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Warum das Kreiskulturhaus von allen Schuppen genannt wird, weiß ich nicht. Es ist ein schöner alter Tanzsaal, ein bisschen heruntergekommen, aber sonst ganz ansprechend. Die Disco stellt sich als Kinder- und Jugenddisco heraus, Alkohol wird nicht ausgeschenkt, und geknutscht wird, soweit ich das überblicken kann, auch nicht. Das Beste daran ist die Schülerband, die mit Hits aus dem Westen für Stimmung sorgt. Nie im Leben hätte ich gedacht, in der DDR englische Beatmusik zu hören. Und dann auch noch live, mit richtigen Instrumenten. Karin findet das völlig normal und wundert sich, dass ich mich wundere.


Nachdem ich ein paar Mal mit Karin, Petra und den andern Mädchen getanzt habe, kommt plötzlich ein Junge in Texashose und Lederjacke und einer Frisur wie Chris Roberts auf mich zu. Seine fransigen Koteletten verraten, dass er sich schon ab und zu rasieren muss.


Hey, isch hab jehört, du bist einer von uns. Isch komm’ aus Köln.


Er zieht sein Portemonnaie aus der Hosentasche und entnimmt ihm eine Visitenkarte, die er mir überreicht. Wilhelm Worringen, Bauausführungen, Köln-Nippes, Neußer Strasse 129. Der Vorname ist durchgeixt und durch Peter ersetzt.


Und du? Wo kommst du her?


Ich komm’ aus Neuß. Neuß-Norf, um genau zu sein.


Isch bin der Peter.


Und ich heiß Jakob.


Höflichkeitshalber reiche ich Peter die Hand. Mit dem Erfolgt, dass er sie nicht mehr loslassen zu wollen scheint.


Und, Jakob? Wat machst du denn in Eberswalde, diesem Kuhkaff?


Ich bin zu Besuch bei meiner Brief- äh, bei meinem Onkel.


Und isch bei meiner Omma. Tja, da haben wir beide Pesch jehabt, lacht er und haut mir freundschaftlich auf die Schulter. Bist du auch allein hier?


Nee, ich bin mit meiner, äh, Kusine hier.


Beim Wort Kusine wird der Kölner hellhörig.


Kannste misch der nit emal vorstellen?


Ich führe den Kölner zum Tisch, an dem Karin mit ihren Freundinnen Gabi, Petra und Editha sitzt und stelle ihn vor. Zu meiner Überraschung findet Karin diesen Chris-Roberts-Verschnitt toll, denn sie kann ihre Augen gar nicht mehr von ihm abwenden, und als er fragt, ob sie mit ihm tanzen will, springt sie wie von der Tarantel gestochen auf und eilt auf die Tanzfläche, obwohl die Band gerade Pause macht und Musik vom Tonband erklingt, Schnulzenschlager made in the German Democratic Republic.


Um halb neun macht die Disco Feierabend. Die Deckenlampen werden eingeschaltet, und dann heißt es für alle, die noch da sind, Aufräumen und Tische und Stühle für die nächste Veranstaltung aufstellen. Alle packen an, sogar der Kölner und ich, und als wir dann auch noch der Band geholfen haben, ihre Instrumente, Verstärker und Lautsprecher auf einem kleinen Lastwagen zu verstauen, machen sich alle auf den Heimweg. An der Kreuzung Weinbergstraße/Ruhlaer Straße beschließt der Kölner, uns noch nach Hause zu begleiten, wofür er seinen Arm um Karins Schulter legt, die das willig mit sich geschehen lässt. Das habe ich noch nicht geschafft, obwohl ich mich schon seit meiner Konfirmation um sie bemühe. Und als wir uns zum Abschied die Hand reichen, zieht er sie zu sich heran und quetscht seine breiten Lippen auf ihren Mund. Eine halbe Ewigkeit drücken sie so ihre Nasen gegeneinander und verseuchen sich gegenseitig mit ihren Bazillen, was Karin aber anscheinend nichts ausmacht, und alles vor meinen Augen. Die Rücksichtslosen regieren die Welt. Kannste misch der nit emal vorstellen? Nee, tut mir leid, die ist schon nach Hause gegangen. Das hätte ich sagen sollen.


In der Nacht kann ich nicht einschlafen, weil ich immer an Karin und ihren neuen Verehrer denken muss. Wenn sie nicht mit mir knutschen will, wegen der Bazillen und weil sie Rolf versprochen ist, wieso knutscht sie dann mit dieser Nulpe aus Köln? Wegen seiner Frisur, seinen Koteletten und seiner Lederjacke? Besser als ich küsst der sicher auch nicht. Er wäre todsicher auch nicht imstande gewesen, ihr beim Geschichtsreferat zum Thema „Die historische Mission der Arbeiterklasse“ zu helfen. Nie im Leben! Außer seinem Draufgängertum hat der doch Nullkommanix zu bieten. Der wird bestimmt nicht sein letztes Hemd beziehungsweise seinen flauschigen Zweitpullover für sie hergeben. Und versteht man das unter Gastfreundschaft, seinen spendablen Gast zugunsten eines Hallodri zu vernachlässigen?


Und als ich endlich doch eingeschlafen bin, kriege ich plötzlich heftige Zahnschmerzen und liege wieder wach. In der Wohnung ist alles still, sicher schlafen alle tief und fest. Was mache ich nur? Ich möchte niemanden wecken, aber der pochende Schmerz am Backenzahn ist nicht auszuhalten. Ich stehe auf, laufe im dunklen Zimmer herum. Ich presse meine Wange an die kalte Fensterscheibe, aber das bringt keine Linderung. Ich versuche das gleiche an dem großen Kachelofen. Ja, das tut gut. So stehe ich minutenlang, das Gesicht an die warmen Kacheln gepresst. Ob ich wieder einschlafen kann? Ich lege mich wieder hin, aber bald treibt mich der Schmerz zurück an den Ofen.

Sowie sich in der Wohnung etwas regt, gehe ich in die Küche, wo Karins Mutter das Frühstück vorbereitet, und schildere mein Leid. Frau Brückner rät mir, um Sieben in die Polyklinik zu gehen, wo es auch einen Zahnarzt gibt. Ich soll sagen, dass ich Schmerzen hätte, dann käme ich gleich dran.


Im Behandlungszimmer sage ich als erstes, dass ich aus Westdeutschland komme, aber der junge Arzt winkt nur ab: Die Schmerzen sind im Osten und im Westen die gleichen, oder? Nachdem er sich meine ramponierten Zähne angeschaut hat, klopft er mit der Stahlsonde an meinen grauen Vorderzahn. Der ist wohl tot. Wie ist das denn passiert? Ich würde ihm gern erklären, dass es ein Unfall war, aber weil ich den Mund weit aufgesperrt habe, antworte ich nur mit einem langgezogenen Aaaa. Er gibt mir eine Spritze, schickt mich noch einmal für zehn Minuten ins Wartezimmer und bohrt danach an meinem kaputten Backenzahn herum. Hinterher sagt er mir, dass er jetzt nur das Gröbste machen konnte, um mich wenigstens von meinen akuten Schmerzen zu befreien, und dass ich die Behandlung zuhause fortsetzen muss. Wenn das mit dem Herzschmerz doch auch so einfach zu machen wäre.


Am Nachmittag fordert mich Karin zu einem Spaziergang auf. Eigentlich habe ich keine Lust, aber in der Wohnung mit Oma und Birgit rumzuhängen, bringt auch nichts. Wir gehen erst zu dem kleinen Flüsschen, das sich am Waldrand schlängelt, und dann weiter auf dem Spazierweg zum Park. Keiner redet ein Wort. Am Klettergerüst vom Kinderspielplatz bleibt sie stehen. Ihr Mund ist ganz schmal.


Hör mal, hast du eigentlich etwas dagegen, dass ich mit Peter gehe?


Nö, lüge ich, weil ich auf keinen Fall zugeben will, wie tief ich verletzt bin. Aber wenn ich rauskriege, dass er ihren BH aufmachen darf, wie ich es bei Steffi durfte, bringe ich die beiden um. Der heimliche Racheschwur begleitet den geheuchelten Ausdruck ungeteilter Zustimmung.


Du bist doch nicht mein Privatbesitz.


Ach ja? Und wieso bist du dann die ganze Zeit stumm wie ’n Fisch?


Ich hab immer noch Zahnschmerzen, sage ich mit leidender Miene und tippe auf meine rechte Backe.


Ach du Armer. Und wieso triffst du dich mit Gabi und Ronny, anstatt mit Peter und mir spazieren zu gehen?


Weil die mich eingeladen haben.


Karins Blick ist kalt und abweisend. Gabi ist ’ne ganz Falsche, sagt sie. Nur damit du klarsiehst. Ich weiß genau, dass sie hintenrum über Peter und mich herzieht. Hast du dich bei ihr ausgeweint, ja?


Ich bin auch ein ganz Falscher. Und deshalb versichere ich ihr, so unaufgeregt wie möglich, dass es gar keinen Grund zum Weinen gibt.


Du bist also nicht gegen Peter?


Warum sollte ich?, frage ich heuchlerisch, und die Lügenabteilung tief in meinem Innern fabriziert dazu ein falsches Lächeln. Er ist doch ein netter Kerl.


Eben. Er ist so süß.


Nur...


Was?


Nur deine Eltern – die finden das vielleicht nicht so gut.


Was finden die nicht gut?


Jetzt hat sie mich so weit, jetzt spreche ich es aus, dass sie keine Päckchen aus dem Westen mehr bekommen werden mit Kaffee und Apfelsinen, Mon Cherie, Korall und Pfanni Knödel Halb & Halb, keine Cordhosen und Blousons und Pullover von Hettlage, keine Biergläser und „Bravo“-Bilder; überlegs dir lieber noch mal. Stattdessen unterdrücke ich den Ehrlichkeitsanfall und sage bloß: Na ja, das mit Peter. Dass du jetzt mit Peter einen neuen Freund hast.


Meine Eltern stehen voll hinter mir, erwidert sie trotzig, die haben Verständnis für mich und lassen mich ganz allein entscheiden. Und außerdem... Außerdem hab ich noch gar nicht entschieden, ob ich mich mit ihm schreiben will.


Und dann steht plötzlich Peter vor uns, dem sie sich in die Arme wirft, und dann wird ungeniert geküsst. Es sieht aus, als würde sie sich an ihm festsaugen, damit er ja bei ihr bleibt.


Ich schlendere lässig rüber zum Viererkarussell. So geschmeidig wie ein Revolver, der ins Halfter gleitet, schiebe ich mich auf den Metallsitz und stecke mir eine F6 an. Sozialistisches Gift für die Hartgesottenen dieser Erde. Get off of my cloud.


Die beiden sitzen inzwischen auf einer Bank und haben sich anscheinend sehr viel zu erzählen. Oder besinnt Karin sich endlich, nachdem sie sich alles noch einmal durch den Kopf gehen lässt? Abwägt, was für mich und gegen die Kölner Bazillenschleuder spricht? Schließlich kramt sie ein Taschentuch heraus und putzt sich die Nase, während der Kölner mit offener Lederjacke auf mich zukommt. Eine Haarsträhne hängt ihm tief ins Gesicht. Er stupst mir den Finger vor die Brust.


Weißt du was? sagt er mit finsterer Miene. Die Karin weint. Und zwar, weil du so jemein bist. Jawohl. Jetzt passe mal ouf. Deine Zijarette kannste noch zu Ende rauchen. Aber dann verhau isch disch.


Und schon dreht er mir wieder den Rücken zu und spaziert zu ihr zurück. Ein zweiter Ghandi ist er schon mal nicht, dieser Süßholzraspler. Den Arm um ihre Schultern gelegt, die von einem wollig weißen Pullover mit zarten lila Streifen weich umhüllt werden, sitzt er neben ihr auf der Bank und redet scheinbar begütigend auf sie ein. Aber bei nächster Gelegenheit, das ist klar wie Kloßbrühe, wird er ihr diesen Pullover, der einst mir gehörte, über den Kopf ziehen und sich anschließend rücksichtlos an ihrem fleischfarbenen BH zu schaffen machen, dessen Anblick sie mir nur für die Dauer eines Wimpernschlags gönnte.


Ich drehe mich ein bisschen zur Seite, fische eine weitere Zigarette aus der Schachtel und stecke mir an der alten eine neue an. Erst mal Zeit schinden.

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