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Endlich Osterferien. Ich habe die Vorhänge aufgezogen und die Vögel gefüttert, dann die LP mit Griegs „Peer-Gynt“-Suite aufgelegt und mich in den Armsessel aus Freudenstadt gehauen und die Füße auf den dreieckigen Couchtisch gelegt, dessen Glasplatte den letzten Umzug nicht überstanden hat. Die Vormittagssonne scheint in mein Zimmer, und dazu erklingt passend „Morgenstimmung“, schön laut, denn Papa ist zum Dienst und Paul zur Ausbildung.


Übermorgen fahre ich nach Eberswalde. Richtige Osterferien, die ihren Namen verdienen, kennen die drüben natürlich nicht. Bloß an den Feiertagen ist schulfrei, einschließlich Gründonnerstag. Ich fahre aber trotzdem für zwei Wochen. Dann gehe ich eben vormittags mit Karin in die Schule, sie muss es bloß noch mit ihrem Direx klären. Hinterher kann ich dann in Geschichte ein Referat über das Bildungssystem in der DDR am Beispiel der Polytechnischen Oberschule Johann Wolfgang Goethe in Eberswalde halten. Und weil die DDR nur Besuche von Verwandten erlaubt, bin ich ab sofort ein Neffe der Brückners und fahre zu Onkel Erwin und Tante Waltraud, von denen ich vorläufig nur weiß, dass sie beide im VEB Kranbau Eberswalde arbeiten. Und dass der größte Gefallen, den ich Onkel Erwin erweisen kann, ist, wenn ich ihm ein Bierglas von der Olympiade in München mitbringe. Dafür will sich Karin dann bei mir revanchieren, mir alles zeigen. Klingt verlockend.


Mit Steffi ist schon wieder Schluss. Ich habe ihr einen gepfefferten Brief geschrieben, nachdem sie auf der letzten Disco mit Rainer Kurth rumgemacht hat. Davor hatte sie versucht, mit Thomas anzubändeln. Von mir wollte sie wissen, ob seine Locken Natur seien oder künstlich erzeugt. Klar, meinte er sarkastisch, als ich ihm ihren Verdacht mitteilte, ich steh’ jeden Morgen mit der Brennschere vorm Spiegel! Das seidene Halstuch, das sie unbedingt als Freundschaftszeichen von mir haben wollte, hat sie mir aber nicht zurückgegeben. Egal, es gehörte sowieso Paul.


Im Grunde kam die Trennung gerade rechtzeitig vor meiner Reise. Es ist nicht angenehm, zwischen zwei Frauen zu stehen.


Inzwischen läuft „Hochzeitstag auf Troldhaugen“, da klopft es plötzlich und Mama kommt herein. Sie ist noch im Bademantel, was selten vorkommt, und wirkt ein bisschen durcheinander.


Mach das mal bitte aus, sagt sie und zeigt auf den Plattenspieler. Gehorsam schalte ich auf Stopp.


Sie setzt sich mir gegenüber auf mein ungemachtes Bett, ihre Hände fahren ein paar Mal über ihren Schoß, schöne gepflegte Hände, die Fingernägel mit großen Halbmonden, und dann fragt sie, ob wir uns mal ein bisschen unterhalten können.


Was ist bloß mit Mama los? Ist was passiert? Aber nichts ist passiert, außer dass sie bei der Musik an früher denken muss.


Das Stück hat Onkel Hans auch gespielt, sagt sie. Er hat Grieg sehr gemocht. Er war ja lange in Norwegen gewesen, bis er dann auf einmal –


Ich weiß. Dann kam er nach Warschau, und da –


Ja. Das war ganz überflüssig, ein halbes Jahr vor Kriegsende. Zuletzt habe ich das Stück auf seiner Verlobungsfeier gehört.


Ich kenne die Geschichte in groben Zügen. Die Feier fand bei der Familie von Hans’ Verlobter in Pommern statt. Alles war vorbereitet, der Tisch für das Mittagessen gedeckt, aber sie konnten nicht anfangen, weil der Bräutigam und seine Schwester fehlten. Hans und Mama waren noch kurz in Spiegelhagen gewesen zum Geburtstag ihrer Oma und hatten in Ludwigslust den Anschlusszug verpasst. Und als sie endlich in Neubukow ankamen, war es schon stockdunkel. Mächtig geschneit hatte es außerdem, und dann mussten sie sich bei dem vielen Schnee und der Kälte verflixte sieben Kilometer auf Fahrrädern nach Kamin quälen. Ich sehe sie genau vor mir, zwei vermummte Gestalten im Mondlicht, ihr weißer Atem vor dem dunklen Himmel, das knirschende Geräusch der Fahrradreifen in den gefrorenen Spuren auf der Chaussee.


Und hinterher hat Hans Klavier gespielt, „Hochzeit auf Troldhaugen“. Ach, war das wunderbar. Sie wischt sich über das Gesicht. Stundenlang hätten wir ihm zuhören können, so schön war das.


Ja, Mama.


Ich stehe auf und setze mich neben sie, um sie zu trösten, aber sie hat sich schon wieder gefangen.


Übermorgen fährst du in die Ostzone, ganz allein... Und ich würde dich so gerne begleiten, aber ich kann nicht.


Doch, du könntest schon. Weil alle, die vor dem Mauerbau geflüchtet sind, von der DDR-Regierung amnestiert worden sind. Das hat Herr Ruelen gesagt. Der ist selbst geflüchtet, und inzwischen fährt er längst wieder hin. Du bräuchtest dir keine Sorgen machen.


Aber der hat bestimmt nicht wie wir in der Sperrzone gewohnt. Da sind sie besonders böse, dass wir das gewagt haben.


Aber du hast doch gar nichts getan, außer zu flüchten.


Gar nichts getan? Ich habe meine Schule im Stich gelassen. Bin einfach abgehauen. Als die Kinder nach den Ferien wieder zur Schule gehen wollten, war niemand da. Das kann man doch eigentlich nicht machen. Aber dein Vater, der... Wir sollten wegkommen. Und da blieb uns wohl nichts anderes übrig.


Herr Ruelen meint, das schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass sie dir das Visum verweigern. Also dich nicht reinlassen.


Und wenn sie so tun, als ob? Und kaum bin ich drin, schnapp, ist die Falle zu. Du kennst die hohen Herren drüben nicht. Da sind jede Menge falsche Hunde dabei. Die lächeln dich an und in Wirklichkeit wollen sie dich bloß reinlegen. Nein, das darf ich meiner Familie nicht antun. Nicht, so lange ich Verantwortung für euch trage. Was sollt ihr denn anfangen ohne mich?


Es ist nicht das erste Mal, dass ich Mama davon zu überzeugen versuche, dass sie unbesorgt in die DDR reisen kann. Und immer sagt sie, wegen uns kann sie es nicht riskieren. Ich glaube, sie will es gar nicht wirklich.


Passt du denn auch auf dich auf? Ich mache mir solche Sorgen. Wenn ich mir vorstelle, wie du da auf dem Bahnsteig stehst, ganz allein… Da gibt’s Männer, Männer in Ledermänteln, die die Leute rausfischen... Gell, du passt auf dich auf?



Eberswalde-Finow. Kreisstadt am Finow-Kanal, Bezirk Frankfurt. 45.000 Einwohner. Kran-, Apparate-, Schiffsarmaturenbau, Papierindustrie, Schweinezucht- und Mastkombinat, wissenschaftliche Institute, fortwirtschaftlicher Garten. So steht’s im Lexikon. Was zu sehen ist: Schmutziggraue Häuserfassaden, abblätternder Putz, jede Menge Kopfsteinpflaster, kaum Autos auf den Straßen, dafür spielende Kinder, Pferdefuhrwerke, Armeefahrzeuge, Motorräder mit Beiwagen. Mitten auf dem Marktplatz ein Springbrunnen ohne Fontäne, Menschen in bunten Kunststoffjacken, die Schaufenster der wenigen Geschäfte kaum mit Ware bestückt, und über allem der Geruch von Kohlefeuer und Putzmittel. Zum Glück scheint die Sonne, sonst wäre es vollkommen trostlos.


Gegen Eberswalde ist Neuß eine Weltstadt. Obwohl Neuß keine Kanalbrücke über den Eisenbahngeleisen hat, kein Schiffshebewerk und keinen Tierpark mit Leoparden und Löwen. Rehe und Hirsche haben sie ebenfalls. Wahrscheinlich gibt es deshalb in der Tierpark-Gaststätte Hirschbraten.


Die Gaststätte ist ziemlich neu. Karin sagt, sie hat mit dran gebaut, für 1,50 Mark die Stunde, denn es gab keine Arbeiter, aber weil sie unbedingt zum 20. Jahrestag der Staatsgründung fertig werden musste, wurden Schülerinnen und Schüler als Hilfsarbeiter angeheuert.


Ab der siebten Klasse müssen sowieso alle zweimal im Monat Produktionsarbeit ableisten. Ihre Schule hat den VEB Kranbau als Partnerbetrieb. Angeblich erfolgt die Verteilung innerhalb des Betriebs mit Rücksicht auf den späteren Berufswunsch. In Karins Fall hat es schon mal nicht gestimmt, denn sie wurde als Bibliothekshilfe eingesetzt, obwohl sie sich zur Maschinenbauzeichnerin ausbilden lassen will. Nach einem halben Jahr kam sie in die Dreherei, wo sie einen Drehmeißel nach dem anderen ruinierte und seitdem mit einem Lehrling zusammenarbeiten musste, der immer froh war, wenn sie Feierabend hatte, weil sie sich angeblich von allen am dümmsten anstellte.


Eine Eisdiele gibt es auch. Aber da ist es im Bahnhofswartesaal gemütlicher. Was sie dort Cola nennen, kostet genau einundfünfzig Pfennige. Einundfünfzig! Auf- oder abrunden ist anscheinend mit dem Sozialismus unvereinbar.


Die Brückners wohnen in ihrem eigenen Haus, aber zusammen mit zwei anderen Familien. Warum sie sich mit dieser kleinen Wohnung begnügen, ist mir schleierhaft. Karin teilt sich ihr Zimmer mit ihrer Schwester Birgit, über deren Bett ein gruseliges Heintje-Poster hängt. Ihre Seite ist mit einem Bild von Roy Black geschmückt. An dem Bastteppich darunter hat ihr Vater ein selbstgemaltes Schild mit der Aufschrift Schmalzheini befestigt, was sie aber anscheinend nicht stört. Ihr Vater kann die Langhaarigen nämlich nicht ausstehen, nicht einmal einen zurechtgemachten Schnulzensänger wie Roy Black. Gut, dass die Mädchen nicht zu meinen Gunsten ins Zimmer der Oma ausgewichen sind und die Oma ins Wohnzimmer. Roy Black und Heintje hätten mir bestimmt Alpträume verursacht. Bloß dass meine Schlafstätte jeden Morgen abgezogen und in eine Couch zurückverwandelt wird, passt mir gar nicht, denn eines meiner gut gehüteten Geheimnisse besteht darin, dass ich nachts mein Kopfkissen vollsabbere. Solche Feuchtigkeitsflecken in der Bettwäsche können schnell falsch interpretiert werden, und das wäre mir sehr unangenehm. Deshalb gehe ich dazu über, sofort nach dem Aufstehen meine Bettwäsche selber abzuziehen und sorgfältig zusammenzulegen, damit die Brückners nicht, und sei es bloß durch Zufall, einen prüfenden Blick darauf werfen können.


Eine andere Sorge, wie ich nämlich ungesehen zur Toilette käme, sollte ich mal wieder mit einer Morgenlatte aufwachen, erweist sich zum Glück als grundlos; das Problem stellt sich erst gar nicht.

Geheizt wird mit zwei großen Kachelöfen, die mit Koks gefüttert werden. Immerhin haben die Brückners ein Spülklosett und kein Plumpsklo, wie Papa vermutete. Westfernsehen haben sie auch. Jeden Sonntagvormittag sitzt Karin vor dem Apparat und schreibt für die ganze Familie das Wochenprogramm von ARD und ZDF auf.


Zur Schule darf ich doch nicht mitkommen. Wahrscheinlich hat der Direx Angst, dass ich die Jugend negativ beeinflusse. Karin meint, ich würde auch nicht viel verpassen. Aber zum Polit-Kreis der Jungen Pioniere in der FDJ am Mittwochnachmittag darf sie mich mitnehmen. Und am Samstag ist Disco im Schuppen. Auf Nachfrage wird mir erklärt, dass es sich dabei um das Kreiskulturhaus handelt. Beide Namen verheißen nichts Gutes.


Am ersten Vormittag muss ich mich selbst beschäftigen. Gleich am Morgen gehe ich zur Volkspolizei, wo ich meine Aufenthaltserlaubnis erhalte, und danach zur Staatsbank-Filiale, um die 140 West- in Ostmark umzutauschen, die ich komplett ausgeben muss. Wenn ich nur wüsste, wofür.


Danach setze ich mich zu Oma Brückner in die Küche und helfe ihr beim Kartoffelschälen. Weil beide Eltern arbeiten, schmeißt sie den Haushalt. Sie hat Verwandte in Fürth, die sie ab und zu besucht. Vor einigen Jahren, erzählt sie, hat sie dort eine kleine Erbschaft gemacht, und von diesem Geld hat sie sich in Fürth Goldzähne machen lassen. Stolz zeigt sie mir ihr tadelloses Gebiss. Ihre Familie hielt das für keine gute Idee, aber sie findet, da ist das Geld am besten angelegt.


Über Westwaren weiß Oma Brückner gut Bescheid. Sie hält viel von Rei und Perwoll und preist Pfanni-Kartoffelklöße, weil sie der Hausfrau, also ihr, so viel Arbeit ersparen. Nebenbei erfahre ich, dass Karin so gut wie verlobt ist. Der Glückliche ist ein Bäckersohn namens Rolf und zurzeit bei der Armee. Und ich Idiot habe ihr auch noch den Verlobungsring dazu geschenkt. Hoffentlich kriegt er über Ostern keinen Urlaub.


Am Mittag hole ich Karin von der Schule ab. Das Gebäude ist mindestens hundert Jahre alt und hat im dritten Stock einen Balkon, der im Kaiserreich bestimmt dazu diente, dass ein vollbärtiger Direktor mit Monokel von hier aus seine Ansprachen halten konnte. Mehr als einen Blick hineinwerfen darf ich nicht.


Weil ich jetzt weiß, dass es Rolf gibt, frage ich Karin auf dem Heimweg beiläufig, ob sie schon mal richtig geküsst hat.


Abrupt bleibt sie stehen und sieht mich irritiert an, als wäre meine Frage eine Zumutung. Mit dem gleichen Blick musterte sie mich heute morgen, als ich im Pyjama auf dem Weg zum Badezimmer war, aus dem sie im selben Moment herauskam, nur mit fleischfarbener Unterwäsche bekleidet, offenbar in der Annahme, ich hätte sie extra abgepasst.


Was meinst du mit richtig? Mit Zunge reinstecken und so? Igitt, nee, das ist doch unhygienisch. Das möcht ich auf keinen Fall. Da werden ja Bazillen übertragen, solche Kokken... Du etwa?


Gott bewahre, lüge ich und denke dabei an Steffis Zunge in meinem Mund. Wenn sie wüsste, dass ich mit ihr nicht nur endlos lange geknutscht habe, sondern sie auch fast überall anfassen durfte.


Was macht es überhaupt für einen Sinn, sich gegenseitig die Zähne abzulecken, fragt sie, und ihre Miene drückt Abscheu aus.


Gar keinen, pflichte ich ihr bei. Ich wollte ja nur wissen, wie du darüber denkst.


Jetzt weißt du’s.


Ja.


Dieses Thema interessiert mich nämlich überhaupt nicht, sagt sie, und schreitet kräftig aus.


Ich weiß nicht, ob ich ihr glauben soll. So gut wie verlobt, aber noch keinen Zungenkuss ausprobiert? Wenn das stimmt, geht’s mir ja sogar besser als ihrem Rolf, der mindestens zwei Jahre älter sein dürfte und bestimmt gewisse Wünsche an seine Verlobte hat. Oder nennt man es in der DDR schon Verlobung, wenn man bloß locker miteinander befreundet ist? Dann habe ich vielleicht doch noch Chancen. Es kann jedenfalls nichts schaden, wenn ich ihr auch noch meinen weißen Rollkragenpullover mit den lila Streifen schenke. Wenn sie diesen flauschig-weichen Pulli trägt, den vorher ich getragen habe, bloß durch ein Unterhemd von ihrer nackten Haut getrennt, ist das, wie wenn ich meine Arme um sie schlinge. Gestern Abend, als der Vater endlich von der Schicht nach Hause kam und ich vor der versammelten Familie meine Gastgeschenke auspackte und ihr die graubraune Cordjacke überreichte, hat sie mich spontan umarmt. Das war schon mal ein Anfang.


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