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Über mein Zwischenzeugnis hat Papa sich unheimlich aufgeregt. Leider nicht wegen der Sauklaue von Ressel, der zurzeit unser Klassenlehrer ist und das Zeugnis anscheinend in aller Eile lustlos hingeschmiert hat. Was kann ich dafür, dass alle Fächer, in denen ich bestimmt das eine oder andere Befriedigend abbekommen hätte, Einführungskurse sind, die erst auf dem Abschlusszeugnis benotet werden? Dadurch ist der Gesamteindruck natürlich verfälscht. Die Sechs in Sport, weil ich dreimal blau gemacht habe, zählt sowieso nicht.


Gesagt hat Papa nichts, weil er sich nicht traut (Volksschüler). Aber unten auf dem Blatt, dort, wo die Unterschrift des Erziehungsberechtigten hin muss, sind Reste von Bleistiftschrift zu erkennen. Etwas war dort aufgeschrieben und wieder ausradiert worden. Nicht von Remmen, das wäre mir früher aufgefallen. Nein, das war erst zuhause passiert. Und es war Papas Schrift. Eine Sau, die so schlecht ist!, hatte da gestanden und war wieder ausradiert worden.


Die Sau habe ich mir wahrscheinlich eingehandelt, weil zum wiederholten Mal verklebte Taschentücher unter meinem Bett entdeckt wurden. Meine Erklärung, ich hätte Schnupfen, konnte zwar nicht widerlegt werden, aber trotzdem achte ich jetzt immer darauf, die vollgewichsten Tempos am nächsten Morgen ins Klo zu schmeißen. Die eigentliche Sauerei ist doch, dass man seine Nase in meine Angelegenheiten steckt. Jeder Arzt würde mich dafür loben, dass ich dabei bin, mich auf diese Weise von meiner Vorhautverengung zu befreien, von der ich vorher gar nichts ahnte.


Aus panischer Angst, dass ich mit den beiden Fünfen in Physik und Chemie sitzen bleibe, will mir Mama sogar das Taschengeld streichen. Selbst schuld, wenn ich mich dann wieder an den Rabattmarken vergreife. Um Mama zu beruhigen, verspreche ich ihr, montags nachmittags zu Oberg in die Physik-AG zu gehen. Wer in der AG ist, kriegt mindestens Ausreichend. Sonst würde auch keiner hingehen.


Und was ist mit Chemie? Da schreibt ihr doch sicher auch mal einen Test.


Die Tests sind danebengegangen, sage ich und halte den großen Teller, den ich gerade trockengewischt habe, wie einen Schild vor meine Brust.


Weil du nicht lernst, Kind! Du denkst, du kannst das so einfach aus dem Ärmel schütteln. Aber die Zeiten sind lange vorbei.


Die ewige Lehrerin. Ständig muss sie Unterricht erteilen. Kann sie nicht wenigstens zuhause damit aufhören?


Außerdem, rechtfertige ich mich, hat Leupold mich auf dem Kieker, weil ich mich für Arthur eingesetzt habe. Er wollte ihn vor die Tür setzen, dabei hatte er gar nichts gemacht.


Manchmal muss man sich eben fügen.


Wenn man unschuldig ist? Das soll man ertragen?


Du bist gerne so’n kleiner Aufrührer, wie?


Und was ist mit Jesus?


Was hat das denn mit der Bibel zu tun?


Ich rede nicht von der Bibel, sondern von Jesus. Jesus ist eine historische Persönlichkeit.


Jesus ist dein Vorbild? Das ist ja ganz was Neues, meint Mama schnippisch.


Für einen kurzen Moment komme ich mir wie Jesus selbst vor, als ihn seine Mutter zur Rede stellt, weil er mit den Lehrern im Tempel gestritten hat. Auch er muss sich rechtfertigen für etwas, was gar keiner Rechtfertigung bedarf. Ein andermal, als seine Mutter ihn wieder wegen irgendetwas anmacht, platzt ihm schließlich der Kragen und er sagt knallhart zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?


Er hat sich jedenfalls für Arme, Schwache und Kranke eingesetzt, sage ich, mittlerweile einigermaßen wütend. Das findest du doch auch gut, oder? Jedenfalls hast du uns das früher im Religionsunterricht erzählt.


Ach Kind, das kannst du doch nicht vergleichen. Dein Freund kann sich doch selber helfen.


Aber ich kann Ungerechtigkeit nicht leiden. Und außerdem war ich nicht allein. Wir haben uns mit mehreren für Arthur eingesetzt. Und Leupold hat klein beigeben müssen.


Da habt ihr aber triumphiert, was? Das kann ich mir vorstellen. Kein Wunder, dass dein Lehrer dir das nicht verziehen hat.


Findest du das etwa in Ordnung? Bloß weil man mal seine Meinung sagt?


Deswegen muss man nicht immer gleich aufsässig werden. Diplomatisch sein. Es heißt nicht umsonst, der Ton macht die Musik. Manchmal ist Reden Silber – und Schweigen Gold.


Blablabla.


An der Stelle mischt sich Papa ein. Jetzt woll’n wir mal nicht frech werden, sagt er. Du redest mit deiner Mutter.


Ja, aber immer diese dämlichen Redensarten.


Bürschlein, sagt Mama und erhebt ihre Hand. Musst du immer das letzte Wort haben?


Als wenn sie mir damit Angst machen könnte. Jetzt bin ich erst recht sauer. Ihr wollt bloß immer Recht haben! Immer! schreie ich und pfeffere das Abtrockentuch auf die Spüle.



Mit Beginn des zweiten Halbjahrs ist die Probephase für das neue Kurssystem beendet und wir bekommen einen neuen Stundenplan. Zu meinem Entsetzen hat sich eine der beiden Chemiestunden bei Leupold auf die nullte Stunde am Mittwoch verschoben, was Unterrichtsbeginn um halb acht bedeutet, und dafür muss ich spätestens um Viertel nach sechs aufstehen. Für Leupold selbst kann das auch kein Spaß sein, denn er kommt mit dem Zug aus Köln. Wir nennen ihn Che, weil er ständig einen Diaprojektor durch die Gegend schleppt, auf dem groß mit weißer Lackfarbe die Buchstaben CHE stehen. Mit unserem toten Idol hat er jedoch nichts am Hut; nicht mal im Traum würde er daran denken, Widerstand gegen den von Dr. Brych und Dr. Kleine-Natrop ausgetüftelten Stundenplan zu organisieren. Arthur, Keeseberg, Künzel, Martina und mir stinkt es dagegen gewaltig, dass wir im Morgengrauen zum Unterricht antanzen müssen. Daher beschließen wir, unser Frühstück in die nullte Stunde zu verlegen – und zwar mit allem Drum und Dran, Geschirr, Besteck und Servietten, wie es sich gehört.


Weil wir uns im Chemiehörsaal zusammen nach hinten gesetzt haben, kriegen die andern einschließlich Leupold zunächst nichts mit. Erst als ich links und rechts neben mir aus der Thermoskanne geräuschvoll Kaffee in die Tassen verteile, entwickelt sich in der Reihe vor uns Unruhe und leises Lachen, wodurch auch Leupold auf uns aufmerksam wird.


Was gibt das denn? ruft er uns zu, die Fäuste in die Hüften gestemmt.


Wir frühstücken, rufen wir aus vollem Mund.


Ich glaub’, es hackt! Das könnt ihr gleich in der Pause machen!


Wir haben aber jetzt Hunger.


Ja, mir wird schon schwarz vor Augen. Wegen der Unterzuckerung. Kann ich mal bitte die Milch haben, Martina?


Dann hättet ihr eben zuhause frühstücken sollen!


So früh krieg ich aber noch nichts runter, Herr Leupold.


Ich auch nicht! Vor sechs nimmt mein Magen nichts auf. Noch jemand eine Scheibe von der leckeren Wurst?


Ihr hört jetzt sofort auf zu essen! Weg damit! Das ist doch alles fett und futt... Ganz abgesehen von dem unästhetischen Dings!


Aber wenigstens Kaffee trinken dürfen wir, oder? Für die Konzentration. Ich penn sonst ein!


Ich auch! Jemand Johannisbeermarmelade, selbstgemacht?


Als ich die Brötchenkrümel auf meinem Platz zu einem Häufchen zusammenschiebe, lese ich, was ein früherer Leidensgefährte mit ungelenken Buchstaben ins Pult geschnitzt hat: Hier verkam mein Genie.

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