiesen. Neben dem Gebot der Nachtruhe zwischen 23 und 7 Uhr, gilt es zwei Verbote zu beachten: Sie betreffen das Ausheben von Löchern auf dem gesamten Terrain und das gemeinsame Übernachten von Unverheirateten. Beides haben wir nicht ins Auge gefasst. Wir zahlen für eine Woche im Voraus und suchen uns zwischen niedrigen Sträuchern und abgesägten Baumstümpfen ein ruhiges Fleckchen. Am anderen Ende der Wiese haben sich zwei Pärchen aus dem Ruhrpott niedergelassen, gegenüber zeltet eine Gruppe Amis.


Am Abend sitzen wir vor dem Zelt, rauchen den holländischen Tabak, den wir uns an der Grenze gekauft haben, trinken italienischen Rotwein aus der Zweiliterflasche und hören Radio Veronica. Als es dunkel wird, greift sich Thomas seine Framus-Westerngitarre, und danach gebe ich ein paar Lieder aus meinem musikalischen Füllhorn zum Besten. Dass ich auf Stahlsaiten spielen muss, juckt mich nicht, denn meine Fingerkuppen sind mittlerweile robust wie Rindsleder. Als „The Eve of Destruction“ an der Reihe ist, lockt das einen der Amerikaner von gegenüber an, der fragt, ob er sich zu uns setzen darf und dann im Schneidersitz Platz nimmt. Genau so hat er heute auch vor seinem Zelt gehockt und aus einem Kochgeschirr gelöffelt. Auf seinen Wunsch spiele ich ihm das Lied noch einmal langsam vor, und er nickt dazu, wie wenn er alles bestätigen könnte.



Während Thomas, Manni und Rainer fast jeden Vor- und Nachmittag am Strand in der Sonne liegen, finde ich es inzwischen nur noch langweilig, und Harry geht es genauso. Erst eine Woche ist um und schon fangen wir an, uns auf den Keks zu gehen. Vor drei Tagen hat Thomas eine von Harrys Unterhosen in einen Baum geworfen, wo sie nun in unerreichbarer Höhe unseren Lagerplatz markiert, und am nächsten Morgen hat Harry Thomas’ Fahrtenmesser mit dem Heringshammer bodengleich in den Rasen gerammt, wo man es höchstens mit einem Spaten wieder ausgraben könnte. Am Abend haben wir uns am Strand gegenseitig erst mit Sand und dann mit allem möglichen Zeugs beworfen, und dabei habe ich Thomas mit einer Glibberqualle mitten ins Gesicht getroffen, woraufhin er mich verprügeln wollte, aber Harry hat ihn so lange festgehalten, bis er versprochen hat, es nicht zu tun.


Irgendwas muss passieren, sonst kriegen wir noch alle den Lagerkoller. Deshalb sitze ich jetzt mit Harry zum zweiten Mal hintereinander im Schnellrestaurant bei einer Cola und tue so, als hätten wir Wichtiges zu besprechen.


Beim letzten Mal haben wir hier unsere Zeltnachbarn aus Hattingen getroffen, die mal ohne ihre Freundinnen ein Bier trinken wollten. Als wir ihnen anvertrauten, dass wir auf eine Begegnung mit dem anderen Geschlecht hofften, strunzten sie mit ihren Erlebnissen in einer Diskothek in Scheveningen herum, wofür sie komische Ausdrücke benutzten: Keulen, denen man an die Butterbällkes gehen kann, Umfang zwei Greif. So etwas Ähnliches haben Harry und ich natürlich auch im Sinn, nur ohne Disco.


Zwei Tische weiter sitzen zwei etwa gleichaltrige Mädchen, eine lange Dünne und eine kleine Dunkelhaarige, und sie rauchen ebenfalls, was das Zeug hält. Wir tauschen ein paar Blicke, aber sonst passiert nichts.


Endlich fasse ich mir ein Herz, schlendere hinüber an ihren Tisch und spreche sie auf Englisch an: Ob sie vielleicht in der Nähe einen Music Shop kennen, meine Gitarre hat nämlich eine broken string.


Wenn sie das nicht faszinierend finden, ist ihnen nicht zu helfen.


Gekicher, dann ein Antwortversuch auf Englisch, wieder Gekicher, dann mit abgewandtem Gesicht einige geflüsterte Worte auf Holländisch.


Ich bin mir nicht sicher, ob sie meine Frage verstanden haben. Ich winke Harry heran, und schon sitzen wir beide mit am Tisch. Unter Zuhilfenahme von Gebärden schildern wir die missliche Situation, dass ich abends vor dem Zelt für meine Freunde zu musizieren pflege, aber ohne D-Saite, die bei Gitarren häufig reiße, aufgeschmissen sei.


Schnell stellt sich heraus, dass Els und Linda mein angebliches Problem nicht lösen können, weil sie hier auch nur auf Urlaub sind, aber sie sind überzeugt, dass es in Den Haag ein Instrumentengeschäft gibt, vielleicht sogar hier vor Ort in Losduinen. Obwohl ich von dieser Information keinen Gebrauch machen werde, heuchle ich Dank. Anschließend gebe ich bereitwillig Auskunft über die Lieder, die zu meinem Repertoire gehören. Sie sind ihnen nicht unbekannt, obwohl sie mehr auf Van der Graaf Generator und King Crimson stehen. Damit ist das Eis gebrochen, denn nun wollen sie wissen, wie wir heißen und wo wir herkommen, und geben die gleichen Auskünfte über sich. Weil wir nicht sicher sind, ob wir uns richtig verständlich machen, schreiben wir diese Fakten auf irgendwelche Papierfetzen und schieben sie hin und her. Nebenbei lernen wir ein paar wichtige Vokabeln: strand, koffie, moi weer, slecht weer, tent. Wenn wir einmal etwas nicht verstehen, winken die Mädchen ab und sagen Laat maar zitten, und wenn wir umgekehrt auf Unverständnis stoßen, bereinigen wir das mit Iss‘ egal. Es ist ja auch wirklich egal; die Hauptsache ist, dass wir zusammensitzen und Spaß haben, und wenn sie Wort halten, treffen wir uns morgen Nachmittag an gleicher Stelle.


Am nächsten Tag geht’s weiter mit dem Informationsaustausch. Jetzt wissen wir auch voneinander, wie alt und wie groß wir sind, auf welche Schulen wir gehen, wo wir wohnen und was unsere Eltern beruflich machen. Nebenbei bringen wir uns gegenseitig wichtige Fachausdrücke bei, von denen keiner in meinem Sprachführer „Holländisch für den Touristen“ steht: slijmbal, klootzak, hoer, flikker, borsten, boezem, kut, pik, lul, kapotje, neuken, klaarkomen, rode week. Beim Lachen achte ich sorgfältig darauf, dass die Oberlippe unten bleibt, damit mein grauer Zahn sich nicht in den Vordergrund drängt. Ehe wir uns versehen, ist es halb elf, die Zeit, zu der sie wieder im Wohnwagen von Els’ Mutter sein sollen. Aber wie wäre es später mit einem Nachtspaziergang am Meer? Weil Els und Linda in einem Zelt neben dem Wohnwagen schlafen, wird die Mutter davon nichts mitkriegen. Wenn die Luft rein ist, sollen wir sie da um Mitternacht abholen.


Als wir in der Dunkelheit vor dem Wohnwagen auftauchen, kommen sie uns schon entgegen. Zuerst sieht man nur ihre Zigaretten, die im Dunkeln rot aufglühen. Els schnappt sich Harry und drückt sich an ihn, und dann gehen wir paarweise den Dünenweg hinauf.


Ein frischer Wind weht, und es riecht nach Seetang. Im Westen wirft ein Leuchtturm im regelmäßigen Takt sein Licht über das Wasser. Von hier oben sehen die Rillen, die das Meer in den Sand gegraben hat, wie mit einem riesigen Kamm gezogen aus.


Ich ziehe meinen Parka aus und lege ihn Linda über die Schultern, und meinen Arm lasse ich auch da. So gehen wir den Deich herunter, erst über abschüssige, sandverwehte Planken, dann auf Stufen aus geteerten Balken. Jedes Mal, wenn der Parka verrutscht, zupfe ich ihn wieder zurecht und presse mich noch ein bisschen dichter an Linda.


Der angeknabberte Mond wirft von Zeit zu Zeit ein kräftiges Licht über den Strand, das unseren vier Körpern langgestreckte Schatten folgen lässt, und sofort kommt mir der Song von Cat Stevens in den Sinn. An einer Strandhütte rauchen wir eine Zigarette. Keiner von uns sagt ein Wort. Ob Harry das gleiche denkt wie ich? Ich zerbreche mir schon die ganze Zeit den Kopf, wie ich Linda in eine Kussposition kriege. Immer vorausgesetzt, sie will es auch. Der Kölner Casanova mit seinem angeborenen Eroberungstrieb würde sich darum natürlich nicht scheren, sondern sein Mädchen einfach in den Arm nehmen und abknutschen. Dazu fehlt mir der Mut. Außerdem bin ich Romantiker. Schön wäre es, wenn es sich irgendwie zwanglos ergäbe.


Auf dem Rückweg gehen Linda und ich voran. Als wir die Balkentreppe zu den Dünen hochsteigen, fassen wir uns an der Hand. Oben stellen wir zu unserer Überraschung fest, dass Harry und Els nicht nachgekommen sind. Unter uns das Meer, das gerade dabei ist, sich den Großteil des Strands zurückzuerobern, und über uns ein Dreiviertelmond, der schief am fahlen Himmel steht.


Wollen wir hier warten? frage ich mit einem Kloßgefühl im Hals. Statt einer Antwort schmiegt sie sich in meine Umarmung. Linda, flüstere ich heiser. Als hätte sie darauf gewartet, dreht sie den Kopf zu mir, damit ich meinen Mund unter ihre Nase schieben kann. Strähnen ihres Haars wehen in mein Gesicht, die sie mit geschlossenen Augen beiseite schiebt. Ihre Lippen schmecken salzig. Ein seliges Gefühl breitet sich in mir aus, das Gefühl des Siegers.


Harry und Els bemerken wir erst, als sie eng umschlungen vor uns auftauchen. Ein verschwörerisches Grinsen macht sich auf ihren Gesichtern breit.


Die andern drei sind platt, als wir beim Frühstück von unseren Eroberungen berichten. Sie wollen Els und Linda unbedingt kennenlernen. Glauben sie uns etwa nicht? Mit wem sollen wir uns denn sonst um Mitternacht getroffen haben? Mit Lou van Burg und Rudi Carrell? Wenn ich es recht bedenke, verfüge ich jetzt über Erfahrungen mit Mädchen aus drei Ländern. Und die Holländerinnen gefallen mir am besten.


Am Nachmittag besuchen uns die beiden auf unserem Lagerplatz. Weil die andern nicht da sind, laden wir sie ein, es sich im Zelt auf der Luftmatratze gemütlich zu machen, aber beide wollen lieber draußen sitzen: Niet in de tent! Wir rauchen zusammen, Harry entdeckt unter unseren Sachen noch eine halbe Flasche Lambrusco, die dankbar angenommen wird, und ich spiele ihnen Lieder von Reinhard Mey und Franz-Josef Degenhardt vor, damit sie ihre Deutschkenntnisse verbessern können. Linda bringt mir dafür den Anfang eines Anti-Vietnam-Lieds von Boudewijn de Groot bei:


Mijnheer de president, welterusten.

Slaap maar lekker in je mooie witte huis.

Denk maar niet te veel aan al die verre kusten

waar uw jongens zitten, eenzaam, ver van thuis.


Was für eine lustige Sprache.


Danach sind Harry und ich müde und möchten uns gern ein bisschen aufs Ohr legen, und nachdem wir hoch und heilig versprochen haben, nicht neuken zu wollen, folgen uns die beiden in die Zelte. Sogar den Knopf an Lindas Jeans darf ich öffnen und meine Hand ein paar Zentimeter unter ihren Slip schieben, wo die wilde Wirklichkeit beginnt, das wahre Geheimnis, das Heiligtum der Frauen. Doch schon packen mich kühle Finger am Handgelenk und zerren meine Hand zurück in die Nabelregion: Niet in de broek! Um ehrlich zu sein: Ich bin sogar erleichtert.


Els’ Mutter möchte uns kennenlernen. Mittwochabend sollen wir zum Abendessen in den Wohnwagen kommen. Wir haben nichts dagegen, dass sie uns begutachten will. Wir ziehen saubere Kleidung an, waschen uns die Haare und schneiden uns sogar die Fingernägel; ich nur an der linken Hand, weil ich Gitarrist bin.


Im Wohnwagen ist es puppig eng. Mevrouw Heemskerk begrüßt uns auf Deutsch und redet auch Deutsch mit uns, weil sie in ihrem Restaurant in Worth-Rheden ständig Gäste aus Deutschland hat. Sie möchte wissen, wo wir wohnen, ob wir Geschwister haben und auf welche Schulen wir gehen. Wir geben auf alles eine brave Antwort, und der Vollständigkeit halber erzählen wir auch noch, was unsere Eltern beruflich machen. Zu essen gibt es Hühnchen mit Kroketten und Erbsen, und obwohl wir ziemlich ausgehungert sind, essen wir wie die Spatzen. Gierig und maßlos im Rauben von Küssen und Befingern verborgener Hautpartien, demonstrieren wir bei diesem Besichtigungstermin unabgesprochen Zurückhaltung und Bescheidenheit. Auch in der Gewissheit, dass wir die Prüfung um so schneller hinter uns haben.


Thomas und Manni wollen morgen nach dem Frühstück nach Amsterdam und von da aus am Montag direkt nach Hause fahren. Wir andern drei wären bereit, mitzukommen, aber sie möchten alleine fahren, weil es zu fünft schwieriger wäre, bei den Hippies im Vondelpark eine Unterkunft zu finden. Dafür lassen sie uns auch das Dreimannzelt da.


Es ist schade, dass sie sich einfach aus dem Staub machen, aber wir quälen sie nicht weiter mit der Suche nach Gründen. Harry meint, Thomas ist wahrscheinlich immer noch sauer wegen der Qualle und dem Messer. Ich meine, er hat Schiss wegen Nase. Sie heißt eigentlich Edith und kommt aus Frankfurt, aber hinter ihrem Rücken nennen wir sie nach Harrys Vorschlag Nase. Thomas hat sie vorige Woche am Strand kennengelernt und auch schon ein paar Mal in ihrem Zelt besucht. Als gestern einer ihrer Freunde Geburtstag feierte, waren wir alle fünf samt Els und Linda zur Strandfete eingeladen. Mir fiel die Aufgabe zu, Thomas zu entschuldigen, der keine Lust hatte. Bei dieser Gelegenheit vertraute Nase mir an, dass sie zu allem bereit sei. Anscheinend hofft sie, dass ich Thomas überrede, mit ihr zu bumsen. Ich glaube, der Grund, warum er zögert, ist nicht einmal ihre riesige Nase, denn warum sollte er sonst mit ihr im Zelt rumgemacht haben. Ich glaube, er hat einfach nur Schiss vor dem ersten Mal. Genau wie ich. Auch ich bin noch nicht so weit, um auf Einladung bumsen zu können. Gerade erst habe ich herausgefunden, wie man es mit sich selber macht.

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