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Herr Ruelen fühlt sich von unserer Klasse abgelehnt und hat sich deshalb, wie er uns mitteilt, von Dr. Brych die Erlaubnis geholt, die Vertrauensfrage stellen zu dürfen. Nachher sollen wir in geheimer Abstimmung darüber entscheiden, ob wir ihn auch noch im nächsten Schuljahr als Deutschlehrer behalten wollen oder nicht.


Ich komme gut mit ihm aus und würde ihn gern behalten; Manni nicht. Obwohl beide dieselbe Zigarettenmarke bevorzugen, Ruelen Reval mit, Manni Reval ohne Filter. Sein Verhängnis ist, dass sein Bruder Wolfgang bei Ruelen ein As war, und jetzt glaubt Ruelen, dass Manni deswegen auf einen Bonus bei ihm spekuliert und ihn mit schlechten Leistungen und schlechtem Verhalten provoziert. Und weil Ruelen supergerecht sein will, gewährt er Manni nicht nur keinen Bonus, sondern behandelt ihn extra streng. Er kann sich nicht vorstellen, dass zwei Brüder so verschieden sind und Manni einfach keine besseren Arbeiten abliefern kann. Und dass er nur deshalb an seinen Haarspitzen herumkaut, weil er muss.


Willy Brandt fände es auch gut, wenn wir einen anderen Deutschlehrer bekämen. Willy heißt eigentlich Wolfgang Brandt, aber schon bevor er als Sitzenbleiber zu uns in die Klasse kam, hatte man ihm den Spitznamen Willy verpasst. Dabei hat Willy mit Politik gar nichts am Hut. Eingehüllt in seinen Parka, sitzt er stumm neben seinem Busenfreund Öttermann in der hintersten Reihe. Die beiden sind praktisch unzertrennlich. Im Bus und in der Schule sitzen sie nebeneinander, auf dem Schulhof stecken sie Köpfe zusammen, in der Freistunde lümmeln sie Seite an Seite vor Tchibo herum, und sie teilen die gemeinsame Leidenschaft für Van Nelle Zware Shag, den sie mit aromatischen kleinen Bröckchen aus dubiosen Tauschgeschäften anreichern. Momentan ist ihr Ziel, sich mit geringen Mitteln in den Besitz eines Autos zu bringen. Dafür nehmen sie an einem Preisausschreiben teil, das als Hauptgewinn einen BMW verspricht. Zusammen haben sie über einhundert Teilnahmekarten ausgefüllt; das Postkartenporto, gut dreißig Mark, betrachten sie als ihren Einsatz.


Dem Unterricht folgt Willy nahezu bewegungslos. Nur ab und zu huscht ein Lächeln über sein verpickeltes Gesicht, das von einer Fettmatte eingerahmt wird. Aktivität entwickelt er erst, wenn es zur Pause klingelt. Dann kramt er ungeniert seine Rauchutensilien aus der Parkatasche und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen, auch wenn Ruelen noch mitten im Unterricht ist. Und das ärgert Ruelen, der erwartet, dass Willy ihn nicht mit Desinteresse provoziert, sondern seinem Spitznamen Ehre macht und politisches Bewusstsein an den Tag legt.


Wegen der Abstimmung verlässt Ruelen zehn Minuten vor dem Ende der Stunde die Klasse. Weil keiner weiß, wer ihn im nächsten Schuljahr ablösen wird und das Risiko besteht, dass wir vom Regen in die Traufe kommen, diskutieren wir noch ein bisschen, ob wir ihn behalten wollen. Für die Abstimmung schreibt jeder sein Ja oder Nein auf einen Zettel und schmeißt ihn in die Schirmmütze, die Günter Dressler zu diesem Zweck zur Verfügung stellt, und dann zählt Öttermann als Klassensprecher die Stimmen aus. Zwölf Stimmen für, zwanzig Stimmen gegen Ruelen. Ich habe auch gegen ihn gestimmt, aus Solidarität mit Manni.



Die Tutta in Eberswalde hat mir geschrieben. Sie beklagt sich, dass sie nur durch meinen Brief an ihre Eltern weiß, dass ich gut zuhause angekommen bin. Selbst Schuld. Sie hat es sich inzwischen überlegt und will sich auf jeden Fall mit dem Kölner schreiben, denn er ist ja so lieb. Von mir aus. Das juckt mich überhaupt nicht mehr. Im Sommer fährt sie für vier oder sechs Wochen wieder ins Pionierlager nach Brodowin, diesmal als Betreuerin. Soll sie doch ihr ganzes restliches Leben in Brodowin verbringen, wo der Hund verfroren ist. Meinen Gruß an Gabi will sie nicht bestellen; sie weiß ganz genau, warum ich sie prima finde, und wenn ich ehrlich wäre, würde ich ihr Recht geben. Klar. Mach ich. Wenn sie dann besser schlafen kann. Sie findet es gut, wenn ich ihr bald persönlich schreibe, aber das hängt von mir ab, vielleicht ziehe ich ja Gabi vor, ihr ist das egal. Genau, das hängt von mir ab. Und noch dröhnt mir das Echo ihres Verrats in den Ohren. Außerdem habe ich im Moment anderes zu tun. Ich müsste mal wieder die Vogelvoliere neu einrichten: unten am Norfbach, wo die große Trauerweide steht, nach ein paar passenden Ästen und Zweigen suchen, auf denen es sich meine gefiederten Freunde bequem machen können. Mal die Baumwolle in den Nistkästen wechseln, und dergleichen mehr. Die Tutta soll ruhig noch ein bisschen schmoren. Außerdem kriegt sie sicher jede Menge Fanpost aus Köln. Falschheit, dein Name ist Karin Brückner.



Weil ich mir die Versetzung in die Unterprima gesichert habe, ist Papa bereit, mir ein Mofa zu kaufen. Mama war entschieden dagegen, weil Mofas Krach machen und stinken, aber Papa hat es als Trostpreis bezeichnet, denn seit ein paar Monaten dreht sich alles um Paul, dessen Heirat mit Sylvia vor der Tür steht.


Manni, Thomas, Rainer und Harry sind schon seit einem halben Jahr motorisiert. Statt sich morgens in den Bus quetschen zu müssen, können sie jetzt mit dem Mofa bequem zur Schule fahren, und nachmittags treffen sie sich, um gemeinsam durch die Gegend zu düsen oder am Motor herumzubasteln.


Zur Schule will mich Mama auf keinen Fall fahren lassen, weil sie befürchtet, dass ich wegen einer Panne mit ölverschmierten Händen in den Unterricht komme, aber mit dem Argument, ich brauche Fahrpraxis, werde ich sie schon noch überzeugen. Und in den Ferien werde ich mit Thomas, Manni, Rainer und Harry auf große Fahrt gehen, irgendwohin ans Meer, zwei oder drei Wochen lang.

In der restlichen Ferienzeit werde ich mich der bezahlten Lohnarbeit widmen. Erstens, weil ich Papa angekündigt habe, ihm als Gegengabe für das Mofa etwas sehr Praktisches zu seinem 50. Geburtstag zu schenken, nämlich einen Kassettenrecorder samt Mikrofon, damit er künftig die Ideen für seine Wildwestromane auf Band sprechen kann. Zweitens, weil die meisten meiner Freunde in den Sommerferien jobben: Robert bei Bauer & Schaurte in der Schraubenfabrik, Marianne bei der LVA. Künzel handlangert auf der Baustelle, von Richie und Tilo weiß ich, dass sie unter der Woche Kegel im Sassafras aufstellen, und Martina tippt neuerdings Speisekarten für ein griechisches Restaurant. Wie kann ich da als Arbeiterfreund beiseite stehen?


Beworben hatte ich mich bei Edeka und Spar, bei der Neuß-Grevenbroicher Zeitung und bei Montenovo, aber nur die Klaus Esser AG wollte mich haben. Sie gilt als vorbildliches Unternehmen, wegen der angenehmen Arbeitszeiten und weil Herr Esser sich persönlich um alles kümmert. Er gönnt sich sogar eine werkseigene Big Band, die er selbst dirigiert. Mein Stundenlohn wird 4,30 Mark betragen. Arthur und Keeseberg verdienen im Imprägnierwerk in Stürzelberg das Doppelte, aber dafür müssen sie da auch richtig ran. Und den Job haben sie nur gekriegt, weil Keesebergs Vater der Betriebsleiter ist.

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